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Zeitzeugen berichten in Jever „Dann sehe ich das Feuer lodern“

Haben die grausame NS-Zeit überlebt und berichten nun darüber: Ivar (rechts) und Dagmar Buterfas-Frankenthal.

Haben die grausame NS-Zeit überlebt und berichten nun darüber: Ivar (rechts) und Dagmar Buterfas-Frankenthal.

Sarom Siebenhaar

Jever - Es ist still in der Aula der Elisa-Kauffeld-Oberschule in Jever. So still, dass man eine Stecknadeln fallen hören könnte. Die Schüler lauschen und hängen an den Lippen von Dagmar und Ivar Buterfas-Frankenthal aus Hamburg. Das Ehepaar gehört zu den wenigen Zeitzeugen, die heute noch leben und über die Zeit des Nationalsozialismus berichten können.

Anfänge

„Ich wurde kürzlich von einem Schüler gefragt: Gibt es die Hölle auf Erden?“, beginnt Ivar Buterfas-Frankenthal. „Dazu kann ich nur sagen: Ja! Die Hölle waren Auschwitz und all die anderen Konzentrationslager.“ Zum Glück blieb ihm und seiner Frau dieses Schicksal während des Holocaust erspart. Trotzdem mussten sie bereits in jungen Jahren um ihr Leben fürchten, waren auf der Flucht, wurden verfolgt.

Kommentar
Ort des Gedenkens: Der Jüdische Friedhof an der Menkestraße in Schortens.

KOMMENTAR „Wir sind in der Pflicht“

Ivar erzählt den jungen Schülern von den Anfängen der NS-Zeit und wie er sie erlebt hat. Der mittlerweile 90-Jährige wurde 1933 geboren, war zu Beginn der Machtergreifung der Nationalsozialisten noch ein Kind. Dennoch ist ihm Schreckliches widerfahren. „Ich war auf dem Heimweg, als mich ein paar Hitlerjungen packten“, erzählt er. „Sie schlugen mich, zwei hielten mich fest, einer zog mir die Hose runter und brannte mir eine Zigarette am Oberschenkel aus.“ Es kam noch schlimmer.

Trauma

„Sie nahmen ein Gitterrost, klopften es vom Dreck frei und warfen Pappe und Papier in den Schacht darunter“, führt er weiter aus. „Dann zündeten sie alles an, legten das Gitter auf den Schacht, stellten mich auf das Rost und fingen an zu singen und zu tanzen: ,Jetzt lasst uns den Judenjungen rösten.’“ In der Aula der Oberschule herrscht absolute Stille.

1938 wurde Ivar eingeschult, ging aber nur sechs Wochen zum Unterricht. „Eines Tages rief mich der Nazi-Rektor beim morgendlichen Apell nach vorne“, berichtet Ivar. „Er sagte zu mir: Du bist Jude und darfst unsere Luft nicht weiter verpesten. Pack deine Sachen und lass dich hier nie wieder blicken.“ Diese und viele weitere Demütigungen, die er während der NS-Zeit erlebt hat, rauben ihm noch heute den Schlaf. „Fast jede Nacht wache ich zwischen ein und zwei Uhr auf“, erzählt er. „Dann sehe ich das Feuer lodern.“

Schikane

Es ist auch einem befreundeten Mann, der damals bei der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) arbeitete, zu verdanken, dass Ivar und seine Familie einem Schicksal in einem KZ entgangen sind. „Außerdem waren wir echte Lebenskünstler, wir schlugen uns durch, hatten aber auch das ein oder andere Mal Glück“, sagt er. Sein Vater Felix war einer der ersten sogenannten Moorsoldaten und wurde 1934 in das KZ Esterwegen gesteckt. Er überlebte den Krieg, kehrte zu seiner Familie zurück, trennte sich aber kurz darauf. „Es war einfach zu viel für ihn, all das, was er erlebt hat“, ist sich Ivar heute sicher.


Mit dem Kriegsende 1945 sollte die Schikane nicht aufhören. Er und seine Geschwister bekamen einen Fremdenpass ausgestellt, mussten alle drei Monate eine neue Aufenthaltsgenehmigung beantragen. Erst 1964 erlangte er die deutsche Staatsbürgerschaft zurück. An die Schüler der Elisa-Kauffeld-Oberschule hat er eine einzige Bitte: „So etwas darf nie wieder passieren. Zeigt Empathie, schätzt das Leben anderer. Ihr seid die Erwachsenen von Morgen, wenn ihr bei der Wahl dran seid, macht das Kreuz an der richtigen Stelle.“

Sarom Siebenhaar
Sarom Siebenhaar Redaktion Jever
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