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Einstufung Als „gefährlicher Hund“: Ritchie versteht die Welt nicht mehr

03.12.2014

Schortens Besuch zu Hause. Ein fremder Mann in der Wohnung von Rolf Stutz in Middelsfähr. Schäferhund-Huskie-Mischling Ritchie spitzt die Ohren, guckt sich den Unbekannten kurz an, lässt sich geduldig den Kopf kraulen und wedelt mit dem Schwanz. „Besuch für mein Herrchen“ wird Ritchie gedacht haben und verkrümelt sich wieder auf seine Hundedecke im Wohnzimmer.

Hunde-Balgerei im Park

Dieser 5-jährige Rüde soll es also faustdick hinter den Ohren haben. Ritchie, der kniehohe Vierbeiner mit unschuldigem Dackelblick, ist jetzt ein gefährlicher Hund. „So steht es jedenfalls in dem amtlichen Bescheid“, sagt Rolf Stutz, der Ritchie als Welpen aus dem Tierheim geholt und großgezogen hat. Ritchie, so versichert Stutz, sei ein völlig harmloser Hund, vor dem sich nun wirklich niemand fürchten müsse, nicht einmal der Postbote, und sein Hund habe sich noch nie etwas zuschuldenkommen lassen. Auch nicht an diesem Tag vor wenigen Monaten im August. Der Tag, an dem der Ärger mit den Behörden seinen Lauf nahm.

Wie jeden Tag hatte Rolf Stutz seinen Ritchie in den nahegelegenen Grünanlagen Gassi geführt. „Angeleint“, wie der Hundehalter betont, und der sein Tier nur kurz von der Leine ließ, damit der im Gebüsch sein Geschäft verrichten konnte. Nicht angeleint sollen dagegen zwei kleine Westhighland-Terrier gewesen sein, mit denen zur gleichen Zeit drei Frauen ebenfalls in den Grünanlagen spazieren gingen. Einer der Terrier soll sich mit dem deutlich größeren Ritchie angelegt haben. Wer wen zuerst angeknurrt hat – wer weiß das schon. Es gab ein kurzes Gebalge unter Hunden, und dabei soll Huskie-Mix Ritchie den Terrier „durch die Luft geschleudert und gebissen“ haben, wie es später in der Anzeige der aufgebrachten Hundehalterin hieß.

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„Unsinn“, beteuert Rolf Stutz, sein Hund habe den kleineren Hund nur nach un­t­en gedrückt und wollte in Ruhe gelassen werden.

Als Folge der Anzeige stand bald darauf eine Amtstierärztin vor der Tür, die sich ihr eigenes Urteil über Ritchie bilden wollte. Der Rüde ließ sich eine Weile genüsslich kraulen, bis er die Tierärztin unvermittelt anknurrte. Die attestierte dem Hund daraufhin in ihrem Bericht ein „erhöhtes aggressives Verhalten“. Und so galt Ritchie von Amts wegen als „gefährlicher Hund“, der einen Wesenstest zu absolvieren habe.

Was weder Rolf Stutz noch der Tierärztin zu diesem Zeitpunkt aufgefallen war, war eine entzündete Hautstelle unter dem dichten Fell. Möglicherweise wurde der Hund nur deshalb ungemütlich, weil die Ärztin das Tier an dieser Stelle berührt hat, was Ritchie unangenehm war.

Bald flatterte von der Stadt Schortens zudem ein geänderter Hundesteuerbescheid ins Haus. Statt bislang 60 Euro muss Rolf Stutz für seinen „Kampfhund“ nun 480 Euro jährlich zahlen.

Zwischenzeitlich hat Rolf Stutz’ Hund bei einem Tierarzt einen Wesenstest absolviert. Der kam zu dem Ergebnis, dass Ritchie keinerlei aggressives Verhalten zeige und kein gefährlicher Hund sei. Mit diesem Resultat wandte sich Rolf Stutz nochmals an den Landkreis, um seinen Hund zu rehabilitieren – nicht zuletzt auch wegen der hohen Hundesteuer und der Probleme mit der Hundehaftpflichtversicherung, die für eine gefährlichen Hund natürlich ebenfalls deutlich teurer wird.

Verdacht genügt schon

Die Tierärzte vom Zweckverband Veterinäramt Jade-Weser können vor Ort keinen vollständigen Wesenstest durchführen. „Es erfolgt auf Anforderung eine Bewertung des beschriebenen Beißvorfalls und eine Bewertung der Besichtigung des Hundes“, so Amtsleiter Dr. Norbert Heising. Das Ordnungsamt des Landkreises entscheidet dann, wenn der Verdacht gerechtfertigt ist, dass von dem Hund eine Gefahr ausgehen kann, dass der Hund gefährlich ist. „Der Verdacht alleine reicht laut Gesetz für die Feststellung der Gefährlichkeit“, erläutert Heising. Dies wurde zur Sicherheit in das Gesetz aufgenommen, damit nicht leichtfertig ein Hund „freigesprochen“ wird und dann doch noch zubeißt mit vielleicht gravierenden Folgen für Mensch und Tier.

Ist der Hund als „gefährlich“ eingestuft, dient der Wesenstest dazu, dass der Hund weiterhin gehalten werden darf. Es bleibt aber bei der Einstufung als gefährlicher Hund. Wenn der Hund im Wesenstest durchfällt, muss er in der Regel euthanasiert werden, erläutert Heising.

Stutz hingegen ist über diese Gesetzeslage verärgert: „Das Hundegesetz ist eine Gebührendruckmaschine.“ Mehr als 700 Euro an Steuern, neuer Versicherungsprämie und Gebühren hat der Vorfall bisher gekostet. Trotz aller bestandener Tests: „Der Makel bleibt, der wird nicht revidiert“, sagt Rolf Stutz. Seinen Hund liebt er trotzdem – und zahlt. „Das Tier kann ja nichts dafür.“

Oliver Braun Agentur Hanz / Redaktion Jever
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