Das Jahr ist noch jung, aber den ersten handfesten Aufreger, wenn man es so nennen möchte, gibt es schon: die Proteste der Landwirte in ganz Deutschland gegen die Politik der regierenden Ampelkoalition. Es stellt sich die berechtigte Frage: Sind sie im Recht? Eine Frage, die, je nachdem wen man fragt, unterschiedliche Antworten hervorbringt. Die Landwirte sorgen zu großen Teilen sprichwörtlich für das Essen auf unseren Tellern. Außerdem muss man konstatieren, dass die Landwirtschaft, stärker als die meisten anderen Branchen, besonders betroffen ist von Subventionen des Landes.
Änderungen auf den Gebieten Tierwohl, Klima- und Umweltschutz sowie Nachhaltigkeit befinden sich in einem stetigen Wandel, auf den auch die Bauern regelmäßig reagieren und sich dementsprechend anpassen müssen. Die ursprüngliche Entscheidung der Regierung, Vergünstigungen für Agrardiesel abzuschaffen und land- sowie forstwirtschaftliche Fahrzeuge nicht mehr von der Kfz-Steuer zu befreien, brachte das Fass wohl zum Überlaufen.
Aber ist die Reaktion der Landwirte die richtige? Es wirkt fast so, als wollten sie, dass demjenigen recht gegeben wird, der am lautesten schreit. Oder um bei den Protesten zu bleiben: dem der den größten Trecker auf die Straßen und Kreuzungen stellt. Und sind wir ehrlich: Wann hat diese Art und Weise des Protests jemals zum Erfolg geführt? Was ist aus der Argumentationskultur geworden, in der man diskutiert, debattiert und sich an einen Tisch setzt. Die Sorgen und die Wut mögen berechtigt sein, ich bin kein Landwirt und kann die Situation deshalb nicht in ihrer Gänze bewerten. Aber wo kommen wir hin, wenn demjenigen recht gegeben wird, der eben am lautesten schreit?
Ich war bei den Protesten vor Ort, habe mit den Bauern gesprochen. Auf meine Fragen kam oft dieselbe Antwort: Es sei sowieso alles Mist, die Regierung laufe in die falsche Richtung, das Land gehe den Bach runter. Detaillierte und konstruktive Antworten? Nur vereinzelt. Die Demonstrationskultur in Deutschland ist ein Privileg, das es kaum in einem anderen Land gibt. Über die Art und Weise der Landwirte kann man natürlich streiten, aber unter dem Strich ist es gut, dass es diese Möglichkeit des Protestes gibt. Die Landwirte beschweren sich, nicht gehört zu werden. Aber: Wer das tut, sollte auch etwas zu sagen haben, wenn er gefragt wird. Sonst könnten sie bald enden, wie die Proteste der Bewegung „Letzte Generation“, der in der breiten Gesellschaft mittlerweile aber wohl mehr Ablehnung als Unterstützung entgegenschlägt.
