Bockhorn - Der Umschlag aus Pappe fühlt sich ganz weich an, fast wie Stoff, der Einband ist gemustert von jahrzehntealten Flecken, aber auf der Weltkugel glänzen noch immer golden die Kontinente: Was Thorsten Krettek aus seinem „Schatzkästchen“ gekramt hat, ist ein rund 70 Jahre alter Weltatlas, den einst die Nordwest-Zeitung herausgegeben hat.
„Unsere Erde – Ein Weltatlas“, steht auf dem Titel, und darin ist eine vergangene Welt zu sehen: Zur „Tierwelt Europas“ wird noch der „Auerochs“ gezählt, die Gebiete Pommern, Posen, West- und Ostpreußen sowie Schlesien sind auf einer großen Karte als deutsche Gebiete „unter polnischer Verwaltung“ aufgeführt. Sie grenzen direkt an die Tschechoslowakei, die es auch längst nicht mehr gibt. Das Heft hat kein Impressum, ist aber vermutlich Anfang der 1950er Jahre erschienen – darauf weisen die ältesten Jahreszahlen hin, die in dem Buch auftauchen.
Sammelbilder
„Ich habe es als Kind von meinem Großvater bekommen“, sagt Thorsten Krettek. Und der hatte ganze Arbeit geleistet: Viele der Bilder, die in den Atlas gehören, mussten erst gesammelt und dann selbst in das Heft eingeklebt werden. Im Exemplar von Bockhorns Bürgermeister fehlt kein einziges. „Wahrscheinlich waren die Bilder über einen bestimmten Zeitraum immer in der Zeitung, und man musste sie ausschneiden und in den Atlas kleben“, vermutet er.
Nicht nur die Nordwest-Zeitung, sondern auch andere Zeitungsverlage haben Anfang der 1950er Jahre diesen Weltatlas herausgegeben. Eine kurze Internetrecherche ergibt: Noch heute kann man bei privaten Sammlern und Antiquariaten identische Exemplare erstehen, herausgegeben unter anderem von der Braunschweiger Zeitung, der Kölnischen Rundschau, den Kieler Nachrichten und der Frankfurter Neuen Presse. Viel Geld wert sind die historischen Weltatlanten nicht, doch einen ideellen Wert haben sie schon: „Ich hatte ein gutes Verhältnis zu meinem Großvater, er hat mir viele Ratschläge fürs Leben gegeben. Ich würde den Atlas nie weggeben oder gar wegwerfen“, sagt Krettek.
Scheußlicher Beutelwolf
Heute dient der Weltatlas kaum noch dazu, die Welt zu erklären – und dennoch haben die Texte einen gewissen Lesewert. So steht dort zum Beispiel im Kapitel „Tier- und Pflanzenwelt in Australien und Ozeanien“ über die Beuteltiere: „Die meisten von ihnen sind heute ausgestorben oder in ihrem Bestand bedroht, wie der reizende Koala, das Urbild des Teddybären. (...) Ganz ausgestorben sind wohl schon der scheußliche Beutelteufel und der Beutelwolf, die beide zuletzt in Tasmanien gelebt haben.“
