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Wechsel an der Spitze der Feuerwehr in Friesland Gerhard Zunken – als Kreisbrandmeister ein echter Kümmerer

Gerhard Zunken gibt nach zwölf Jahren als Kreisbrandmeister sein Amt ab.

Gerhard Zunken gibt nach zwölf Jahren als Kreisbrandmeister sein Amt ab.

Antje Brüggerhoff

Friesland - Er hält mehrere Seiten in der Hand. „Und das ist nur die Zusammenfassung“, betont er. Zuhause hat er mehrere Ordner, alle gefüllt mit Notizen über die vergangenen zwölf Jahre. „Ich wusste zwar in etwa, was auf mich zukommen wird – aber dass die Arbeit dann doch so komplex sein würde, hätte ich damals nicht gedacht.“

Zwölf Jahre lang war Gerhard Zunken Frieslands Kreisbrandmeister. An diesem Freitag erhält er eine Urkunde, wird offiziell aus dem Amt verabschiedet – mit 63 Jahren. So ganz vorbei mit der Feuerwehr ist es für ihn aber nicht. Denn während Olaf Fianke, bislang stellvertretender Kreisbrandmeister, das Amt von Zunken übernimmt, bleibt Zunken Vorsitzender des Kreisfeuerwehrverbands.

„Zum Glück“, sagt er. Nicht nur, weil durch diese Amts-Aufteilung auch die Aufgaben verteilt werden, sondern auch, weil der Schritt für ihn persönlich nicht so groß sein wird. „Würde ich komplett mit allem aufhören, wäre das nicht gut.“ Er lächelt. „Ich bin bekennender Workaholic.“

Damit wäre auch die Frage beantwortet, wie Zunken all die Aufgaben in den vergangenen zwölf Jahren gemeistert hat – alles ehrenamtlich. Er hat zusammengerechnet: An 2189 Sitzungen hat er in dieser Funktion teilgenommen, mehr als 10.000 Stunden sind dabei zusammengekommen. All die Arbeit zuhause, die noch obendrauf kam, nicht einberechnet.

Das funktioniert nur mit einem guten Team und viel Unterstützung – auch vom Arbeitgeber, von der Familie. Und das funktioniert nur, wenn man feuerwehrbegeistert ist. Das ist Zunken ohne Zweifel.


Der Anfang

„Schon als kleiner Junge habe ich die Feuerwehr im Ort beobachtet und war total fasziniert davon“, sagt Zunken, der auf einem Bauernhof in Accum aufgewachsen ist. „Doch es gab keine Kinder- oder Jugendfeuerwehr – also musste ich warten, bis ich 18 war.“ Er wurde Gruppenführer, Ortsbrandmeister in Accum, Stadtbrandmeister in Schortens, 2011 schließlich Kreisbrandmeister und somit verantwortlich für 22 Ortsfeuerwehren. Wobei: Ganz allein verantwortlich ist er auch nicht, schließlich ist die Kreisfeuerwehr in mehrere Abteilungen unterteilt – unter anderem Kreisausbildung, Kreisbereitschaft, Gefahrengutzug. Jede dieser Abteilung hat wiederum einen Leiter. „Ein Einzelner könnte die viele Arbeit sonst gar nicht leisten.“

Umbauten

Von diesen 22 Ortsfeuerwehren hat Zunken als Kreisbrandmeister den Aus-, Um- und Neubau von 12 Feuerwachen miterlebt. Vieles hat sich bewegt – musste aber auch aufgrund schärferer Vorgaben. Ein Beispiel: „Früher hat man sich gar keine Gedanken darüber gemacht, dass toxische Gase nach einem Brandeinsatz auch in der Kleidung festhängen.“ Heute ist das anders, die „vergiftete“ Kleidung muss gesondert abgelegt werden. Daher gibt es die sogenannte Schwarz-Weiß-Trennung, die einige Wachen in Friesland noch vor einigen Jahren gar nicht hatten.

Ein anderer Aspekt: der Umkleidebereich für Frauen. Auch hier musste nachgerüstet werden. Der Frauenanteil in den Wehren ist in Zunkens Zeit als Kreisbrandmeister erheblich gewachsen: 2011 zählte er 814 Feuerwehrleute, davon 36 Frauen; Ende 2022 zählte 914 Feuerwehrleute, davon 103 Frauen. Die Zahlen beweisen noch etwas: Die Freiwilligen Feuerwehren haben keinen Mangel an Mitgliedern. Das sah nicht immer in allen Ortswehren so aus.

