Jever - Christoph Rickels aus Jever wartet weiter auf die Entscheidung des Oberlandesgerichts Oldenburg. Damit beginnt das neue Jahr für ihn, wie das alte geendet ist: Er kann immer noch nicht mit der Gewalttat abschließen, die sein Leben 2007 für immer verändert hat. Der 34-Jährige ist Gefangener seiner Gedanken, die immer wieder zu der Nacht vor der Disco Dinis in Aurich zurückspringen, als er mit einem einzigen Faustschlag gegen den Kopf niedergestreckt wurde und aufs Pflaster knallte. Dabei zog er sich schwerste Verletzungen zu. Es folgten mehr als drei Monate Koma, zahlreiche Operationen und Rehamaßnahmen. Bis heute kämpft er für den Opferschutz und vor Gericht für Schmerzensgeld.
Die Frist zur Stellungnahme, die seinem alten Anwalt vom Oberlandesgericht eingeräumt wurde, ist am 23. Dezember abgelaufen. Rickels klagt gegen den Anwalt, weil er schwere Anwaltsfehler vermutet, die aus seiner Sicht ursächlich für den jahrelangen Rechtsstreit sind.
Noch kein Ende in Sicht
Aber auch am 23. Dezember wurde nicht das Ende seines Kampfes eingeläutet. „Mir wurde nur mitgeteilt, dass die von der Gegenseite beantragte Fristverlängerung bis 13. Januar bewilligt wurde, da der gegnerische Anwalt so viel zu tun hätte, dass er sich um die Angelegenheit noch nicht habe kümmern können“, berichtet Rickels.
„Eigentlich habe ich schon damit gerechnet, dass es doch immer weiter geht und nicht so schnell endet“, sagt er. „Ich habe in den vielen Jahren keine guten Erfahrungen mit der Justiz gemacht.“
Das Warten bedeutet für Rickels, dass wieder Zeit verstreicht, in der er sein Leben nicht leben kann. „Ich hätte schon längst aufhören müssen, der Punkt ist seit Jahren überschritten“, sagt er. Ein „zurück“ gibt es für ihn nicht. Zu viel Lebensenergie ist in diesen Kampf geflossen. „Ich werde das jetzt zu Ende bringen und alles dafür tun, dass andere Gewaltopfer das so nicht mehr machen müssen.“ 2008 hätte das alles für ihn schon vorbei sein können, glaubt Rickels. Stattdessen dauert sein Kampf nun schon fast 15 Jahre – „das entspricht im Prinzip einer lebenslänglichen Haftstrafe in Deutschland“.
Das alles hat sich inzwischen so tief in seine Psyche gefressen, „dass ich nicht mal mehr merke, dass ich schon wieder daran denke. Das verfolgt mich bis in meine Träume.“ Längst ist der Kampf für den Opferschutz und für Gerechtigkeit zum Lebensinhalt geworden. „Weil ich nie aufgegeben habe und die Klage all meine Kraft verbraucht hat, ist sie heute ein Großteil meines Lebens“, sagt er.
Durchhalten statt leben
Wie sein Leben wäre, wenn alles vorbei wäre, kann er sich nur schwer vorstellen: „Die Kraft, die ich noch immer in diesen Kampf stecke, könnte ich dann endlich für mich selbst verwenden“, glaubt er. Für seine Therapien und für seine körperliche Genesung. „Dann müsste ich ja nicht mehr überleben und durchhalten, sondern könnte wieder leben.“
