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NWZonline.de Region Friesland Bildung

Frühwarnsystem hilft bei erstem Verdacht

16.02.2017
NWZonline.de NWZonline 2017-02-16T05:03:22Z 280 158

Kinderschutz:
Frühwarnsystem hilft bei erstem Verdacht

Varel Regelmäßig erscheint ein Kind mit sichtbaren Verletzungen zum Unterricht. Schnell wird klar: Der blaue Fleck rührt nicht von einem Sturz her, sondern von einem Handschlag. Oder der Schüler macht einen ungepflegten Eindruck; oder er ist unterernährt. „Das sind Anzeichen einer möglichen Misshandlung“, sagte Ilka Mühlfriedel, Leiterin der Koordinierungsstelle Kinderschutz beim Landkreis Friesland.

Um bei Verdachtsfällen frühzeitig und vor allem fachgerecht und effektiv tätig werden zu können, haben der Landkreis Friesland und die Niedersächsische Landesschulbehörde einen Leitfaden für Lehrer und Sozialarbeiter entwickelt. Am Mittwoch unterschrieben Landrat Sven Ambrosy und Horst-Dieter Husemann von der Regionalabteilung Osnabrück den Kooperationsvertrag in Varel.

Ziel ist es, den Kinderschutz durch Vernetzung der unterschiedlichen Institutionen wie Schulen und Vereine zu stärken. Vor allem im ländlichen Raum, betonte Ambrosy: „Hier sind die Wege länger und es gibt weniger Einrichtungen.“ Stellt ein Lehrer eine Misshandlung fest, kann er sich Hilfe über den Landkreis holen. Dieser stellt dann Fachkräfte zur Lösung der Probleme zur Verfügung. „Nun ist eine effizientere Bekämpfung der Kindeswohlgefährdung möglich, denn diese scheiterte oft, weil die Vernetzung fehlte“, sagte Ambrosy.

Zwar achten die Lehrer schon jetzt auf Warnzeichen, die auf einen Kindesmissbrauch hindeuten. „Das ist auch die Aufgabe eines jeden studierten Lehrers“, betonte Husemann: „Aber das können wir ihnen nicht alleine zumuten.“ Dazu erfordere es einen vorgefertigten, festgelegten Rahmen der vorgibt, wie man im Bedarfsfall vorgeht“, betonte er und bezeichnete die neue Kooperation als „Frühwarnsystem mit mehreren Stufen“ (siehe Infobox).

Anzeichen für eine mögliche Kindesgefährdung

Äußere Erscheinung des Kindes
- massive oder wiederholte Zeichen von Verletzungen (z.B. Blutergüsse)
- lange Krankenhausaufenthalte
- erkennbare Unterernährung, fehlende Körperhygiene

Verhalten des Kindes/Jugendlichen
- wiederholte oder schwere gewalttätige und/oder sexuelle Übergriffe gegen andere
- Kind wirkt berauscht und ist in seinen Handlungen unkoordiniert
- wiederholte Apathie
- Äußerungen des Kindes auf Gewalt oder sexuellen Missbrauch
- Kind hält sich an jugendgefährdeten Orten auf (Stricher- oder Prostituiertenszene, Spielhalle, Nachtclub)
- Kind begeht häufig Straftaten

Verhalten der Eltern  häusliche Gewalt unter den Eltern
- Gewährung von unberechtigtem Zugang zu Waffen oder Drogen
- Kontaktverbot zu Gleichaltrigen
- wiederholte Erniedrigungen, Verspottungen, Entwertungen

Familiäre Situation
- wiederholter unbekannter Aufenthalt der Familie
- drohende oder tatsächliche Obdachlosigkeit
- Kind wird zur Begehung von Straftaten eingesetzt

Persönliche Situation der Eltern
- stark verwirrtes Erscheinungsbild (auch Straftaten)

Wohnsituation
- Wohnung vermüllt
- Nichtbeseitigung von Gefahren (Stromkabel, Steckdosen)
- Fehlen eines Schlafplatzes oder Spielzeug für das Kind

Jetzt gebe es verbindliche Ansprechpartner und eine Regelung über die Nutzung der vorhandenen Hilfseinrichtungen vor Ort. Husemann: „Es bietet Angebote zur frühen Zeitplanung. Das verhindert, später in Zugzwang zu geraten und umfangreichere Maßnahmen einzuleiten.“

„Wir haben in Friesland relativ wenig Fälle vom Kindesmisshandlungen“, sagte Olaf Meyer-Helfers, Leiter des Kreis-Jugendamtes. Das liege daran, „dass wir relativ schnell Hilfsbündnisse mit den Eltern schließen können“. Das sei in urbanen Räumen häufig anders.

Erste positive Rückmeldungen zur neuen Kooperation gab es von den Schulen. „Es ist eine Erleichterung der Verfahrensarbeit“, sagte Andreas Michalke, Leiter der Oberschule Varel. Er lobte die bessere Transparenz: „Es ist eine Hilfe, weil es vorher schon einige Unsicherheiten gab.“ Diese habe der Leitfaden weitgehend beseitigt.

Das kann man tun – Ansprechpartner

Gesetzliche Grundlage Stellen Lehrer an Schulen oder Sozialarbeiter gewichtige Anhaltspunkte einer Kindeswohlgefährdung fest, dürfen sie diese an das Jugendamt weiterleiten. Dabei sind sie Geheimnisträger. Unterstützung gibt es durch die vom Landkreis bereitgestellten Fachkräfte aus den pädagogischen, therapeutischen oder medizinischen Bereichen. Sie sind in der Lage, eine qualifizierte Gefahreneinschätzung abzugeben.

Ablaufschema bei Verdacht 1. Schritt: Zunächst sollen die Lehrer ein Gespräch mit den Betroffenen und eventuell den Erziehungsberechtigten führen. Dabei kann die Schulleitung, Schulsozialarbeit oder -psychologie mit einbezogen werden. 2. Schritt: Eine Beratung von außen wird dazu geholt, um Neutralität und Anonymität zu gewährleisten. Diese Fachkraft gibt eine Risikoeinschätzung ab. Hier endet die Schweigepflicht und bei einer möglichen Gefährdung wird das Jugendamt informiert. 3. Schritt: Beratungsgespräch mit den Eltern. Dabei werden verbindliche Vereinbarungen getroffen. 4. Schritt: Überprüfung der familiären Entwicklungen und der Vereinbarungen. Hinweis: Die Eltern müssen vor der Weitergabe der Informationen an das Jugend informiert werden. Ausnahme: sexuelle Gewalt und extreme Gewaltanwendung.

Ansprechpartner Die Koordinierungsstelle Kinderschutz des Landkreises ist unter Tel. 04451/953527 erreichbar.

Liste der Fachkräfte unter:

Liste der Fachkräfte unter:www.friesland.de/medien/dokumente/liste_8b_fachkraefte