Varel -  – Herr Logemann, die neue Single von Massiv in Mensch heißt Zero Gravity – null Gravitation. Warum hebt Ihr mit dieser Nummer ab?

Daniel LogemannOb wir damit abheben werden, kann ich nicht sagen. Aber es ist so, dass der Song und seine inhaltliche Botschaft mich tief berührt haben. Mir war sofort klar, dass wir diesen Song covern müssen. Und dann passte auch noch Rana Arboreas Sopranstimme hervorragend zu diesem Titel.

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Massiv in Mensch goes Pop-Opera: Was verbindet Elektro mit dem Klassischen so optimal?

LogemannEs gibt eine Reihe von Gemeinsamkeiten zwischen klassischer und elektronischer Musik. Da braucht man sich nur die frühen Werke von Kraftwerk oder Tangerine Dream anzuhören. Auch im Ambientbereich gibt es sehr viele Parallelen zwischen diesen Genres. Wir sehen uns eher als rezeptive Band. Wir versuchen, Strömungen aller möglichen Genres aufzunehmen und in das klangliche Gerüst von MiM einzubauen. Insofern kann man nicht davon ausgehen, dass Zero Gravity zum musikalischen Rollmodell erklärt wird.

Warum passt der Song zum Charakter von Massiv in Mensch?

LogemannDer Song vereint eben zwei Elemente, die auf den ersten Blick unvereinbar daherkommen: elektronische Tanzmusik und Oper. Wir arbeiten ja schon lange mit elektronischen Rhythmen und weiblichem Gesang. Auch der Text hat uns ziemlich beeindruckt. Es geht um die Schwere des Alltags, um Depressionen einer jungen Frau, die versucht, ihre Leichtigkeit wieder zu finden. Zudem bildet der Song eine Schnittstelle zwischen zwei älteren MiM-Songs: Supermassive Gravity und Cortex Zero.

Wie schwierig war es, die Erlaubnis zu bekommen, um den Song der Australierin Kate Miller-Heidke covern zu dürfen?

LogemannDas war überhaupt nicht schwierig, denn für eine Coverversion bedarf es keiner Erlaubnis des Originalkomponisten beziehungsweise Texters. Man darf Text und Melodieführung nicht gravierend verändern. In dem Fall würde eine Bearbeitung vorliegen und die wiederum müsste genehmigt werden. Es ist lediglich notwendig, die Coverversion bei der GEMA anzumelden. Das ist natürlich auch geschehen. Somit gelangen etwaige Tantiemen an die Originalautoren.

Gab es eine Verbindung zu Kate Miller-Heidke?

LogemannNein. Es gab keinerlei Verbindung zu ihr. Ihre Performance beim Europäischen Songcontest 2019 war der ausschlaggebende Grund für die Coverversion.

Wollt Ihr Kontakt nach Australien aufnehmen?

LogemannDas wird vermutlich schwierig. Interessanterweise hat jedoch ein uns bekannter australischer DJ, der seit Jahren unsere Musik im Radio spielt, erwähnt, dass er aus dem gleichen Ort wie Kate Miller-Heidke stammt. Es gab wohl über ein paar Ecken auch schon mal einen Kontakt. Vielleicht ist es ja möglich, dass die Coverversion über ihn an Kate Miller-Heidke gelangt. Wir würden uns jedenfalls sehr darüber freuen und es wäre sicherlich sehr spannend zu erfahren, wie sie darüber denkt.

Massiv in Mensch hat erstmals einen ESC-Song gecovert. Was war das Besondere daran?

LogemannIch verfolge den ESC schon seit frühester Kindheit. Nicht zuletzt waren „Dschinghis Khan“ eine prägende Band in meinen jungen Jahren. Ich mag die Veranstaltung an sich. Sie ist bunt, grell, anders. Die Punktevergabe hat schon einen gewissen Kult. Wir punkten in geselliger Runde oft zeitgleich mit. Der Auftritt von Kate Miller-Heidke im letzten Jahr war ein echtes Highlight der vergangenen Jahre, vielleicht sogar Jahrzehnte für mich.

Wann sehen wir MiM in der Ausscheidung für den ESC?

LogemannWir hatten 2013 mal die Idee, daran teilnehmen zu wollen. Damals war es über ein Videoportal sogar möglich. Aber mittlerweile verkommt der Vorentscheid leider zur 08/15-Casting-Veranstaltung, an der meist nur Sänger beziehungsweise Sängerinnen mit einer Mainstream-Attitüde zugelassen werden. Dementsprechend schlecht schneidet Deutschland Jahr für Jahr ab. Mir fehlt es an Innovation und Mut.

Zurück zu Zero Gravity. Seid Ihr zufrieden mit dem Start der neuen Single?

LogemannAbsolut. Uns erreichen wesentlich mehr Reaktionen als sonst. Auch aus dem Ausland. Das YouTube-Video hat nach wenigen Tagen schon fast 10 000 Views und zahlreiche Likes. Zudem war die Single kurzzeitig auf Platz 22 der Amazon-Dancecharts. Mal sehen, wie es weitergeht. Wir sind sehr gespannt.

In zwei Monaten erscheint Eure nächste Single? Auf was können wir uns freuen?

LogemannEine Mischung aus Elektro und Crossover mit ziemlich fetten Gitarren und drei verschiedenen Stimmen. Thematisch geht es in Richtung „Castaway“, also der Robinson-Geschichte. Mehr wird erst einmal nicht verraten.

Ende des Jahres kommt dann das neue Album. Ohne zuviel zu verraten: Wird es wieder einen Stilbruch geben?

LogemannIm Grunde sind wir ja ein manifestierter Stilbruch. Wir rezipieren aus vielen Bereichen und mischen daraus ein eigenes Gebräu. Insofern würde ich die Frage verneinen aber darauf verweisen, dass wir an der einen oder anderen Stelle noch konsequenter andere musikalische Einflüsse zulassen werden.

In diesem Jahr gibt es keine großen Konzerte. Wie sehr schmerzt das als Musiker?

LogemannNatürlich würden wir gern wieder spielen. Wir hatten ja sogar noch einen Auftritt mit Covenant in Bremen auf der Agenda, der aber dann kurzfristig abgesagt wurde. Insbesondere unserem Schlagzeuger Muck kribbelt es schon in den Händen. Da wir für dieses Jahr aber eh die Produktion eines neuen Albums im Sinn hatten, können wir den Ausfall einigermaßen verkraften. Wir wollen 2021 dann wieder live durchstarten.

Warum ist Kultur im Allgemeinen und Musik im Besonderen systemrelevant?

LogemannIch finde das Wort ja an sich schon schwierig. Ich würde eher grundsätzlich sagen, dass Kultur und Musik essenziell sind. Für freischaffende Künstler und Clubs ist die Situation gerade sicherlich enorm schwer und mitunter tragisch. Ich hoffe, der Spuk ist bald vorbei und es gibt Hilfen, damit weiterhin ein breites Spektrum an Kultur angeboten werden kann. Und so interessant die Onlinealternativen dann auch sind – real Kunst und Musik zu erleben, ist unersetzlich.

Ab wann plant Ihr wieder Auftritte beziehungsweise wann kann man Euch das nächste Mal live sehen?

LogemannDas ist noch nicht wirklich klar. Wir müssen natürlich auch erst einmal abwarten, ab wann die Clubs und Festivals wieder in den Normalbetrieb schalten. Auf jeden Fall haben wir im kommenden Jahr einiges vor.

Olaf Ulbrich
Olaf Ulbrich Kanalmanagement (Ltg.)