Sechs Personen, knapp 30 000 Kilometer, viele fremde Länder, kein Geld: Joey Kelly – bekannt von der Kelly-Family und seinen zahlreichen extremen Sport-Challenges – und seine Familie haben sich an die Panamericana-Tour gewagt, eine Tour quer über den gesamten amerikanischen Kontinent von Alaska bis an den Südzipfel Südamerikas. Im Interview gibt er Einblicke in das Erlebte, erzählt von besonderen Momenten und spricht auch über neue Projekte, wie die Teilnahme an der Survival-Serie „7 vs. Wild“.

Ihre Familie ist Extreme mittlerweile ja gewöhnt. Wie war es diesmal für sie, selbst Teil eines Ihrer Abenteuer zu sein?

Joey KellyWir haben von Anfang an gesagt, wenn jemand nicht mehr möchte, kann er zum nächsten Flughafen und nach Hause zu Oma fliegen. Aber ich muss sagen, alle haben super mitgezogen und es war ein unglaubliches Erlebnis. Ich persönlich habe da schon vor 20, 30 Jahren von geträumt. Für Leute wie mich, die Abenteuer machen, ist das der höchste Punkt. Mehr geht einfach nicht. Ich bin total happy und begeistert, dass das alles geklappt hat und alle heil geblieben sind. Es war wirklich gigantisch, es ist kaum in Worte zu fassen.

Hand auf’s Herz: Sechs Personen in einem, zugegeben großen, Wohnmobil und das für so lange Zeit: Gibt’s da auch mal Lagerkoller?

Joey Kelly(lacht) Also meine beiden Söhne haben, wenn es ging, immer in eigenen Zelten vor dem Wohnmobil geschlafen. Wir haben als Familie noch nie so eng so viel Zeit zusammen verbracht. Wir haben jeden Tag etwas Neues erlebt, es ist viel besser gelaufen, als ich dachte. Und außerdem hatten wir auch ein sehr großes Wohnmobil, da war genug Platz um auch mal für sich zu sein.

Welchen Platz nimmt dieses Abenteuer bei dir ein?

Joey KellyEs hat definitiv einen besonderen Platz in meinem Herzen. Das, was wir erlebt haben, werden wir für immer miteinander teilen, unser ganzes Leben lang. Die Panamericana an sich ist schon eine Sache, die nur ganz wenig Menschen erleben. Und wir haben es dazu noch als Familie gemacht, das ist genial. Allein, dass schon alle Feuer und Flamme für die nächste Challenge im Sommer sind, spricht denke ich für sich.

Die Panamericana-Route

Die Strecke der Panamericana ist ein System von Schnellstraßen, das Alaska mit dem sogenannten Feuerland verbindet. Das Feuerland ist eine Inselgruppe am südlichen Zipfel Südamerikas. Der Pan-American-Highway ist knapp 30 000 Kilometer lang.

Auf der Route  haben Kelly und seine Familie verschiedene Klimazonen passiert, unter anderem dichten Dschungel aber auch Gebirgspässe. Auf der Tour passiert man 14 bis 19 Länder. Je nach dem, ob noch Nebenstrecken mitgenommen werden.

Sie haben sich der Herausforderung gestellt, kein Geld für Essen und Benzin ausgeben zu dürfen. Stattdessen haben Sie sich mit Spenden und Tauschgeschäften die nötigen Dinge beschafft. Wie können wir uns das vorstellen?

Joey KellyWir haben alles mitgenommen, was wir verschenken oder tauschen konnten. Neben vielen Klamotten wie Pullovern oder Jacken hatten wir auch etwa 400 Kuscheltiere dabei. Zusammen mit dem Schmuck hatten wir eigentlich alles gut abgedeckt. Für jeden war etwas dabei zum Tauschen. Ganz plakativ gesagt: Für den Mann vielleicht eine coole Jeansjacke, für die Frau Schmuck und für Kinder die Kuscheltiere. In Nordamerika war das etwas einfacher, da sind die Menschen etwas begeisterungsfähiger für dieses ganze Thema „Challenge“.   Da rennst du überall offene Türen mit ein. Andererseits war es in Südamerika schön zu sehen, wie sehr sich die Kinder teilweise über die Kuscheltiere gefreut haben, weil sie sowas einfach nicht kannten.

