Friesland - Kaum ein Lebensmittel steht so sehr im Mittelpunkt wie die Kuhmilch. Kritiker stellen das Tierwohl und die Klimabilanz in Frage. Befürworter verteidigen wiederum vehement ihre Milch. In einem Streitgespräch tauschen Tierschützerin Katharina Kyas und Landwirt Hilmar Beenken ihre wichtigsten Argumente aus.
Was für Bilder haben Sie im Kopf, wenn Sie an Milchviehhaltung denken?
Hilmar Beenken Ich denke daran, wie sich die Kühe bei Sonnenschein auf meiner Weide frei bewegen können – und jederzeit die Wahl haben, ob sie im Stall sein oder draußen grasen wollen.
Katharina Kyas Ich denke an Kälbchen, die nicht bei ihren Müttern sind. Kühe mit viel zu großen Eutern, die nur darauf gezüchtet werden, möglichst viel Milch zu geben. Ich sehe das Leid der Tiere. Daher esse ich auch keine Milchprodukte mehr. Ich will nicht, dass Lebewesen für mich ausgebeutet, gequält und letztendlich getötet werden.
Herr Beenken, wieso werden denn Kälbchen von ihren Müttern getrennt?
BeenkenJe länger ein Kälbchen bei der Mutter bleibt, desto stärker wird die Bindung. Um den Stress für die Tiere möglichst gering zu halten, ist eine frühe Trennung daher sinnvoll. Damit die Jungtiere trotzdem einen bestmöglichen Start in ihr Leben haben und mit Muttermilch versorgt werden, bleiben sie die ersten 24 Stunden beim Muttertier.
Kyas Kühe müssen jährlich ein Kälbchen geben, das ihnen dann jedes Mal weggenommen wird. Da Kühe hochsoziale Wesen sind, geht das doch nicht spurlos an den Tieren vorbei.
Beenken Wir zwingen aber unsere Kühe nicht, schwanger zu werden, da wir einen Deckbullen auf der Weide haben. Wenn eine Kuh brünstig wird, dann ist sie auch gewillt, trächtig zu werden.
Wie lange darf denn eine Kuh bei Ihnen auf dem Hof bleiben?
Beenken Solange die Kuh jedes Jahr ein Kälbchen bekommt und gesund bleibt, bleibt sie auch auf dem Hof – eben so lange, wie es nur geht. Die Hälfte meiner Kühe sind fast zehn Jahre alt – das liegt auch an der Weidehaltung. Eine Kuh kann so bis zu 15 Jahren alt werden. Wenn sie allerdings nicht mehr in der Lage ist zu kalben, gibt sie auch keine Milch mehr. Dann ist es tatsächlich so, dass sie zum Schlachter muss – eben weil die Wirtschaftlichkeit nicht mehr gegeben ist. Da will ich auch nicht drumherum reden.
Kyas Das verstehe ich, da hängen Gelder dran, und für Sie auch die Existenz. Letztendlich geht es aber doch ums Geld. Und wenn es ums Geld geht, kann es nicht auch ums Tierwohl gehen. Sonst müsste man die Kuh nicht zum Schlachter bringen. Im Übrigen kann nach meinem Kenntnisstand eine Kuh, wenn sie nicht landwirtschaftlich genutzt werden würde, bis zu 25 Jahre alt werden. Dieses Alter erreicht in der Milchviehhaltung aber kein Tier.
Hat die geringere Lebenserwartung der Kuh in der Landwirtschaft auch etwas mit der hohen Milchleistung zu tun? Heute gibt eine Kuh schließlich dreimal so viel Milch wie 1950.
Beenken Früher gab es noch nicht die technischen Möglichkeiten und Futtermittel. Wir sind kein Betrieb, der diese unglaublichen Hochleistungskühe hat. Der Kuh macht das aber generell keine Probleme – vorausgesetzt, man behandelt sie korrekt. Das ist wie bei einem Hochleistungssportler. Solange die Kuh entsprechendes nährstoffhaltiges Futter bekommt, kann sie ihre Leistung erbringen und Milch geben. Eine einfachere Methode, aus simplem Gras ein wertiges Lebensmittel herzustellen, gibt es gar nicht.
Sie stutzen, Frau Kyas?
Kyas Ja. Es gibt natürlich eine einfachere Methode – indem man direkt Hafer anpflanzt. Dann spart man sich den Umweg, erst ein Lebewesen füttern zu müssen, um dann die Milch vom Tier zu nehmen. Aus Hafer oder Soja lassen sich tolle Milchalternativen herstellen – ohne dafür ein Lebewesen ausbeuten zu müssen. Wenn Sie beispielsweise Hafer anbauen, können Sie ihren Betrieb erhalten – nur mit weniger Kühen.
BeenkenDa ist ein Denkfehler. Dann müsste ich Grünland zu Ackerland umbrechen. Das darf ich rein rechtlich nicht. Zudem müsste ich dann meinen Milchviehbestand reduzieren. Die Milchviehbetriebe sind aber bereits auf dem Rückzug – da muss man physisch und psychisch inzwischen einiges aushalten können.
