Schortens - Die Planungen sind abgeschlossen, der Auftrag ist vergeben: Am Montag, 5. Juni, beginnen die Arbeiten zur Abbindung der oberen Menkestraße. Dieser etwa 100 Meter lange Straßenabschnitt wird für den Durchgangsverkehr gesperrt und in seine verkehrsberuhigte Sackgasse mit Wendekreisel umgebaut, die nur von der Oldenburger Straße aus anfahrbar ist.
Dieses Vorhaben ist nach wie vor umstritten. Ein Anlieger hat nach den Worten von Bürgermeister Gerhard Böhling einen Antrag auf einstweilige Verfügung gegen den Umbau gestellt. Auch bei der Anliegerversammlung am Dienstag wurden Sinn und Umsetzung der Abbindung kontrovers und polemisch diskutiert. Die Stadt war mit Bürgermeister Gerhard Böhling und Bauamtsleiter Andreas Büttler sowie dessen Stellvertreter Frank Schweppe vertreten, das Planungsbüro IST (Schortens) war mit vier Vertretern vor Ort: Geschäftsführer Horst Rolfs, Verkehrsplaner Henning Cassens, Bauleiter Axel Teske und Planerin Katja Balke.
Wie lange dauert der Umbau ?
Rolfs nannte eine Bauzeit von maximal acht Wochen. Er geht aber davon aus, dass die Arbeiten innerhalb von fünf bis sechs Wochen abgeschlossen sein werden. Die Baustelle wird mit einem Bauzaun abgesperrt, aber die Geschäfte werden fußläufig zu erreichen sein. Grundsätzlich bleiben auch das Ärztehaus mitsamt dem hinter dem Gebäude liegenden Parkplatz in der Bauphase erreichbar - und nach Abschluss der Bauarbeiten dann ohnehin.
Was genau ist geplant ?
Das vorhandene Pflaster wird nach Rolfs Worten aufgenommen. Es wird eine ebenerdige Wendeanlage eingebaut, die problemlos auch von Radfahrern überquert werden kann. Rolfs: „Für Radfahrer wird es eleganter und entspannter werden.“
Zwei Auto-Stellplätze und zwei Bäume müssen weichen. Der Behindertenparkplatz wird versetzt, fällt künftig aber größer aus. Der Einmündungsbereich zur Alten Ladestraße wird mit fünf Pollern versperrt, die aber per Handy versenkbar sein werden, sodass Liefer- und Müllfahrzeuge sowie Feuerwehr und Rettungsdienst aus der oberen Menkestraße herausfahren können.
Zudem entstehen neue Grünflächen mit neuen Bäumen und zur Alten Ladestraße hin ein „Baumtor“. „Die obere Menkestraße gewinnt definitiv an Aufenthaltsqualität“, meint Rolfs.
Wo bleibt der Lieferverkehr ?
Während der Bauphase müssen Lieferfahrzeuge in der Oldenburger Straße halten, sagte Rolfs auf eine Frage von Kirsten Henke vom Ki-Ko-Kiosk – und erntete für diese Aussage spöttisches Gelächter mehrerer Besucher. Die Baufirma sei angewiesen, Einschränkungen der Anlieger so gering wie möglich zu halten und bei Bedarf zu helfen. „Ein Radlader fährt Ihnen die Paletten bis vor die Tür“, ergänzte Bauleiter Axel Teske.
Wie sieht es mit Lieferverkehr nach Abschluss der Bauphase aus? Eine ausgewiesene Ladezone ist laut Rolfs nicht vorgesehen. Liefer-Lkw halten in der Wendeanlage oder dahinter, Richtung Alte Ladestraße. Kirsten Henke und auch ihr Mann Jan Schütter bezweifeln, dass dafür ausreichend Platz zur Verfügung steht: „Der Lkw steht dann mit dem ,Mors’ auf dem Kreisel“, sagte Henke. „Ich sehe da nur Verkehrschaos“, sagte Uwe Coordes (Vital Apotheke), denn: „Die Poller sind für uns wie eine zweite Schranke.“
Kann die Alte Ladestraße den ganzen Verkehr aufnehmen ?
Zentrales Thema der Versammlung war die Verkehrssituation, die sich durch die einseitige Sperrung der oberen Menkestraße ergibt. Henning Cassens (IST) stellte das Verkehrsgutachten vor, basierend auf einer 24-stündigen Verkehrszählung an drei Tagen: Dienstag, Donnerstag und Samstag.
