Sande - Als Kind, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, tat Angelika Rehse das, was viele Kinder gerne tun: Gesprächsfetzen aufschnappen, die eigentlich gar nicht für ihre Ohren bestimmt waren. „Wenn wir draußen spielten, die Fenster zur Wohnung offen standen und die Erwachsenen sich unterhielten, bekamen wir Kinder zwangsläufig einiges mit“, erzählt sie. Und natürlich waren diese Fetzen so interessant, dass man dann doch mal genauer hinhörte.
Lesung aus Erstlingswerk
So entstand ein Bild über die vermeintliche Lebenswirklichkeit der Heimatvertriebenen aus den Ostgebieten. Dieses Bild beschäftigte Angelika Rehse, deren Eltern aus Schlesien stammen, auch als Erwachsene immer wieder – bis sie beschloss, dem einmal auf den Grund zu gehen: Sie recherchierte, forschte nach, sprach mit ihrer Mutter und dann schrieb sie ein Buch. „Josses Tal“ ist das Erstlingswerk der 74-Jährigen. Am Freitag, 13. Oktober, um 19 Uhr liest die Autorin daraus in der Gemeindebibliothek Sande.
Angelika Rehse, geborene Güntzel, ist in Sande an der Marienstraße und in Sande-Neufeld II an der Königsberger Straße 11 aufgewachsen. „Bei den Heimatvertriebenen, von denen viele dort lebten, fiel mir immer wieder auf, wie ausnehmend schön sie ihre Heimat und ihr früheres Leben in Erinnerung hatten. Ganz besonders bei den Schlesiern“, sagt sie.
2003 besuchte sie das frühere Schlesien erstmals, stand vor dem Haus, in dem ihre Eltern vor der Vertreibung gelebt hatten und schaute sich um. „Am meisten erschreckte mich, dass es im Kreis Reichenbach ein großes Konzentrationslager gab, über das aber niemand geredet hat. Sie nannten es ,die Sportschule’. Angelika Rehse nahm sich vor: „das schreibst du alles auf.“
Viele Parallelen
Fast 20 Jahre hat es gedauert, bis das Buch nun im Pendragon Verlag erschienen ist. Recherche, schreiben, Gespräche, dann wurde anderes wichtig, das angefangene Buch lag jahrelang im Schreibtisch, bis sie es in der Pandemie wieder hervorholte, weiterarbeitete, einen Verlag suchte, zunächst viele Absagen erhielt. Heute ist ihr „Josses Tal“ wichtiger denn je, denn mittlerweile hat die Autorin, die heute mit ihrem Mann in Bad Salzuflen lebt und Mutter von vier erwachsenen Kindern ist, bereits neun Enkel. „Aktuell sehe ich viele Parallelen in der gesellschaftlichen Entwicklung zur Zeit des Nationalsozialismus. Das müssen wir der jungen Generation vermitteln.“
„Josses Tal“ ist kein Sachbuch, es ist vielmehr ein Entwicklungsroman, der sich spannend liest und aufzeigt, wie Indoktrination und Manipulation funktionieren. Angelika Rehse ist eine scharfe Beobachterin, die genau analysiert. Der kleine Joseph, Josse genannt, wächst zu Hause ohne große Zuneigung, ohne Liebe auf. Täglich muss er Demütigungen einstecken, vor allem vom Vater. Und dann ist da plötzlich jemand, der ihm zuhört, vermeintlich Zuneigung schenkt und ihn dabei doch nur ganz böse für die Zwecke des Nationalsozialismus missbraucht.
Ein Stück Familiengeschichte hat Angelika Rehse in ihrem Roman aufgearbeitet. „Alle Orte, die genannt werden, gibt es genauso. Der Joseph, den alle Josse nennen, ist natürlich komplett fiktiv“, sagt die Autorin, die sich schon auf den Besuch in Sande freut. Hier hat sie Verwandtschaft und sie kommt mindestens einmal im Jahr in den Norden, muss dabei immer Sande sehen und Dangast, ihre große Liebe, besuchen. Erst einmal aber freut sie sich auf viele Zuhörer bei der Lesung. Karten gibt’s ab sofort in der Gemeindebibliothek zum Preis von acht Euro.
Weitere Lesungen gibt es am Samstag, 4. November, um 19.30 Uhr. Dann lesen Regine Kölpin, Heike Gerdes und Peter Gerdes im Rahmen der 13. Ost-Friesischen Krimitage aus „Fiese Friesen in Sande“. Am 16. November ab 18 Uhr gibt’s einen Krimiabend bei Wein und Kerzenschein mit Manfred C. Schmidt (Krimis und schräge Kurzgeschichten) und Helmut Bengen (Musik). Auch dafür gibt’s bereits Karten.
