Schortens - Keine „Ohs“, keine „Ahs“, keine Schmäh-Rufe, allerdings auch keine Begeisterung: Am Mittwochabend hat die Stadt Schortens erstmals Entwürfe für die Modernisierung des Bürgerhauses vorgestellt. Rund 60 Einwohner waren dazu ins Bürgerhaus gekommen.
Karsten Hage, der designierte Allgemeine Vertreter von Bürgermeister Gerhard Böhling, erläuterte die Pläne und präsentierte die ersten Skizzen für das neue Bürgerhaus. Hage hatte mit Reaktionen der Besucher gerechnet und prophezeite ebenso wie Böhling eine aufgeregte Debatte in den sozialen Medien: „Ich kann ahnen, was die nächsten Tage auf Facebook los ist.“
In den Schortens-Gruppen blieb es allerdings am Donnerstagvormittag erstaunlich ruhig, obwohl Entwürfe für eine Neugestaltung in der Regel kontrovers diskutiert werden. Auch die Diskussion am Mittwochabend blieb ruhig und sachlich.
Was ist im und um das Bürgerhaus geplant ?
Die Stadt Schortens plant die Modernisierung und Erweiterung des Bürgerhauses. Unter dem Titel „Die neue Mitte“ geht es darüber hinaus um die Neugestaltung des ganzen Quartiers – mit dem geplanten Hotel auf dem Grundstück Menkestraße/Ecke Rheinstraße, dem geplanten Wohnkomplex auf dem jetzigen Kita-Grundstück und möglicherweise einem Rathaus-Neubau auf dem jetzigen Areal der Deutschen Post.
Ziel ist es, das Bürgerhaus als Kulturstätte und Treffpunkt zu stärken. Es soll gleichsam zum kulturellen und sozialen Zentrum der Stadt werden. Die Stadt will damit auf den demografischen Wandel mit einer zunehmend alternden Bevölkerung reagieren, die Digitalisierung der Stadtbücherei und anderer kultureller Angebote vorantreiben sowie den Komplex zu einem Null-Energie-Haus entwickeln.
Für diesen innovativen, zukunftsweisenden Ansatz kann die Stadt Fördermittel aus dem Kohlestrukturfonds erhalten. Eine reine Sanierung des Bürgerhauses wäre nicht förderfähig, sagte Landrat Sven Ambrosy.
Rat und Verwaltung in Schortens stehen einstimmig hinter dem Projekt, was, so Böhling, durchaus nicht selbstverständlich sei. Dieses Einvernehmen zeigte sich auch darin, dass Vertreter der Fraktionen vorn mit am Tisch saßen: Axel Homfeldt (CDU), Wolfgang Ottens (Grüne), Udo Borkenstein (SPD) und Ralf Hillen (Freie Bürger).
Um welche Investition geht es ?
Bei einer Gesamtinvestition von geschätzt mehr als 16 Millionen Euro hat die Stadt eine vorläufige Zusage vom Runden Tisch beim Amt für regionale Landesentwicklung (ARL) in Oldenburg über 11,7 Millionen Euro aus dem Kohlestrukturfonds. „Vorläufig“, weil die Stadt Wilhelmshaven noch ihr Einvernehmen mit den Plänen für „Die neue Mitte“ erklären muss; das soll in der Ratssitzung am Mittwoch, 11. Oktober, geschehen.
Die Zustimmung Wilhelmshavens (und umgekehrt von Friesland für Projekte an der Jade) ist in den Entscheidungsmodalitäten für die Vergabe der Strukturhilfen vorgesehen. Vom Investitionsvolumen her dürfte die „Die neue Mitte“ das größte Projekt in Schortens seit Jahrzehnten sein.
Welche Bedeutung haben die Pläne für „Die neue Mitte“ ?
Im Kern geht es darum, Schortens zukunftsfähig aufzustellen und die Attraktivität der Stadt zu steigern. Die Region steht nach Hages Worten im Fokus der Energiewende und Unternehmen folgten der Energie. In der Vergangenheit habe das Ruhrgebiet diese Magnetwirkung gehabt, nun die Region Wilhelmshaven-Friesland. Mit der „neuen Mitte“ könne Schortens auch Facharbeitskräfte als Einwohner gewinnen, zumal die Stadt alles an den „weichen Standortvorteilen“ zu bieten habe: Kinderbetreuung, Bildung, Sport, Vereinsleben, Kultur.
Hage sprach von einer unglaublichen Dynamik und bezeichnete die Chance, das Bürgerhaus-Quartier zur „neuen Mitte“ zu entwickeln, als eine Sensation: „Ich bin stolz wie Bolle.“
Axel Homfeldt, der das Projekt maßgeblich vorangetrieben hat, sieht darin „eine historische Chance für Schortens“. Ambrosy, der sich ebenfalls sehr für das Projekt eingesetzt hat, sagte: „Schortens hat einen Riesenschritt gemacht. Nun muss die Stadt diese Chance nutzen, denn solch eine Chance kommt nicht so oft.“
Wie sieht das neue Bürgerhaus aus ?
