• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Markt
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Events
  • Tickets
  • nordbuzz
  • FuPa
  • Kontakt
  • Werben
NWZonline.de Region Friesland Bildung

Nazis stürzten Schulleiter Reiche

16.07.2016

Varel Am 14. April 1932 erschien im „Gemeinnützigen“, dem Vorgänger der NWZ  in Varel, unter der Überschrift „Von der Vareler Oberrealschule – Wie man gegen Nationalsozialisten arbeitet“ ein eingesandter Artikel. Er nahm die haushaltspolitisch begründete Kürzung von Lehrerstellen zum Anlass, dem Schulleiter Dr. Reiche grundlegende Versäumnisse vorzuwerfen: „Schon immer haben recht unerfreuliche und unerquickliche Zustände an der Schule bestanden, solange der augenblickliche Direktor Leiter der Anstalt war. Daß Lehrkräfte nicht nüchtern in die Schule kamen, war keine Seltenheit, unglaubliche Dinge sind in dieser Schule passiert, ohne daß der Direktor wirksam dagegen eingeschritten war.“

Verfahren eingeleitet

Und jetzt wolle er die Gelegenheit nutzen, um den unbequemen Lehrer und NSDAP-Parteigenossen Dr. Körtge aus persönlichen Gründen „abzubauen“, hieß es. Als Verfasser gab sich wenig später der Kreisleiter der NSDAP, der Vareler Ratsherr und stellvertretende Bürgermeister Hans Flügel zu erkennen.

Die Studienräte Gloy und Michaelsen baten daraufhin den Schulleiter, „im Namen aller planmäßig angestellten Mitglieder des Kollegiums zu veranlassen, dass gegen die Einsender des Angriffs […] Strafantrag bei der Staatsanwaltschaft gestellt würde.“ Das Evangelische Oberschulkollegium reagierte entsprechend: Gegen Flügel wurde ein Verfahren wegen Beleidigung eröffnet.

Im Rahmen dieses Verfahrens wurden die Vorwürfe der NSDAP-Fraktion konkretisiert: Ein Lehrer habe 1912 und in den Jahren danach Schülerinnen unsittlich belästigt, andere seien alkoholisiert zum Dienst erschienen, zudem habe eine Lehrerin der Schule mit drei anderen Kollegen „bedenkliche Liebesepisoden“ gehabt, mit einem sogar in „wilder Ehe gelebt“. Ende Juni kam es vor dem Amtsgericht Varel zur Verhandlung; die Vorwürfe wurden im einzelnen geprüft.

Dr. Reiche kann nach Überzeugung des Gerichts nachweisen, dass er seinen Dienstpflichten nachgekommen ist. Er habe entweder „selbst kleinste Verstöße gegen die Ordnung fast übertrieben genau“ überprüft und geahndet oder zeigen können, dass es sich bei den verbleibenden Beschuldigungen um Verleumdungen handele.

Niederlage vor Gericht

Das Gericht wirft Flügel vor, dass er als ehemaliger Schüler, Mitglied des Schulvorstandes und stellvertretender Bürgermeister jederzeit Gelegenheit gehabt hätte, im Gespräch mit seinem „früheren Direktor“ „den Vorwürfen nachzugehen und von sich aus einzuschreiten“.

Es verurteilt ihn wegen übler Nachrede „mit Rücksicht auf die bisherige Unbescholtenheit […], seine Jugend und seine parteipolitische Voreingenommenheit“ zu einer Geldstrafe und einem öffentlichen Widerruf.

Stattdessen wird aber am 30. Juni 1932 im „Gemeinnützigen“ behauptet, dass Flügels Vorwürfe nicht hätten nachgeprüft werden können, „so daß die hierüber seit langem in der Stadt Varel umlaufenden Gerüchte bislang nicht widerlegt sind.“ So legen beide Seiten gegen das Urteil Einspruch ein.

Über den weiteren Fortgang des Verfahrens finden sich bisher keine Dokumente im Archiv des Heimatvereins.

Der Schuljahresbericht 1932/33 wird schon von Stellvertreter Schenck erstattet, im Schulvorstand sitzen unter anderem die Nationalsozialisten Flügel, Dr. Körtge, Dr. Wegener. Im November 1933 wird Dr. Reiche in den Ruhestand verabschiedet.

Sechs Jahre später, am 30. August 1939 wird er „streng vertraulich“ von seinem Nachfolger Schenck angeschrieben, ob er „noch in der Lage“ sei „zu unterrichten“ und bereit, „im Falle eines Krieges sich der Schulbehörde zur Verfügung zu stellen.“

Anfrage abgelehnt

Er antwortet handschriftlich: „Selbstverständlich werde ich mich in schweren Zeiten dem Vaterlande nicht entziehen. Aber meine Pensionierung ist unter besonderen Umständen erfolgt, so daß es recht zweifelhaft erscheint, ob ich für eine Schultätigkeit in Frage komme.“