Bockhorn/Zetel/Varel - Im Supermarkt einkaufen zu gehen ist – wenn auch mit Einschränkungen und Sicherheitsmaßnahmen – gerade kein Problem. Die Tafeln haben dagegen allesamt zu. Allein in Varel und der Friesischen Wehde hat die Tafel 1000 Menschen in 250 Haushalten mit gespendeten Lebensmitteln versorgt. Wegen des Corona-Virus’ ist damit erstmal Schluss. Aber wie sollen die Bedürftigen jetzt an Lebensmittel kommen? Zumal wegen der Hamsterkäufe manchmal die günstigen Produkte schon alle vergriffen sind.
Diese Frage hat sich auch Jennifer Kuhlmann von der Landschlachterei Kuhlmann gestellt. „Keiner hat mehr etwas abgeholt. Und es tut ja auch weh, wenn man Lebensmittel wegschmeißen muss“, sagt sie im Gespräch mit dem „Gemeinnützigen“. Ihre Gedanken dazu veröffentlichte sie auf der Facebook-Seite der Schlachterei – und wurde prompt von einer Welle der Hilfsbereitschaft überrollt.
Tausende erreicht
Ihr Schreiben hat Tausende erreicht, etliche boten ihre Hilfe an bei – ja wobei eigentlich? Einen Ersatzplan für die geschlossenen Tafeln hatte Jennifer Kuhlmann nämlich nicht in der Schublade. Die Lebensmittel über die eigenen Filialen zu verteilen scheidet aus. Das könnte wieder zu großen Menschenansammlungen führen, die auf jeden Fall vermieden werden müssen. Zusammen mit der Gemeinde Zetel entstand die Idee, die Verteilung im Hankenhof zu organisieren – aber das würde zum selben Problem führen.
Einzige Lösung: Wenn die Menschen nicht zu den Lebensmitteln kommen können, müssen die Lebensmittel eben zu ihnen kommen. Unglaublich viele Leute haben bereits ihre Hilfe bei der Verteilung der Lebensmittel zugesagt, egal ob in Zetel, Bockhorn, Varel, Obenstrohe oder Osterforde.
Große Hilfsbereitschaft
„Zusammen mit Christian Stankowicz versuche ich das jetzt alles zu organisieren“, sagt Jennifer Kuhlmann. Das macht eine Menge Arbeit. „Ich hab’ einen neuen Job. Fleisch ist gerade ein Nebenthema.“
Lebensmittel zum Spenden gebe es genug – nicht nur bei ihr: „So lange wir etwas verkaufen können, können wir auch etwas abgeben“, sagt sie. Dabei hofft sie aber auch auf die Unterstützung anderer Lebensmittelhändler. Die Schlachterei kann schließlich nicht alle allein versorgen. „Aber wir haben hier Glück im Unglück. Wir können schließlich noch öffnen, während andere ihre Geschäfte schließen mussten“, sagt sie.
Geschäftswelt gespalten
Denn die Corona-Krise habe die Geschäftswelt gespalten: In die, die noch öffnen und Geld verdienen können, und die, die ihren Laden schließen mussten. Für Jennifer Kuhlmann ist klar: „Das ist ungerecht.“ Diejenigen, die noch öffnen können, hätten deshalb auch eine gewisse Verantwortung für die anderen.
Ihr Vorschlag: Wenn es irgendwie geht, sollte man wenigstens kleine Aufträge vergeben. Beispielsweise hat sie gerade für alle Filialen der Schlachterei jeweils eine Torte bestellt – sechs Stück insgesamt. Das Team freut sich über eine süße Pause und die Tortenbäckerin hat wenigstens einen kleinen Ausgleich für die weggefallenen Konfirmationstorten. Die Beete vor den Filialen haben die Mitarbeiter der Schlachterei immer selbst bepflanzt. Das könnte aber auch ein Florist erledigen, der gerade keine Kunden in seinem Geschäft hat.
„Wir können alleine nicht die Welt retten, aber jeder kann ein bisschen was tun“, ist sich Jennifer Kuhlmann sicher. Die Rückmeldung auf ihren Aufruf, die Hilfebedürftigen mit Lebensmitteln zu versorgen, hat sie jedenfalls in ihrer Haltung bestärkt. „Auch wenn das für mich auch jede Menge Stress bedeutet, waren die vielen Nachrichten und Kommentare zusammengenommen die schönste Geschichte, die ich je in meinem Leben gelesen habe. Das hat mir wirklich den Tag versüßt.“