Erd- und Obergeschoss bleiben erhalten. Oben drauf kommt ein drittes Geschoss, ein rechteckiger „Karton“ in Holzrahmenbauweise. Dort soll die Bücherei angesiedelt werden, die zugleich mehr Platz erhält und barrierefrei gestaltet wird. Gerade an diesen beiden Punkten mangelt es der Stadtbücherei in ihren jetzigen Räumen. Insgesamt wird es nach Böhlings Worten mehr Platz für Vereine und Gruppen geben.
Die Gebäudehülle ist laut Böhling mit der Entwurfsskizze weitgehend festgelegt. Für das Innenleben gebe es noch keine Detailplanung.
Wie soll die Energieversorgung aussehen ?
Auf der 800 Quadratmeter großen Dachfläche soll Photovoltaik installiert werden. Auch Teile der Fassade könnten dafür genutzt werden, sagte Hage. Die Wärmeversorgung soll über Erdwärme gewährleistet werden. Auch das Hotel, der Wohnkomplex und das neue Rathaus, wenn es denn kommt, sollen per Erdwärme geheizt werden.
Inwieweit darüber hinaus umliegende Bestandsimmobilien an das geplante Nahwärmenetz angeschlossen werden könnten, ist noch offen. Im Januar 2024 ist vor Ort eine Tiefenbohrung vorgesehen, um das Wärmepotenzial zu ermitteln.
Wie sieht der Zeitplan aus ?
Wenn auch der Wilhelmshavener Rat sein Einvernehmen erklärt, will die Stadt schnellstmöglich (Frist: 31. Januar 2024) einen Förderantrag beim Land stellen (das für die Verwaltung der Kohlestrukturhilfen zuständig ist). Parallel müssen die Feinplanung und die politischen Beschlüsse vorangetrieben werden.
Böhling hofft, 2025 mit den Bauarbeiten beginnen zu können. Schon 2026 muss das neue Bürgerhaus fertig sein, weil die erste Tranche der Kohlestrukturhilfen auf den 31. Dezember 2026 befristet ist. Eine Übertragung der Mittel auf Folgejahre ist nicht möglich. „Das ist ehrgeizig“, sagte Böhling, aber: „Wir kriegen das hin.“
Was ist mit den Kulturveranstaltungen und den Nutzern ?
Für das Kulturangebot des Bürgerhauses und für die Vereine und Gruppen, die sich dort treffen, sucht die Stadt nach Ausweichquartieren. Nach Böhlings Worten gibt es bereits erste Überlegungen zu dieser Frage. Der eine oder andere werde dabei zurückstecken müssen, aber angesichts dieser großen Chance für die Stadt sei das akzeptabel. Böhling versicherte, dass alle Nutzer frühzeitig informiert würden.
Wie sieht es aus mit Parkplätzen ?
Hotel, neues Bürgerhaus, eventuell Rathaus gleich nebenan – dann wird es eng in dem Bereich. Vor allem die Parkplatz-Frage beschäftigt viele Bürger. Schon jetzt sei es dort bei Kulturveranstaltungen chaotisch, sagte ein Schortenser. Ein anderer schlug den Bau eines mehrstöckigen Parkhauses vor – „da spart man Fläche“.
Antworten auf die Parkplatz-Frage gebe es noch nicht, sagte Böhling. Man werde nach Lösungen suchen, denn mit dem Bauantrag müsse die Stadt auch eine bestimmte Zahl an Stellplätzen nachweisen.
Böhling betonte außerdem, dass der Neubau eines Ratshauses auf dem Post-Gelände im Moment nur eine Option sei; Beschlüsse seien noch nicht gefasst. Zunächst prüfe die Stadt, was sinnvoller sei: eine Sanierung des Altbaus an der Oldenburger Straße in Heidmühle oder ein Neubau neben dem Bürgerhaus.
Die Post konzentriert ihre Niederlassungen in Schortens, Sande und Wilhelmshaven in einem Neubau im Jade-Weser-Park in Roffhausen. Die Stadt Schortens hat Böhling zufolge ein Vorkaufsrecht für die Post-Immobilie an der Weserstraße.
Kann sich die Stadt „Die neue Mitte“ überhaupt leisten ?
Trotz der Fördermittel von 11,7 Millionen Euro müsste die Stadt einen ein Eigenanteil vom mehr als vier Millionen Euro tragen – kann Schortens sich das leisten, fragte ein Bürger. „Wir können uns das erlauben“, antwortete Böhling. Er hofft außerdem, noch weitere Fördertöpfe anzapfen zu können und geht im Übrigen davon aus, dass die Betriebskosten nach Bauabschluss geringer ausfallen als jetzt. Denn seit der Eröffnung im Jahre 1987 habe das Haus keine tiefgreifende Sanierung erfahren. Axel Homfeldt formulierte es so: „Wir müssen ohnehin in das Bürgerhaus investieren.“