Kyas Da ist die Politik gefragt. Sie muss den Landwirten helfen, ihre Betriebe umzustellen. Tierrechtlern ist bewusst, dass da Existenzen dranhängen. Das ist garantiert nicht einfach, aber es muss gemacht werden. Nicht nur wegen des ethischen Aspekts, sondern auch, weil die Kuh- und Rinderhaltung nicht gut für das Klima ist.
Ist denn die Milch aus Ihrer Sicht in Klimakiller?
Beenken Nein. Die Kühe stehen auf Grünland, das im Vergleich zu Ackerflächen ein enorm großer Kohlenstoffspeicher ist – darum ist die Erhaltung wichtig. Zudem ist eine Kuh vielschichtig. Viele Betriebe haben kleine Biogasanlagen an den Höfen, wo der Kot der Kühe für Wärmeenergie gewonnen werden kann.
Kyas Aber Dürre und extreme Wetterlagen nehmen zu. In Deutschland gibt es vier Millionen Milchkühe. All diese Tiere verursachen Gülle und Methan. Nitrat sinkt in Grundwässer, Gewässer kippen um. Allein die Massentierhaltung macht 14,5 Prozent der menschenverursachten Treibhausgase aus. Wie kann ich dann sagen, dass das gut ist? Die Klimakrise ist doch auch für die Landwirte durch Ernteausfälle mit Kosten verbunden. Auf lange Sicht ist das einfach nicht gut.
Beenken Vorweg: Pro Betrieb in Deutschland haben wir durchschnittlich 70 Kühe. Das ist für mich keine Massentierhaltung. Die Wetterextreme nehmen leider in der Tat zu. Gras ist aber eine ziemlich robuste Pflanze und deutlich strapazierfähiger als die meisten Getreidesorten. Wenn extreme Dürre oder Nässe also zunimmt, dann bleiben die Erträge deutlich stabiler als beim Getreideanbau.
Kommen wir zu einem Thema, bei dem Sie beide vielleicht eine ähnliche Meinung haben: der Preis. Ist die Milch zu günstig?
Kyas Definitiv. Bei 40 Cent pro Liter kann das gar nicht gut fürs Tier sein. Es gibt schließlich auch viele Kosten, beispielsweise für Tierärzte. Wie kann bei dem geringen Milchpreis die bestmögliche Versorgung für das Tier gewährleistet werden? Wenn Milch schon konsumiert werden muss, dann sollte sie zu einem Luxusgut werden. Dann hat der Landwirt etwas davon und die Kuh hoffentlich auch.
BeenkenInnerhalb der vergangenen zwei Jahre haben sich die Milch- und Getreidepreise fast verdoppelt. Gleichzeitig sind meine laufenden Kosten enorm gestiegen. Unterm Strich hat sich daher nichts für mich verbessert. Bauern klagen gerne. Aber ich habe wirklich Sorgen vor den Kosten, die noch auf uns zukommen. Also ja, die Milch ist zu günstig. Ich möchte allerdings auch, dass sich alle Teile der Bevölkerung meine Milch leisten können dürfen.
Wenn Sie sich etwas wünschen könnten: Wie würde dann die Milchviehhaltung in 50 Jahren aussehen?
BeenkenIch hoffe, dass es noch immer Betriebe in Familienbesitz gibt. Dass junge Landwirte noch immer Lust haben, diesen Beruf auszuüben. Dass es noch immer Weidehaltung gibt und uns das Klima nicht weiter belastet. Zudem hoffe ich, dass wir in Deutschland genug Milch produzieren, um nicht importieren zu müssen – damit unsere Produkte weiterhin aus der Region kommen.
Kyas Ich würde mir mehr Bewusstsein dafür wünschen, dass hinter Milchprodukten Lebewesen stecken, die das alles gar nicht möchten – und ein anderes Leben führen könnten. Zudem wünsche ich mir eine extreme Reduktion von Milchkühen und dass Bauern der Wandel hin zu mehr pflanzlichen Alternativen gelingt.
Zu den Personen
Hilmar Beenken ist Landwirt aus Jever. Sein Hof ist seit fast 130 Jahren in Familienbesitz und wird in der vierten Generation geführt. Der 48-Jährige hält 60 Milchkühe. Neben der Milchviehwirtschaft ist die Rindermast sein zweites Standbein. Beenken ist Vorsitzender des Landvolkvereins Jever und Vorsitzender des Milchausschusses des Kreislandvolkverbandes.
Katharina Kyas ist im Tier- und Klimaschutz aktiv und kommt gebürtig aus Wilhelmshaven. Die 34-Jährige lebt seit fünf Jahren vegan – verzichtet also auf tierische Produkte. Sie wohnt in Varel und arbeitet im Bereich des heilpädagogischen Wohnens. Für sie kommt es nicht in Frage, jemals wieder Kuhmilch zu trinken – selbst wenn sich einiges in der Landwirtschaft ändern würde.
Zur Serie
Zukunft Leben ist ein gemeinsames Projekt des Jeverschen Wochenblattes und der Wilhelmshavener Zeitung. Wöchentlich, immer montags, beschäftigen sich die Autoren mit der Frage, wie wir in Zukunft (besser) leben können und mit Ressourcen schonender umgehen. Dabei werden verschiedene Aspekte des alltäglichen Lebens beleuchtet.
