Schortens - Sie war wegen der Kosten von einer Million Euro umstritten, wurde aber doch gebaut und 2019 in Betrieb genommen. Inzwischen sind auch die Kritiker aus dem Stadtrat froh über den „Kasten“ hinter dem Hallenbad „Aqua Fit“. Denn durch die Energiezentrale spart die Stadt erhebliche Kosten für Erdgas.
Vor Wochen, im Zusammenhang mit dem Nachtragshaushalt, war schon mal die Rede von einer Ersparnis von 100.000 Euro. Ob es so viel ist, muss sich noch erweisen. Frank Schweppe (59), stellvertretender Leiter des Fachbereichs Bauen und Umwelt der Stadt, und auch Klimaschutzmanager Karsten Töpel (45) sind daher vorsichtig mit Zahlen.
Für sie steht jedoch fest: „Die Energiezentrale ist im Grunde ein Erfolgsmodell“, sagt Schweppe. Dabei funktioniert die Anlage anders als geplant.
Wie sah die Planung aus ?
Die Energiezentrale soll Wärme für das benachbarte „Aqua Fit“, die Grundschule Jungfernbusch mit Turnhalle und die Krippe liefern. Auch die aktuell noch im Bau befindliche neue Kita soll von der Energiezentrale versorgt werden.
Als Hauptenergieträger war Erdgas vorgesehen. Das war vor Jahren noch günstig und schien Perspektive zu haben. Mit dem Ukraine-Krieg hat sich das indessen grundlegend geändert.
Außerdem sollte Laub als Brennstoff verwendet werden. Das renommierte Fraunhofer-Institut wollte im Rahmen des Forschungsprojekts „Laubcycle“ in Schortens den Einsatz von Laub als Brennstoff im großen Maßstab testen.
Wieso Laub als Brennstoff ?
Laub als Heizmaterial? Das ergibt insofern Sinn, als allein in der Stadt Schortens pro Jahr mehrere Hundert Tonnen Laub von öffentlichen Flächen anfallen, die entsorgt werden müssen. Kostenpunkt: rund 50.000 Euro pro Jahr. Das Fraunhofer-Institut erforscht nun mit der Stadt Schortens als Kooperationspartner, ob Laub in Form getrockneter Pucks als Regelbrennstoff taugt – und bundesweit zugelassen werden könnte.
„Laubcycle“ läuft noch bis März 2024. Die wissenschaftliche Bewertung des Projekts steht noch aus. Klar ist indessen schon fest: „Reine Laub-Pellets brennen relativ schlecht“, sagt Schweppe: „Man muss schon Holz beimengen.“
Töpel, seitens der Stadt der Projektleiter für „Laubcycle“, ergänzt: „Ein Laubanteil von 25 bis 50 Prozent an einer Holzschnitzelmischung hat sehr gute Ergebnisse geliefert, was Verbrennungseffizienz und der Ascheerzeugung angeht.“
Wieso wird jetzt Holz verwendet ?
„Mit dem Ukraine-Krieg mussten wir umdenken“, sagt Schweppe: „Denn die Kosten stiegen auf ein kaum tragbares Niveau, auch wenn der Gaspreis für die Stadt Schortens noch bis Ende 2023 vertraglich festgelegt ist.“ Eine schnelle Umstellung war geboten, und da traf es sich gut, dass der Biomassekessel für die Laubverbrennung recht problemlos auf Holzhackschnitzel umgestellt werden konnte.
Die Energiezentrale hinter dem „Aqua Fit“ sieht aus wie eine Lkw-Garage. In dem etwa 15 mal 25 Meter großen Gebäude stehen ein Biomassekessel, sprich: ein Brennofen, nebst Bunker fürs Brennmaterial, ein gasbetriebenes Blockheizkraftwerk (BHKW) zur Erzeugung von Wärme und Strom sowie ein gasbetriebener Spitzenlastkessel.
Die Leistung dieses Kraftwerks beträgt insgesamt 1095 kW Wärme und 205 kW Strom, wird aktuell aber nicht mal zu einem Drittel genutzt. Die Stromproduktion ist ganz eingestellt, weil das Blockheizkraftwerk mit (teurem) Erdgas betrieben werden müsste. Das BHKW dient derzeit daher als „Backup“, sollten die anderen Kessel wegen Wartungs- oder Reparaturarbeiten ausfallen.
Über zwei riesige Warmwasserspeicher mit je 10.000 Liter Fassungsvermögen werden das „Aqua Fit“, die Grundschule Jungfernbusch nebst Turnhalle und die evangelische Krippe geheizt. Nach Fertigstellung wird auch die neue evangelische Kita Jungfernbusch an das Nahwärmenetz angeschlossen werden. Theoretisch könnten auch die IGS mitsamt Sporthalle mit Heizwärme versorgt werden, sagte Frank Schweppe (Bauamt Stadt Schortens).
Die Steuerung erfolgt über „eine hochkomplexe Mess-, Steuerungs- und Regeltechnik sowie ein eigenständiges Energiecontrolling“, sagt Karsten Töpel (Bauamt Stadt Schortens). Bei Unregelmäßigkeiten oder Störungen schlägt die Elektronik Alarm. Alle Betriebsparameter können via Internet auch aus der Ferne überwacht und gegebenenfalls verändert werden.
Eine elektrochemische Filteranlage hält Schadstoffe nach Töpels Worten zu 100 Prozent. Das heißt: Obwohl Biomasse verbrannt wird, stoße die Energiezentrale keinen Feinstaub oder andere schädliche Emissionen aus.
Seit Oktober 2022 läuft die Energiezentrale mit Holz, genauer gesagt: mit Holzschnitzeln, die in Form und Konsistenz wie Rindenmulch aus dem Gartenmarkt aussehen. Die Stadt hat einen Lieferanten aus der Region gefunden, der die benötigten 2000 bis 2500 Kubikmeter pro Jahr liefern kann.
Das Schnittgut wird in den Bunker geschüttet und per Förderschnecke automatisch und bedarfsgesteuert in den Brennofen transportiert. Bis zu 85 Prozent der Leistung der Energiezentrale basiert nun auf der Verbrennung von Holz. Und dabei spart die Stadt jetzt Energiekosten, weil Holz günstiger als Gas ist.
Holz gilt als klimaneutraler Brennstoff, weil nur so viel Co2 freigesetzt wird wie die Bäume gespeichert hatten. Ganz so einfach ist es indessen nicht, denn einerlei, ob Holz als Brenn- oder als Baustoff verwendet wird: Es muss bis auf eine gewisse Restfeuchte getrocknet werden. Und bei der Verbrennung entstehen mehr CO2-Emissionen als bei fossilen Brennstoffen.
Wie geht es mit der Energiezentrale weiter ?
Mit der aktuellen Betriebsweise ist die Stadt zufrieden. Aber die Überlegungen gehen weiter: Ein Planungsbüro ist nach Schweppes Worten damit beauftragt, den Einsatz von Wasserstoff und die Nutzung von Erdwärme zu prüfen. Der Betrieb des Blockheizkraftwerkes mit Wasserstoff aus einer Elektrolyse-Anlage vor Ort könnte sinnvoll sein, sagt Töpel.
