Hohenkirchen/Eppertshausen/Todtmoos - Bis zu 400 Flüchtlinge in einem Ort mit gerade einmal 1600 Einwohnern. Das wird auf Hohenkirchen zukommen, nachdem die niedersächsische Landesregierung eine Flüchtlingsunterkunft in der Hotelanlage „Dorf Wangerland“ entgegen aller Befürchtungen durchgesetzt hat.
Aber sind die Befürchtungen berechtigt? Unsere Redaktion hat über den Tellerrand geschaut und versucht, Ortschaften zu finden, mit ähnlichen Voraussetzungen. Wie ist man dort mit dem Thema Flüchtlingsunterkunft umgegangen? Haben sich die Ängste bewahrheitet? Ein Beispiel ist Eppertshausen – eine idyllische Gemeinde im südhessischen Landkreis Darmstadt-Dieburg. Der Ort mit seinen knapp 6000 Einwohnern geriet 2015/2016, während der ersten Flüchtlingswelle nach Kriegsausbruch in Syrien, in den Fokus des öffentlichen Interesses.
Unterkunft für 1500 Flüchtlinge
Denn um der Masse an Ankömmlingen, hauptsächlich aus Syrien, Herr zu werden, hatten die hessische Landesregierung und der Landrat Klaus Peter Schellhaas damals geplant, in einem Gewerbepark in Eppertshausen auf dem Gelände einer ehemaligen Spedition für zehn Jahre eine Flüchtlingsunterkunft für bis zu 1500 Asylsuchende einzurichten. Das wären, ähnlich wie in Hohenkirchen, rund 25 Prozent der Einwohner des Ortes gewesen. Wie derzeit in Hohenkirchen regte sich damals auch in der hessischen Gemeinde Widerstand.
Nachteile für das Gewerbegebiet, eine Infrastruktur, die für eine solche Masse an zusätzlichen Menschen nicht ausgelegt ist (Stichpunkt Kläranlage), fehlende Kita-Plätze, zu wenig Ärzte und Angst vor Übergriffen – Argumente, die Eppertshausens Bürgermeister Carsten Helfmann damals ins Feld führte. Dabei sprach der Verwaltungschef wie auch sein Amtskollege im Wangerland, Mario Szlezak, vom möglicherweise gefährdeten sozialen Frieden in der Gemeinde. „Das wäre einfach nicht machbar gewesen. Schließlich kann man die Menschen in der Unterkunft nicht einsperren“, erinnert sich Helfmann im Gespräch mit unserer Zeitung an seine Argumente.
Ähnliche Vorzeichen
Die Vorzeichen, Ängste und Befürchtungen in der südhessischen Gemeinde waren also ähnlich denen in Hohenkirchen. Anders als die niedersächsische Landesregierung hatte die hessische Landesregierung bei Eppertshausen Einsehen. „Letztlich haben unsere Argumente überzeugt“, freut sich Helfmann rückblickend. Am Ende wurden es 250 Flüchtlinge (rund vier Prozent der Einwohner) für zwei Jahre. „Das war dann auch eine Zahl, die wir händeln konnten.“ Drei extra eingestellte Beschäftigte kümmerten sich etwa um die soziale Betreuung oder die Vermittlung von Kindern und Jugendlichen in die ansässigen Vereine. Die befürchteten Übergriffe blieben aus.
Eppertshausens Bürgermeister Carsten Helfmann wehrte sich 2015/2016 erfolgreich gegen eine Großunterkunft für Flüchtlinge in seiner Gemeinde.
Andreas Böhm
Im Hotel „Löwen“ in Todtmoos sind derzeit 60 Flüchtlinge untergebracht.
Andreas Böhm
Auch im Hotel „Fünf Jahreszeiten“ in Todtmoos sind derzeit 60 Flüchtlinge untergebracht.
Andreas Böhm
Ob sich die Lage im „Dorf Wangerland“ und in Hohenkirchen ähnlich gut entwickelt wie in den Gemeinden Eppertshausen und Todtmoos bleibt erst noch abzuwarten.