Krisengespräche

Die einzelnen Ortswehren haben alle mal ihre Sorgen gehabt, weiß Zunken. Aber eine hat er dabei besonders im Blick: die Freiwillige Feuerwehr von Wangerooge. Er hat drei Krisengespräche führen müssen: 2012/13, 2016 und zuletzt 2019/20. Jedes Mal stand die Einführungen einer Pflichtfeuerwehr kurz bevor, weil sich nicht ausreichend Freiwillige gemeldet hatten. „Auf der Insel bleiben die schwierige Wohnraumsituation und der Arbeitsplatzwechsel weiter ein Problem. Aber bislang haben wir es immer wieder zusammen gewuppt“, sagt er freudig.

Ausbildungsstau

Besonders stolz ist Zunken vor allem aber darauf, dass der Ausbildungsstau, der in Friesland durch die Pandemie entstanden war, durch den Kreisausbildungsleiter und dem Team wieder abgebaut werden konnte. Für den Stau bei den Lehrgängen beim NABK (Niedersächsische Akademie für Brand- und Katastrophenschutz) ist jetzt ebenfalls eine Lösung geplant: Online-Kurse. Zufrieden sind die Feuerwehrleute damit allerdings nicht: „Die Kritik ist massiv – aber es gibt auch keine andere Lösung.“

Doch die muss dringend her, so hat Zunken festgestellt: Bei den Führungskräften gibt es eine große Fluktuation: „Bis auf Bockhorn gab es in allen Städten und Gemeinden in den vergangenen zwölf Jahren überall einen Personalwechsel auf Führungsebene.“ Eine Amtsperiode für Orts- und Stadtbrandmeister dauert sechs Jahre. Und warum die vielen Wechsel? „Sie haben eben immer mehr Arbeit“, vor allem bürokratische Arbeit. Wobei auch etwas erleichtert wurde.

Technik

So hat Zunken drei große technische Fortschritte miterlebt: Die Einführung 1. des Feuerwehrprogramms – eines eigenen Verwaltungsprogramms; 2. digitaler Meldeempfänger und 3. digitaler Funkgeräte. Darüber hinaus ist die Feuerwehrtechnische Zentrale mächtig um- und ausgerüstet worden. „Vor 13 Jahren haben wir angefangen, die FTZ zu überplanen, damals war sie auf einem Niveau der 60er/70er-Jahre.“ Die Atemschutzstrecke und der Feuerwehrübungsturm sind nur zwei Beispiele, womit die Kameradinnen und Kameraden bestmöglich auf ihre Einsätze vorbereitet werden können.

Großübungen und Einsätze

Doch auch das Trainieren unter realen Bedingungen ist wichtig. Großübungen wie eine Ölverschmutzung am Strand von Hooksiel oder einem Großeinsatz am Flugplatz von Harlesiel sind Zunken ebenso im Gedächtnis geblieben wie tatsächliche Einsätze: Viele schwere Stürme, große Brände bei Biopin, der Papier- und Kartonfabrik oder Grön Winkel, aber auch: Unfälle.

Notfallversorgung

Entstehen größere Schäden oder kommen Menschen dabei ums Leben, sollten die Spuren, die diese Einsätze bei den Einsatzkräften hinterlassen, nicht unbeachtet bleiben. Das liegt Zunken besonders am Herzen, weshalb er die Notwendigkeit der Psychosozialen Notfallversorgung hervorhebt. In Friesland arbeitet die Feuerwehr hier mit dem DRK zusammen – „eine Erfolgsgeschichte“, meint Zunken. Der Bereich wird jetzt noch weiter ausgebaut, das freut ihn ganz besonders.

Wenn Gerhard Zunken darüber redet, wird deutlich, wie sehr ihm die Gesundheit, ob körperlich oder psychisch, all der ehrenamtlichen Feuerwehrleute am Herzen liegt, wie wichtig ihm das Kümmern darum ist. Das ist wohl auch etwas, das ihn als Kreisbrandmeister besonders ausmachte. Denn neben den vielen Ausbildungen, Fortbildungen und etlichen ehrenamtlichen Arbeitsstunden hat er zwölf Jahre lang etwas geleistet, das nicht in seinen vielen Ordnern vermerkt ist: mit viel Fingerspitzengefühl gearbeitet, stets Kameradschaft und Teamgeist hervorgehoben – und alle Kameradinnen und Kameraden in Friesland für das Ehrenamt motiviert.

Antje Brüggerhoff
Antje Brüggerhoff Lokalredaktion, Jeversches Wochenblatt
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