Demnach gibt es in der oberen Menkestraße Spitzenwerte von 3990 Fahrzeugbewegungen pro Tag und 370 Fahrzeuge pro Stunde (Donnerstag, 16.15 bis 17.15 Uhr). Dieser Verkehr fließt künftig über die Alte Ladestraße. Die Kapazität der Ampelkreuzung beim Bahnhof würde dadurch überschritten, im schlimmsten Fall wären Rückstaus bis fast zur alten B210 möglich, sagte Cassens.
Aber: Durch eine bedarfsgerechte Umprogrammierung der Ampelanlage lasse sich die Leistungsfähigkeit der Ampel-Kreuzung gewährleisten. Das sei mit der Fachfirma Jähnig bereits besprochen worden. Konkret gehe es etwa darum, Ampel-Schaltphasen um drei oder fünf Sekunden zu verlängern. Cassens: „Das merkt der Autofahrer nicht.“
„Alle Verkehre können vernünftig abgewickelt werden“, sagte Cassens zu mehreren Detailfragen zum künftigen Verkehrsfluss. Allerdings: Nach der Abbindung und nach Fertigstellung des Müller & Egerer-Neubaus mit Café und 18 Wohnungen müsse die Verkehrssituation durch erneute Zählungen überprüft werden.
KiKo-Seniorchef Ulv-Jürgen Henke ist hingegen der Auffassung, dass ohne das Müller & Egerer-Vorhaben noch gar keine belastbaren Zahlen vorliegen: „Ich habe den Eindruck, dass sie den Flaschenhals erweitern wollen, in dem sie drei Trichter hineinstecken.“ Und Uwe Coordes hat Zweifel, ob die Oldenburger Straße mehr Verkehr aufnehmen kann: „Schon jetzt ist es dort sehr ,stauig’.“
Welchen Sinn hat die Abbindung ?
Es entsteht - auch in Verbindung mit der Neugestaltung des angrenzenden Mühlensteingartens – ein verkehrsberuhigter Bereich, der zum Verweilen einlädt und in dem auch Veranstaltungen stattfinden könnten. Davon werde auch die Geschäftswelt profitieren. Das ist in aller Kürze die Argumentation der CDU/Grüne-Gruppe, mit deren Stimmen die Abbindung beschlossen wurde. Auch die Freien Bürger sind dieser Auffassung und ebenso Bauamtsleiter Andreas Büttler. Er verwies auf Süddeutschland, wo es in jedem Ort einen pulsierenden Marktplatz mit Geschäften und Gastronomie gebe: „Zu dieser Erlebnisqualität müssen wir auch kommen.“
„Eine lebendige Innenstadt setzt besondere Geschäfte heraus“, entgegnete Kirsten Henke, „aber wir haben austauschbare Produkte.“ Und wenn die obere Menkestraße nur noch eingeschränkt mit dem Auto erreichbar sei, führen die Kunden zur Tankstelle.
Uwe Coordes sieht das ähnlich: „Die Aufenthaltsqualität hängt am Einzelhandel“, und Schortens habe immer von der guten Verkehrserschließung profitiert. Mit der Abbindung werde dieser Vorteil gleichsam verspielt. Coordes sieht die Frequenz von bis zu 1500 Kunden pro Tag gefährdet.
Entstehen Kosten für die Anlieger ?
Die Anlieger müssen nichts für die Abbindung zahlen, bekräftigte Bürgermeister Böhling auf Nachfrage. Der Stadt stehen Fördermittel von bis zu 230.000 Euro zuzüglich eines zehnprozentigen Eigenanteils zur Verfügung – und das wird laut Böhling auch reichen. Der Umbau muss bis 15. August beendet sein, sonst verfallen die Fördergelder.
Warum wurden die Betroffenen nicht gefragt ?
Eben wegen der Frist für die Förderung ist das Vorhaben seit Mitte März unter Zeitdruck vorangetrieben worden. „Die Bürger wurden aber nie gefragt“, sagte Kirsten Henke und erhielt Beifall von etlichen Besuchern der Versammlung.
Zwar wurde schon im Stadtentwicklungsprozess 2014/15 das Fehlen von Verweilplätzen auch in der oberen Menkestraße moniert, aber seitens der Politik habe es auch immer geheißen, ohne Beteiligung der Anwohner würden keine Beschlüsse gefasst, ergänzte Schütter. Nun aber, so Henke, „sind die Fronten verhärtet“.
