Jever - Hübsch, aber schwer: die stattliche Erntekrone, die das Landvolk am Dienstag ins Kreishaus Jever gebracht hat. An dieser Tradition wollen Landvolk und Landkreis festhalten, auch wenn die Landvolks-Ortsverbände Jever (jetzt mit Wiefels) und Cleverns-Sandel-Möns die Krone nicht mehr binden wollen, weil Jever der Biosphärenregion Niedersächsisches Wattenmeer beigetreten ist. Die Landwirtschaft sieht darin ein Damoklesschwert in Form von Naturschutzauflagen, das irgendwann auf sie niedersausen könnte.
Dieser Jever-interne Streit spielte beim traditionellen Treffen von Landvolk und Kreisverwaltung indessen keine Rolle. Hauptthema war die Energiewende und deren Auswirkungen auf den ländlichen Raum gerade in Friesland.
Landrat Sven Ambrosy fordert, dass die Region handfeste Vorteile von dieser Entwicklung haben müsse, die das Gesicht der Kulturlandschaft verändere. Er befürwortet daher die geplante Akzeptanz-Abgabe, die Windpark-Betreiber pro Kilowattstunde an die jeweiligen Kommunen abführen sollen und die erhebliche Mittel in die Kassen spülen werde.
Abgabe auch für PV-Anlagen
Diese Abgabe sollte nach Ambrosys Vorstellungen auch für Photovoltaik-Anlagen eingeführt werden. Der Landrat machte allerdings auch deutlich, dass er kein Freund von Freiflächen-Photovoltaik sei. Bevor nicht etwa Parkplätze in städtischen Räumen mit PV-Anlagen überdacht würden, sollte in ländlichen Regionen keine zusätzliche Fläche für Photovoltaik versiegelt werden.
Hätte schlimmer können - so kann man wohl die Erntebilanz zusammenfassen, die Kreislandwirt Lars Kaper vorstellte. Im Frühjahr war es zu trocken, dann wurde es richtig heiß und zur Ernte im Juli wieder zu nass.
Bei Gerste lagen die Erträge auf Durchschnittsniveau und ebenso bei Raps. Bei Weizen gab es hingegen wegen feuchter Witterung Einbußen von 25 Prozent, teils sogar deutlich mehr. Die Grasernte profitierte hingen von den Niederschlägen. Für die anstehende Mais-Ernte ist Kaper zuversichtlich: „Wir gehen relativ beruhigt in den Herbst hinein.“
Die Erlöse zeichnen sich erneut durch erhebliche Schwankungen aus. Die Getreidepreise liegen laut Kaper wieder auf Vor-Corona-Niveau - bei schwächerer Ernte. Dem Milchmarkt attestiert der Vareler „eine stabile Seitenlage“: Gegenüber dem Rekordniveau in 2022 sind die Erlöse um 30 Prozent gesunken, bewegen sich aber noch auf Vor-Corona-Niveau. Allerdings sind die Kosten für Energie und Arbeitskräfte stark gestiegen.
Für Rindfleisch erzielen die Bauern gute Preise. Auch der Schweinemarkt hat sich nach zwei extremen Krisenjahren aktuell erholt. Aber, so Kaper: Die Ferkelproduktion ist um 30 Prozent gesunken - womöglich würden Tiere importiert, die in anderen Ländern zu anderen Standards als in Deutschland erzeugt würden.
„Die Landwirtschaft ist eine Inflationsbremse“, betonte Kaper mit Blick auf die stark gestiegenen Lebensmittelpreise. Denn die Erlöse lägen wieder etwa auf dem Niveau von vor der Corona-Pandemie. „Was der Handel macht, sei dahingestellt.“
Ambrosy sprach sich darüber hinaus für eine Art Konzessionsabgabe der Netzbetreiber aus, die ihre Strom-, LNG- und Wasserstoff-Leitungen durch die Fläche hindurch errichteten. Und: Es könne nicht angehen, dass die Menschen hier in der Region höhere Netzentgelte zahlen müssten als beispielsweise in Baden-Württemberg, zugleich aber die Lasten der Energiewende schultern müssten. Denn wenn die Region keine Vorteile von dieser Entwicklung habe, dann könnte die Akzeptanz schwinden, befürchtet der Landrat.
Belastung für Landwirtschaft
Dass die Flächenansprüche durch Leitungsbau eine Belastung für die Landwirtschaft darstellten, machte Kreislandwirt Lars Kaper (Varel) deutlich. Er fragte überdies, ob denn für jede Windkraftanlage eine Ausgleichsfläche nötig sei. Wenig Verständnis hat Kaper auch dafür, dass sogar noch für die Bauphase die Erfassung von Gastvögeln vorgeschrieben sei. Brutvögel - okay, aber: „Gastvögel können sich auch einen anderen Platz suchen“, sagte Kaper.
Wie sehr die Energiewende mit ihren Projekten die Region belastet, machte Manfred Ostendorf deutlich, Geschäftsführer des Kreislandvolkverbandes Friesland. Zwar habe das Kreislandvolk mit der EWE für deren LNG-„Zukunftsleitung“ von Sande über Westerstede bis Leer einen sehr guten Rahmenvertrag geschlossen, der eine Erstattung für die betroffenen Landeigentümern und Pächtern vorsieht. Auch mit dem OOWV (Oldenburgisch-Ostfriesischer Wasserverband), der eine Trinkwasser-Transportleitung von Sandelermöns (Friesland) bis Diekmannshausen (Wesermarsch) baut, sei eine gute Vereinbarung erzielt worden.
Geld spielt anscheinend keine Rolle
Mit den Stromnetzbetreibern Tennet und Amprion sind nach Ostendorfs Worten aber ganz andere Player im Spiel, bei denen Geld keine Rolle zu spielen scheine. „Auf dem Bodenmarkt gibt es extreme Verwerfungen“, sagte Ostendorf, weil Flächen zu hohen Preisen aufgekauft würden. Oft sei nicht mal klar, wer überhaupt dahinterstecke. Sicher sei nur: „Der Bauer nebenan, der auch Interesse an einer Fläche hat, kann da nicht mithalten.“
Den Bau von Strom-Leitungen sieht Ostendorf kritisch. Mitunter rückten die Leitungen bis auf 30 Meter an Häuser heran oder überspannten die Höfe. Die jeweiligen Landwirte würden dadurch in ihrer Betriebsführung eingeschränkt, die Lebensqualität leide. Ostendorf berichtete sogar davon, dass Laufgitter durch eine Art Elektrosmog von nahen Stromleitungen unter Strom gesetzt worden seien: „Ich möchte nicht unter so einer Leitung leben.“
Das beste wäre, wenn der an der Küste erzeugte beziehungsweise angelandete Strom nicht nach Süden geleitet, sondern gleich vor Ort von energieintensiven Unternehmen verbraucht würde, sagte Ambrosy. Das könnte aber wohl zu Beeinträchtigungen anderer Art führen.
