Friedeburg - Ein Stück Friedeburger Geschichte geht zu Ende: Die Eigentümerfamilie Bünting will ihr „Deutsches Haus“ am Markt platz mit dem gesamten Grundstück an die BeWo Besser Wohnen GmbH Friedeburg verkaufen. Zur Immobilie gehören das Hotel mit Restaurant und Saal, die angrenzende Kegelbahn und der Schießstand sowie rückwärtig der neuere Komplex, der als Motel genutzt wurde.
Laut Ulrike Bünting, die das Haus 2011 erwarb und es zusammen mit ihren Eltern Gerda und Andreas Bünting leitete, war es in den vergangenen Jahren immer schwieriger geworden, den gastronomischen Betrieb wirtschaftlich zu führen. Den entscheidenden Anstoß, das „Deutsche Haus“ zu verkaufen, habe schließlich die Corona-Krise gegeben. „Seit Frühjahr fanden ja keine Veranstaltungen mehr statt, und von Gesellschaften, Vereinsfesten und Hochzeiten haben wir ja immer gelebt“, sagt Ulrike Bünting.
Pächter Iljan Haliti habe nach gut einem Jahr seinen Vertrag wieder gekündigt, und dessen Nachfolger blieb im vergangenen Jahr nur wenige Monate – ein Zeichen, dass die gastronomische Wiederbelebung des Objektes schwierig ist. Die früher am Haus befindlichen Kegelclubs und manche Vereine hätten sich bereits anderweitig orientiert. Ulrike Bünting selbst ist wieder dort beruflich tätig, wo sie vor Hotelübernahme war: auf dem Campingplatz in Timmel. „Auch ich bin nicht glücklich, dass wir das Deutsche Haus verkaufen müssen“, erklärt die 41-Jährige.
„Eine Expertise hat ergeben, dass sich der Altbau nicht mehr wirtschaftlich und energetisch vertretbar nutzen lässt“, erklärt André Becker, neben Jens Wolzen BeWo-Gesellschafter, auf unsere Nachfrage. So werde das Hotel mit Kegelbahn und Schießstand abgebrochen, was laut dem noch nicht unterschriebenen Kaufvertrag Angelegenheit der Familie Bünting sei. Bis April kommenden Jahres solle dies vollzogen sein. Wahrscheinlich in diesem Herbst, so Bünting, soll ein Inventarverkauf stattfinden.
Das im rückwärtigen Bereich liegende Motel bleibt indes erhalten und wird bereits mit Mitarbeitern des Friedeburger Unternehmens infumed belegt, dessen Geschäftsführer André Becker ist. Im Gewerbegebiet am Russlandweg wollte der expandierende Hersteller medizinischer Schläuche eigentlich Wohngebäude für zusätzliches Personal schaffen, „aber die Bauleitplanung kommt dort nicht richtig voran“, sagt Becker, Arbeitgeber von 148 Beschäftigten.
So nutze er jetzt das erworbene Motel, in dem 20 dauerhaft beschäftigte und sozialpflichtig versicherte Festangestellte aus dem Ausland zu erschwinglichen Konditionen unterkommen – unter anderem Fachpersonal aus Rumänien und Polen. „Unter ihnen ist auch ein Ingenieur aus Indien“, gibt der Infumed-Geschäftsführer ein Beispiel. Allen Beschäftigten stehe hier nach der Renovierung zeitgemäßer Wohnraum mit eigenem Bad zur Verfügung.
Was eine Ersatzbebauung an dieser Stelle betrifft, befindet sich die BeWo GmbH noch in der Findungsphase. „Vorstellbar sind Wohnungen, eine neue Gastronomie oder anderes Gewerbe“, lässt André Becker seine Gedanken spielen. Aber auch für ein kleines Hotel in einem zeitgemäß anspruchsvollen Standard gebe es in der Region einen großen Bedarf, der im Zusammenhang mit den innovativen Unternehmen auch in der Gemeinde Friedeburg steht. Für Wünsche und Anregungen habe er ein offenes Ohr.
Beim Vorstand des Schützenvereins Friedeburg schrillten angesichts der Verkaufsnachrichten die Alarmglocken. Hat man doch in absehbarer Zeit kein Vereinsdomizil und keinen Schießstand mehr. „Ich möchte den Schützen helfen, ein neues Domizil zu finden“, erklärte Becker auf Nachfrage.
Angesichts des leckenden Daches des Schießstandes und anderer Baumängel hat der Schützenverein sein Ende im Deutschen Haus bereits kommen sehen, wie Vereinsvorsitzender Georg Löschen berichtet. Jetzt müsse man wohl ordentliche finanzielle Klimmzüge für ein neues Vereinsheim machen. „Für die nächsten 20 Jahre muss es dann passen, sowohl für den Bogensport als auch für das Luftgewehrschießen.“
Auch wenn die Überlegungen erst beginnen: Die Schützen liebäugeln mit Neubau – und einer Unterstützung seitens der Gemeinde Friedeburg. Denn auch bei der Alten Pastorei in Horsten und beim Ballma-Hus in Reepsholt seien beispielsweise öffentliche Gelder in stattlicher Höhe geflossen, erinnert sich Löschen. In der dritten Septemberwoche findet eine außerordentliche Mitgliederversammlung des Schützenvereins zu diesem Thema statt.
„Viele Menschen – auch über Friedeburg hinaus – verbinden eigene Erlebnisse und Geschichten mit dieser Gaststätte, in der eine Vielzahl unterschiedlichster Feiern und Veranstaltungen stattfand“, erklärt Bürgermeister Helfried Goetz, der traurig ist über das sich abzeichnende Ende des „Deutschen Hauses“. Dazu befinde sich das Gebäude auch in sehr präsenter Lage gegenüber dem Rathaus und am „roten Platz“. „Deshalb ist es wohl keinem egal, was hier passiert.“ Becker habe bereits das Gespräch mit der Gemeinde gesucht und seine Bereitschaft zur Kooperation signalisiert, was auch erwidert werde. Goetz: „Ich würde mich freuen, wenn ein Nutzungskonzept steht, bevor das Gebäude abgerissen wird.“
