Friesland - Nach Feiern scheint der FDP nicht zumute zu sein, dabei hätte sie durchaus Anlass dazu. Vor genau 75 Jahren, am 11. und 12. Dezember 1948, fand ihr Gründungsparteitag in Heppenheim statt. In Friesland existierte die FDP zu diesem Zeitpunkt schon. Sie war hier nicht nur früh dran, sondern für lange Zeit auch die führende Partei, mit bemerkenswerten Persönlichkeiten in ihren Reihen.
Alles begann mit einem Schmiedemeister. Johann Albers, 1890 als Sohn einer Kleinbauernfamilie in Jever geboren, hatte nach der Lehre eine Fachschule besucht und seine Meisterprüfung bestanden, sich in der Kaakstraße selbstständig gemacht und war schnell in Ehrenämter bei der Handwerkerschaft und der Handwerkskammer Oldenburg gewählt worden. Als junger Mann war „Jan“ Albers in die Freisinnige Volkspartei eingetreten und 1919 Mitglied der Deutschen Demokratischen Partei geworden. Als 1933 die Nazis an die Macht kamen, verlor er alle Ämter.
Unbelastet: Jan Albers
Nach dem Zusammenbruch Deutschlands suchten die Besatzungsmächte unbelastete Menschen, mit denen das Gemeinwesen neu aufgebaut werden konnte. Johann Albers war so einer. Am 20. Dezember 1945 wurde er als Landrat in Friesland eingesetzt, er übte das Amt danach, demokratisch wiedergewählt, bis zu seinem Tod am 19. April 1964 aus. Aber das war nur einer seiner vielen Posten.
Als sich liberal Gesinnte im Oldenburgischen nach Kriegsende zusammenfanden, um die Partei neu aufzubauen, holte der prominente Liberale und kommende Ministerpräsident Theodor Tantzen Jan Albers in sein Team. Dieser wurde Ende Januar 1946 Mitglied des Oldenburgischen Landtages und im April 1946 dessen Präsident. Als der Freistaat Oldenburg dann im Dezember im Land Niedersachsen aufging, wurde Johann Albers Mitglied des Niedersächsischen Landtages, dem er bis 1959 angehörte. Von Juni 1947 bis Juni 1948 war er Minister in der Regierung Kopf, später stellvertretender Fraktionsvorsitzender.
Liberale Bürgermeister
In Jever war Albers von 1952 bis 1961 Bürgermeister, nicht als erster und nicht als letzter Liberaler. Von 1946 bis 1949 hatte schon ein FDP-Mann die Bürgermeisterkette getragen, der Jurist Alfred Onnen. Der Kaufmannssohn aus Hohenkirchen hatte Jura studiert, in Berlin gearbeitet und im Krieg als Soldat gekämpft. 1945 kehrte der Rechtsanwalt und Notar nach Jever zurück. Er war nicht das einzige ehemalige NSDAP-Mitglied, das die FDP mit aufbaute. 1947 gehörte Onnen zu den Gründern der FDP Niedersachsen und wurde stellvertretender Landesvorsitzender. 1949 zog er in den ersten Deutschen Bundestag ein und gab das Bürgermeisteramt ab.
Sein Nach-Nachfolger war Ommo Ommen. Auch er gehörte zu den Persönlichkeiten, die die Nachkriegszeit prägten. 1915 hier geboren und in einem liberalen, von den Nazis drangsalierten Elternhaus aufgewachsen, war er nach dem Studium als junger Lehrer nach Jever zurückgekommen. Er war von 1956 bis 1986 Ratsherr, von 1961 bis 1972 Bürgermeister, viele Jahre Abgeordneter im Kreistag, wurde für seine Verdienste mit der Heuss-Medaille ausgezeichnet.
Die FDP stellte den Landrat, sie stellte Bürgermeister, spielte im Landkreis Friesland wie im Oldenburger Land eine wichtige Rolle, aber das Bundestags-Direktmandat haben die Liberalen im Wahlkreis Friesland-Wilhelmshaven nie gewonnen. Das holten sich, immer abwechselnd, mal die SPD und mal die CDU. Die relative Stärke der FDP blieb ein begrenztes Phänomen des Jeverlandes. Sie dauerte an, solange die Partei politisch rechts stand. Im ersten Deutschen Bundestag hatte die FDP noch ganz rechts außen gesessen, jenseits der CDU. Das entsprach ihrer politischen Haltung. Sie war nicht nur Nachfolgerin liberaler Parteien der Weimarer Republik, sondern regional auch ein Sammelbecken für ehemalige NSDAP-Mitglieder.
Löste der Eintritt der FDP in die sozialliberale Regierung von Willy Brandt 1969 einen ersten Exodus konservativer Mitglieder aus, so brach in Friesland eine Entscheidung der CDU/FDP-Landesregierung von Ernst Albrecht der FDP das Genick. Der damalige FDP-Innenminister Rötger Groß wurde in Friesland als Hauptverantwortlicher für die Kreisreform und für die Zerschlagung des Landkreises im Jahr 1976 ausgemacht. Das haben die friesländischen Wähler der FDP lange nicht verziehen, zahlreiche Mitglieder kehrten ihr den Rücken. Bei der letzten Bundestagswahl 2021 kam sie im Wahlkreis auf 10,4 Prozent der Zweitstimmen und lag damit unter dem bundesweiten Ergebnis.
Niedergang nach Ommen
Mit Ommens Ausscheiden aus dem Bürgermeisteramt war die liberale Ära vorbei. Die Stadt erlebte seitdem Bürgermeister wechselnder Couleur, der Landkreis ist sozialdemokratisch dominiert, immerhin stellte Frieslands FDP in den Achtzigerjahren mit Günther Bredehorn (Bockhorn) und Erke Noth (Jever) zwei Bundestagsabgeordnete gleichzeitig. Und im Kreistag hatte die FDP in Person des Landwirts Reinhard Onnen-Lübben aus Förrien noch viele Jahre ein Dauer-Abo auf das Amt des stellvertretenden Landrats. Von einer liberalen Hochburg aber kann keine Rede mehr sein. Bei der letzten Kreistagswahl kam die FDP auf 5,6 Prozent.
