Varel/Zetel - Antibiotika für Erwachsene, Medikamente gegen Diabetes und Blutdruck oder auch Psychopharmaka – was für Apotheken normalerweise zum Grundsortiment gehört, ist in der Friesen-Apotheke in Varel derzeit rar gesät bis gar nicht vorhanden. „Momentan spitzt es sich zu, weil gleichzeitig die Nachfrage steigt“, sagt Inhaber Jandirk Burchards. Der Mangel betreffe vor allem Generika, also Nachahmungen von Medikamenten, für die der Patentschutz abgelaufen ist. Aktuell gehe es darum, den richtigen Moment zu erwischen, um zu bekommen, was man benötigt und dann möglichst in großen Mengen. Aber: „Bei den Großhändlern landet man immer öfter auf Wartelisten und muss somit eine Zeit lang ohne das gewünschte Medikament auskommen.“
Jedem wird geholfen
Das Problem ist für die Friesen-Apotheke sowie für andere Apotheken in Deutschland nicht neu, deshalb hat man so gut es geht Vorkehrungen getroffen, vor allem, was Fiebersäfte für Kinder anbelangt. „Im Sommer haben wir immer mal was dazu gekauft und sind für den Winter gut bevorratet“, sagt Jandirk Burchards. Mit leeren Händen schicken sie keinen Kunden nach Hause. „Es gibt immer Alternativen, auf die man sich einigen kann“, erklärt er. Dabei halte man, wenn nötig, Rücksprache mit den Ärzten, um eine Lösung zu finden.
Auch Dr. Rolf Bruns, Betreiber der Apotheke am Rathaus in Zetel, fehlt es an vielen Medikamenten – vor allem an standardmäßigem Penicillin. „Man muss derzeit genau planen und einkaufen, um von allen Wirkstoffen etwas da zu haben.“ Direktbestellungen beim Hersteller, mit denen sie sich gerade im Frühherbst stets den Vorrat mit Fiebersäften und Ähnlichem füllen konnten, werden nicht mehr angeboten, bedauert Bruns. Stattdessen ist der Apotheker angewiesen auf eingeschränkte Warenkontingente von Großhändlern. „Wenn wir zehn Ausgaben eines Medikaments bestellen, kriegen wir vielleicht fünf“, sagt er.
Ärger über Rabattverträge
Verärgert ist Bruns über die Rabattverträge, die zwischen Krankenkassen und Herstellern geschlossen werden und festlegen, dass die Kunden der jeweiligen Krankenkassen, wenn möglich, nur mit den Präparaten des Vertragspartners versorgt werden. Sind die nicht vorrätig, sind die Apotheker angehalten, eines der vier billigsten alternativen Präparate abzugeben. Dies beschneide die Freiheit der Apotheken, so Bruns. „Zu Corona-Zeiten durften wir nach Rücksprache auch vergleichbare Wirkstoffe abgeben, das geht jetzt nicht mehr so einfach.“
Was Kinderarzneimittel angeht, ist ein Vorrat vorhanden. Sollte es zu Engpässen kommen, würden Bruns und sein Team Fiebersäfte selbst produzieren, so wie sie es im vergangenen Jahr getan haben. Zudem ist Bruns Inhaber von insgesamt drei Filialen. „Wenn es also in einer Filiale ein gewünschtes Mittel nicht mehr gibt, schauen wir in den anderen zwei Filialen nach.“ Ansonsten würde er längerfristige Bestellungen beim Großhandel aufgeben oder bei anderen Apotheken nachfragen, um so sicherzustellen, dass die Kunden versorgt werden.
Wandel erwünscht
Mittelfristig wünschen sich Burchards und Bruns, dass die heimische Pharmaindustrie wieder angekurbelt wird. Ein Großteil der Wirkstoffproduktion findet derzeit in Fernost statt, weil es dort günstiger ist. „Es heißt immer, Apotheker sollen mehr bevorraten“, sagt Burchards, „aber wenn hier nichts produziert wird, kann man auch nichts bevorraten.“ Das Bundesgesetz gegen Lieferengpässe sei „nur Augenwischerei“, die Politik habe die Wurzel des Problems nicht erkannt.
Bruns beklagt, man habe das System „kaputtgespart“. Selbst, wenn man wieder vor Ort produzieren lassen wolle, sei dies ein langwieriger Prozess. „Der Aufbau einer Produktionsanlage inklusive Genehmigungsverfahren ist eine Sache von fünf, sechs Jahren.“ Es räche sich nun, dass man hierzulande zu sehr darauf bedacht war, Geld zu sparen.