Sebastian Urbanczyk
Hildegard Jehle aus Todtmoos organisiert den Helferkreis für Flüchtlinge in der Gemeinde.
PrivatDieselben Befürchtungen
Ortswechsel an die deutsch-schweizerische Grenze in die Gemeinde Todtmoos im Landkreis Waldshut in Baden-Württemberg. In dem 1900-Seelen-Ort sind seit Ende vergangenen Jahres 120 Asylsuchende in zwei Hotels („Löwen“ und „Fünf Jahreszeiten“) untergebracht, die damit auch gleich, bis auf wenige Plätze, zu 100 Prozent ausgelastet sind. Auswirkungen auf die „weiße Industrie“ habe das in dem stark vom Tourismus geprägten Ort aber bislang nicht gehabt, versichert Tobias Herrmann vom Landratsamt Waldshut.
Auch wenn der prozentuale Anteil der Flüchtlinge „nur“ sechs Prozent der Einwohner von Todtmoos ausmacht, gab es im Ort dieselben Befürchtungen wie in Hohenkirchen und Eppertshausen, die während einer Informationsveranstaltung geäußert wurden. „Natürlich gab es dort auch kritische Stimmen, die auf die ungünstige Relation der Einwohnerzahl zu den Geflüchteten in den Hotels hingewiesen haben. Vielfach wurde auch geäußert, dass gerade Frauen in Angst seien und sich dann nicht mehr sicher fühlten“, sagt Herrmann.
Ängste begründet?
Übrig geblieben sei davon am Ende, bis auf die ewig Unverbesserlichen, nicht viel, berichtet Herrmann. In den vergangenen drei Monaten sei es zu keinerlei Vorkommnissen in der Gemeinde gekommen, die in Verbindung zu den in den beiden Hotels untergebrachten Geflüchteten standen. „Es kamen allerdings immer wieder unwahre Behauptungen von Bürgerinnen oder Bürgern auf, die Veranlassung gaben, die Inhalte durch die Polizei klären zu lassen“, sagt Herrmann. Aber auch diese hätten sich letztlich als falsch herausgestellt.
Dass es in Eppertshausen und Todtmoos bislang zu keinerlei Vorfällen gekommen ist, mag unterschiedliche Gründe haben. Zum einen lag die tatsächliche Anzahl von Asylsuchenden, die in den beiden Gemeinden untergekommen sind, letztlich zwischen vier und sechs Prozent der Einwohnerzahl und nicht wie in Hohenkirchen bei zu erwartenden 25 Prozent. Dennoch: Die Ängste waren Anfangs dieselben. Zum anderen kam bei den Unterkünften ein Sicherheitsdienst zum Einsatz.
Helferkreis im Einsatz
Ebenso wichtig erscheint aber auch das freiwillige Engagement der Bürgerinnen und Bürger selbst. So hat sich im baden-württembergischen Todtmoos beispielsweise ein Helferkreis mit Freiwilligen für die Flüchtlinge gegründet. Hildegard Jehle ist eine der Helferinnen. Schon während der Flüchtlingskrise 2015 hatte sie sich engagiert und weiß daher, worauf es den Asylsuchenden ankommt. „Sie wollen einen geregelten Tagesablauf und sich nicht die Zeit in der Unterkunft um die Ohren schlagen.“ Und so organisiert der fünfköpfige Helferkreis nicht nur ein Begegnungscafé und Sprachkurse, sondern hilft auch bei der Vermittlung von Arbeit oder einer Mitgliedschaft in den ansässigen Sportvereinen. „Da, wo Landkreis und Gemeinde nicht mehr weiter kommen, springen wir ein.“
Natürlich weiß auch Hildegard Jehle um die Ängste und Befürchtungen der Einheimischen, die habe es in Todtmoos ebenfalls gegeben. „Aber wenn man mit den Menschen redet und nicht über sie und wenn man offen ist für neue Kontakte, dann kann sehr viel Gutes entstehen“, ist sie überzeugt. So sei in Todtmoos von den anfänglichen Ängsten am Ende nichts mehr übrig geblieben.
