Sande/Hannover - Seine Stallwände sind voll mit Preisen, Auszeichnungen und Ehrungen. Landwirt Harm Oncken (75) aus Sande ist nach Anfängen in den 1970er Jahren und einer kurzen Unterbrechung seit mehr als 30 Jahren passionierter und erfolgreicher Pferdezüchter und hat für seine prämierten Fohlen und für seine Dressur- und Springpferde viele Auszeichnungen erhalten. Unlängst hatte ihn der Oldenburger Verband beim Landwirtschaftsministerium für eine besonders hohe Auszeichnung vorgeschlagen: den niedersächsischen Staatsehrenpreis für herausragende tierzüchterische Leistungen.
Tatsächlich erschien vor einigen Wochen dann auch eine Mitarbeiterin des Ministeriums auf seinem Hof. „Eine Frau Doktor, die sich hier alles genau angesehen hat und erklären ließ“, sagt Harm Oncken. Er sei schon vorab genau „durchleuchtet“ worden, habe ihm die Besucherin aus Hannover augenzwinkernd berichtet. Sie habe ihm bei dem Treffen auch genauer von dem Ablauf der geplanten Preisverleihung berichtet, die auf Onckens Hof zwischen Gödens und Tichelboe stattfinden sollte.
Zorn auf Politik
Oncken war zu dem Zeitpunkt schon „zurückhaltend begeistert“. Das Ministerium hatte eine Delegation von 30 Gästen – Ministerin, Staatssekretär und weitere Politiker – avisiert. Oncken hätte weitere Gäste nennen sollen sowie einen Sektempfang, ein Mittagessen und festliche Kaffeetafel im Festzelt auf seinem Hof ausrichten sollen. Nicht etwa auf Staatskosten, was man als Preisträger des Staatsehrenpreises vermuten könnte, sondern aus eigener Tasche. Dotiert ist der Preis, der ideell sehr hoch anzusiedeln ist, allerdings nur mit 500 Euro. „Für die ganze Party hier auf meinem Hof wäre das Geld schnell weg gewesen“, grinst Oncken süffisant.
Aber um das Geld oder die Kosten ging es dem Züchter auch überhaupt nicht. Harm Oncken hat einen gewaltigen Brass auf die seiner Meinung nach völlig verfehlte grünäugige Wolfspolitik. Die bereite ihm und allen Landwirten in der Region seit langem schon schlaflose Nächte. Vor allem seit in der Gegend zwei Wolfsrudel umherstreichen und in Sande, bei Cleverns und im Wittmunder Raum etliche Weidetiere gerissen haben. Rinder, Pferde und Schafe. Überregionale Schlagzeilen machte Ende März der Wolfsangriff ganz in der Nähe auf einen Schafstall am Sillandweg, bei dem ein Wolf sechs tragende Schafe gerissen hat. Auch eines seiner Rinder fiel einem Wolfsangriff zum Opfer.
Der Entschluss, den Preis nicht annehmen zu wollen, reifte dann ziemlich schnell, berichtet Oncken. „Da habe ich mir gesagt: Die in Hannover sind alle für den Wolf. Und wegen dieser Scheiß-Politik müssen wir die Stuten und Fohlen reinholen.“ Also habe er in Hannover angerufen und seinen Entschluss mitgeteilt: „Danke, aber den Preis können Sie behalten.“
Ministerin sprachlos
„Die Ministerin war ziemlich sprachlos“, sagt Oncken. Seitdem gibt’s unter Züchterfreunden und Landwirten viel Anerkennung und Zuspruch. Auch am Mittwoch auf dem Viehmarkt in Zetel hätten ihn viele darauf angesprochen und ihn zu seiner Entscheidung beglückwünscht.
Harm Oncken züchtet nicht nur Pferde, rund 30 Mutterstuten mit ihren Fohlen sind in dem großen Stall untergebracht, weitere Jungtiere stehen in einem angrenzenden großen offenen Boxen. Oncken hat auch Rindvieh, über 200 Stück. „Die Kälber blieben in diesem Jahr alle im Stall“, sagt Oncken. Im Moment ist der Wolf wieder sehr aktiv im Bereich Abickhafe und Dose. Zuletzt sei dort 150 Meter vorm Haus ein Rind gerissen worden. „Es ist frustrierend und macht mich wütend, dass wir Landwirte und Züchter unser eigenes Land nicht mehr so nützen können, wie wir wollen. Wir laufen ständig Gefahr, dass unsere Tiere vom Wolf angegriffen werden.“ Der Verlust eines Fohlens ginge ihm nicht nur als Tierfreund und Pferdeliebhaber nahe, sagt Oncken. Auch finanziell wäre das ein Verlust. Bis zu 10 000 Euro sei eines seiner Fohlen wert.
„Zäune helfen nicht“
Oncken will keine wolfssicheren Zäune, wie sie die Politik propagiert. „Das bringt nichts, davon lässt sich das Tier nicht abhalten“, sagt er. Harm Oncken fordert eine wolfsfreie Küstenregion. „Ich will überhaupt keinen Wolf in Weidegebieten. Wir sind hier in den vergangenen gut zweieinhalb Jahrhunderten auch ohne Wolf bestens zurechtgekommen.“
Übrigens, kleine Randnotiz: An diesem Sonntag ist es genau 285 Jahre her, dass der letzte Wolf in Friesland erlegt wurde. Der Wolfsgalgen in Schortens erinnert daran. Und daran, dass seine Nachfahren wieder da sind.
