Bockhorn - Mehr als 550 Familien hat Andreas Hermes in den vergangenen elf Wochen mit Lebensmitteln beliefert, mehr als 4400 Kilometer ist er dafür unentgeltlich mit seinem Privatwagen unterwegs gewesen, fast jeden Tag war er auf Achse. „Als das anfing, dass ältere Leute und Menschen, die zur Corona-Risikogruppe gehören, nicht selbst zum Einkaufen gehen sollen, habe ich gedacht: Da kann und will ich helfen“, sagt Andreas Hermes. Und das tat er.
Der 56-Jährige aus Bockhorn bot einen Dienst für ältere Menschen an, kaufte für sie ein und brachte ihnen das Essen nach Hause – das tut er noch immer. Als die Vareler Tafel vorübergehend schloss, bot er auch dort seine Dienste an und fuhr fortan wochenlang zweimal in der Woche die Lebensmittel der Tafel zu den Bedürftigen nach Hause, jeweils 23 Haushalte pro Tour fuhr er an, als die Tafel geschlossen war. Am Mittwoch können die Lebensmittel dort wieder direkt abgeholt werden. „Zusammengenommen war das ein Full-Time-Job. Aber es hat mir Spaß gemacht“, sagt er.
Aber warum stellt dieser Mann seine ganze Zeit und zusätzlich Geld für Benzin bereit, um Gutes zu tun? Zeit hat er, denn er ist Frührentner. Seit er vor einigen Jahren überfallen wurde, ist er arbeitsunfähig. „Aber ich bin ein Macher, ich will etwas tun. Ich kann nicht nur rumsitzen“, sagt er. Aber ist das der einzige Grund für so viel ehrenamtliches Engagement?
Nein, denn der Grund für seinen Wunsch, Gutes zu tun, liegt noch viel weiter zurück, lange vor dem schrecklichen Tag, an dem er zusammengeschlagen wurde.
Als er gerade einmal 20 Jahre alt war, hat Andreas Hermes das erste Mal einem Menschen das Leben gerettet. „Ich war in der Nacht mit dem Auto unterwegs, als ich sah, wie ein Wagen frontal gegen einen Baum fuhr“, erinnert er sich. Die junge Frau habe versucht, sich das Leben zu nehmen, doch Andreas Hermes ließ nicht zu, dass sie stirbt. „Ich habe sie aus dem Auto gezogen und Erste Hilfe geleistet. Über Funk, den ich im Auto hatte, habe ich einen Freund aufgefordert, einen Rettungswagen zu rufen. Der war schon nach wenigen Minuten da und die Frau überlebte.“ Wenige Jahre später erlebte er, wie eine Frau auf einem See im Eis einbrach – und auch ihr rettete er durch sein schnelles Eingreifen das Leben.
Und dann gab es einen dritten Fall: Als er 44 Jahre alt war, hat Andreas Hermes eine Frau aus einem brennenden Haus in Ocholt gerettet. „Ich war mit meiner Familie im Auto auf dem Heimweg von einem Silvesterfrühstück. Plötzlich habe ich Rauch aus einem Haus gesehen. Ich hielt an. Auf dem Hof kam mir eine ältere Dame entgegen, die nach ihrer Schwester rief“, sagt Hermes.
Dreimal Leben gerettet
Und so handelte der 44-Jährige geistesgegenwärtig. „Ich bin in die verqualmte Wohnung gelaufen. An einer Seitentür habe ich die andere Dame gesehen, die wohl unter Schock stand, und habe sie ins Freie gelotst, bevor ich mich zum Brand in der Küche vorkämpfte“, berichtete Hermes wenige Tage später der Nordwest-Zeitung. Mit einer Decke löschte er die brennende Küchenzeile. Dann versuchte er mit dem Schlauch vom Spülbecken das Feuer in der Dunstabzugshaube einzudämmen. Bis zum Eintreffen von Polizei und Feuerwehr hielt er den Brand unter Kontrolle.
Dreimal war Andreas Hermes nicht nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort, sondern handelte sofort geistesgegenwärtig, entschlossen und richtig. Das Helfen ist für ihn zur Sucht geworden. „Wenn man es schafft, etwas Gutes zu tun, klopft das Herz, es ist wie eine Droge“, sagt er. Auch neben seinem Beruf hat Andreas Hermes sich bereits ehrenamtlich engagiert – er hat unter anderem als Betreuer für das Amtsgericht in Westerstede gearbeitet und immer zu Weihnachten Familien zum Essen eingeladen, denen es nicht so gut ging. „Einmal hatten wir eine Familie aus Syrien zu Gast. Eine Mutter mit sieben Kindern. Sie hatten wirklich nichts. Zusammen mit dem Pastor, der Mutter und der ältesten Tochter bin ich einkaufen gefahren und habe ihnen den Kühlschrank voll gemacht. Anschließend sind wir noch los und haben einen Weihnachtsbaum gekauft.“ Seine Augen leuchten, während er das erzählt.
Eigentlich wollte er in diesem Interview von seinem ehrenamtlichen Lebensmittel-Bringdienst berichten. Erst nach und nach erzählt er, was ihn dazu bringt, so viel Zeit für die gute Sache zu opfern.
Ehrenamtlicher Fahrer
Wenn die Corona-Beschränkungen gelockert werden, will Andrea Hermes auch seinen ehrenamtlichen Fahrdienst wieder ins Leben rufen: Seit Jahren fährt er zum Selbstkosten-Preis Menschen zu Diskotheken, Feiern aber auch zu Arztbesuchen. Auch wenn die Diskotheken jetzt geschlossen sind, will er dennoch Fahrten zum Arzt anbieten, für alle, die sich kein Taxi leisten können und selbst nicht mobil sind. „Ich habe dafür extra eine Plexiglas-Scheibe in mein Auto eingebaut. So kann ich auch in der Corona-Zeit fahren. Von der Dekra ist die Scheibe abgenommen.“
Für Ernstfall gerüstet
Das ist nicht die einzige Veränderung in seinem Auto: Der Bockhorner hat im Kofferraum Platz geschaffen, um im Ernstfall bei Unfällen alles dabei zu haben, was er braucht, um zu helfen: einen Flutlicht-Strahler, Rundumleuchten, einen Spaten, eine Säge, Verkehrshütchen und einen Feuerlöscher. „Das einzige, was ich noch brauche, ist ein Defibrillator.“