Auf Ihrer Reise sind Sie auch durch große Teile Südamerikas gekommen. Dort kommt es in einigen Ländern immer wieder zu politischen Unruhen, teilweise herrschen dort Diktatoren. Gab es heikle Momente auf Ihrer Reise?

Joey KellyBei manchen Ländern konntest du dir nie sicher sein, ob sie dich rein- oder wieder rauslassen. Honduras, Guatemala und Nicaragua im Besonderen, das sind alles kommunistisch regierte Länder. Da hast du teilweise keine Garantie an der Grenze, dass du reinkommst. Wenn die nicht wollen, wollen die nicht. Zum Zeitpunkt unserer Reise gab es in Peru politische Unruhen, da gab es teilweise 200 Straßensperrungen in der Woche, wo wir da waren, sind 54 Menschen gestorben. Wir haben uns aber immer gut bewegt und Abstand von den größeren Städten und Unruheherden gehalten und sind zum Glück nie wirklich in gefährliche Situationen gekommen.

Gab es ein Erlebnis, dass Ihnen besonders im Gedächtnis ­geblieben ist?

Joey KellyWir haben in Chile eine Frau mit ihren zwei kleinen Kindern getroffen, die waren sechs und acht Jahre alt. Sie hat uns erzählt, dass sie aus Venezuela geflüchtet ist. Dort verdienen die Menschen vielleicht 40 Dollar im Monat, aber das Brot kostet trotzdem zwei Dollar.  Als wir sie getroffen haben, wollte sie trotzdem wieder zurück.  Eine ihrer Töchter wurde in Chile wohl stark missbraucht und redete seitdem nicht mehr. Wir haben ihr Geld gegeben, Essen geholt und Klamotten geschenkt. Alle haben geweint. Wenn man solche Geschichten hört und den Menschen gegenübersteht, das ist einfach nur verrückt.

Nach dieser extremen Reise haben Sie sich direkt für ein neues Projekt gemeldet, die Survival-Serie „7 vs. Wild“, die vor allem im Internet auf YouTube sehr populär ist. War das eine neue Erfahrung für Sie?

Joey KellyEs ist auf jeden Fall etwas anderes. Bei vielen meiner Challenges war ich ja allein unterwegs. Bei dem Format bist du zu zweit eine Woche lang in der Wildnis ausgesetzt und hast nicht viel dabei. Wenn du das gemeinsam schaffst, sagst du am Ende: „Wir sind Freunde für’s Leben“ oder „Fuck off, du bist ein Arsch“.   Jan (Lange, Anm.d.Red.) und ich haben aber super harmoniert. Wichtig ist mir dabei immer Respekt und Ehrlichkeit, wir haben uns auch kein einziges Mal gestritten. Aber ich will noch nicht zu viel verraten.

Sie sind mittlerweile 50 Jahre alt und haben schon einiges erlebt. Wie viel kommt da noch und wann sagen Sie, es reicht?

Joey KellyIch fühle mich gut und gesund. Mein absolutes Vorbild ist Rüdiger Nehberg, für mich ist er der Godfather of Survival. Er und auch Reinhold Messner haben noch so krasse Dinge gemacht, da waren die deutlich älter als ich heute.  Es macht mir Spaß und ist meine Leidenschaft. Außerdem suche ich mir die Dinge ja aus, sie werden mir ja nicht aufgedrückt. Messner ist mit 65 noch durch die Wüste Gobi marschiert. Da denke ich mir doch: „Ja geil, 15 Jahre hast du auf jeden Fall noch“.

Sarom Siebenhaar
Sarom Siebenhaar Redaktion Jever