Friesland/Wilhelmshaven - Wenn es nach der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) geht, müssen Patienten die am Wochenende oder in der Nacht den ärztlichen Bereitschaftsdienst in Anspruch nehmen müssen, demnächst längere Wege auf sich nehmen. Die Bereiche Jever-Schortens-Wangerland soll nämlich mit den Bereichen Wilhelmshaven-Sande zusammengelegt werden. Dann würde es nur noch eine Bereitschaftspraxis geben, die am Klinikum Wilhelmshaven angesiedelt ist. Das geht aus einem Schreiben der KVN an die Ärzte hervor, welches der Redaktion vorliegt.

Bereits im April 2022 soll diese Zusammenlegung erfolgen. Die KVN begründet ihr Vorgehen mit einer Unterbelastung der Ärzte in Schortens, Jever und dem Wangerland. Demnach wären diesen Bereiche unter 50 Prozent ausgelastet.

Scharfe Kritik kommt von den Hausärzte aus der Region. Sie befürchten eine deutliche Qualitätsverschlechterung der medizinischen Versorgung. „Die Wege für Friesländer und für Urlauber werden in der Regel deutlich weiter“, warnt Hausarzt Sascha Leffringhausen aus Jever. „Bisher gibt es an den Wochenenden immer auch eine gut funktionierende Bereitschaftspraxis in Schortens, Jever oder im Wangerland mit bekannten und verlässlichen Sprechzeiten sowie einen ärztlichen Hausbesuchsdienst für die Zeiten dazwischen.“ Aus Sicht von Haus- und Kinderarzt Dr. Markus Ennen aus Schortens zieht das Argument der niedrigen Auslastung nicht. „Die Heranziehung der vergangenen acht Quartale bei der Berechnung der KVN halten wir für äußerst fragwürdig, da ein Großteil des Zeitraums von der Pandemie überschattet und insgesamt zu einer deutlich reduzierten Inanspruchnahme geführt haben dürfte.“

Zudem sei die neuen landesweite Notfallnummer 116 117 immer noch nicht in den Köpfen der Menschen, was nach Ansicht vieler Ärzte ebenfalls zu einem Rückgang bei den Bereitschaftsdiensten geführt habe. „Dort hängt man zum Teil stundenlang in der Warteschleife“, weiß Leffringhausen von Berichten seiner Patienten.

Ein Missstand, den Jens Wagenknecht, Facharzt für Allgemeinmedizin in Varel und Mitglied der KVN-Bezirksstelle Wilhelmshaven, durchaus zugibt. „Hier haben wir auf jeden Fall noch Verbesserungspotential.“ Bezogen auf alle anderen Punkte sieht Wagenknecht die Situation nicht so dramatisch. „Corona war vielleicht ein Brandbeschleuniger, diese Überlegungen einer Zusammenlegung gibt es allerdings schon länger.“


Wagenknecht hält das rotierende Prinzip von verschiedenen Ärzten an den Wochenenden, wie es in Jever, Schortens und Wangerland jahrelang praktiziert wird, für veraltet. „Und wir müssen uns von dem Modell der Hausbesuche verabschieden.“ In allen anderen Bereitschaftsdienstbereichen in Niedersachsen würde das Prinzip einer Praxis seiner Meinung nach gut funktionieren. „Im Bereich Varel-Jade-Friesische Wehde machen wir seit Jahren diese Erfahrung. Die Menschen haben eine Anlaufstelle und wissen, dass es funktioniert.“ Die KVN spricht in ihrem Schreiben an die Ärzte sogar von „Fahrtwegen, die als nicht unangemessen hoch anzusehen seien.“

Leffringhausen und seine Kollegen allerdings bleiben bei ihrer Kritik. Eine Zentralisierung funktioniert aus ihrer Sicht nicht. „In Sande, Jever, Schortens und dem Wangerland leben circa 50 000 Menschen“, so seine Schätzung. „In Wilhelmshaven noch mal rund 80 000. Dann wäre eine Bereitschaftspraxis für knapp 130 000 Menschen zuständig.“ Und das sei, vor dem Hintergrund des ohnehin längst vorhandenen Ärztemangels im ländlichen Raum einfach zu viel.

Sebastian Urbanczyk
Sebastian Urbanczyk Lokalredaktion, Jeversches Wochenblatt