FUNNENSER-NEUENDEICH - Im Februar 1962 war ich zehn Jahre alt und ging in das 4. Schuljahr der Volksschule Friederikensiel. Ich wohnte mit meinen Eltern (Johann und Anny Harms) und meinem damals vierjährigen Bruder in Funnenser-Neuendeich im letzten Haus am Deich, direkt an der Drift.
Am Morgen des 17. Februar 1962 schickten meine Eltern mich wie immer zur Schule. Von der Sturmflut haben sie zu dem Zeitpunkt nichts erzählt.
Also nahm ich mein Rad und fuhr die ca. drei Kilometer nach Friederikensiel zur Schule. Zuerst wollte ich wie immer die Nachbarstochter abholen, ihr Opa (Enno Ennen) öffnete die Tür und sagte: „Enne blifft to hus, dat Water steit an’n Diek.“
Ich machte mir keine Gedanken, was das bedeuten sollte, hatte mich doch meine Mutter zur Schule geschickt.
In der Schule angekommen, waren wenige Kinder da. Meine Lehrerin (Frau Wilkens) und der Schulleiter (Herr Henning) schickten uns nach Haus, da eine Sturmflut drohte.
Zu Hause berichtete ich aufgeregt meinen Eltern davon. Ich weiß nicht, ob meine Eltern die Situation als nicht so schlimm eingeschätzt hatten, oder ob sie mich in der Schule in Friederikensiel sicherer wähnten.
Jedenfalls war ich nicht zu halten und rannte die Drift zum Deich hinauf. Das Wasser stand fast bis zur Deichkrone. Unsere Weiden waren überschwemmt. Wasser, soweit man sehen konnte.
Der Außendeich war an einigen Stellen gebrochen und der Elisabethgroden stand unter Wasser. Viele Menschen hatten sich auf dem Deich versammelt. Es bestand Sorge, dass auch der letzte Deich brechen würde.
Mein Vater sagte: „Keine Angst, der Deich hält.” Zum Glück hatte er Recht behalten. Nach und nach ging das Wasser zurück. Die Weiden waren voller Dreck und der Boden versalzen. Unsere Kühe konnten im darauffolgenden Sommer nicht auf die Weide und mussten im Umland untergebracht werden.
Ich habe dann in der Zeitung gesehen und gelesen, was die Sturmflut in anderen Gegenden, zum Beispiel Hamburg, angerichtet hatte. Da hatten wir noch Glück gehabt!
