Hamburg/Neuenburg - „Ich habe Hamburg noch nie so ruhig erlebt. Es ist erschreckend: Die Sonne scheint, aber du siehst niemanden draußen“, sagt Marco Prünstner. Der 24-Jährige lebt in Hamburg, im dritten Stock eines Wohnhauses direkt in der Innenstadt, und er verbringt gerade viel Zeit in seinem eigenen Tonstudio: Unter dem Pseudonym MPnZ ist er mit Rap-Musik erfolgreich.

MPnZ steht für Marco Prünstner Neuenburg-Zetel, der Musiker kommt aus Neuenburg und ist im Alter von 17 Jahren mitten in das geschäftige Treiben der zweitgrößten Stadt Deutschlands gezogen. Doch jetzt ist es vorbei mit dem Großstadt-Trubel: Clubs, Bars und Restaurants sind geschlossen, Konzerte und Partys abgesagt. Es herrscht Kontaktsperre, rausgehen dürfen die Hamburger nur, um einkaufen zu gehen, zur Apotheke, zum Arzt oder zum Sportmachen – aber nur allein oder mit maximal einer weiteren Person. In Hamburg ist das öffentliche Leben wegen der Corona-Krise schon länger eingeschränkt als in Friesland. Es neigt sich gerade die zweite Woche dem Ende zu, in der die Hamburger ihre Zeit überwiegend in ihren Wohnungen zubringen.

„Obwohl man weiß, dass hier so viele Menschen leben, fühlt es sich verlassen an. Man merkt, dass etwas nicht stimmt und dass sich die Leute echt Sorgen machen“, sagt Marco Prünstner. Seit fast zwei Wochen geht der Musiker nur raus, um seine Hunde auszuführen oder einzukaufen, dann geht’s wieder ab auf’s Sofa oder ins Tonstudio. „Ich gehe auf jeden Fall öfter mit meinen Hunden spazieren als sonst“, gibt er zu.

Noch könne er mit ein bisschen Langeweile gut umgehen. „Ich nutze die Zeit, um den Alltag zu entschleunigen. Ich arbeite sonst viel an meiner Musik und an Musikvideos, da habe ich auch Abgabetermine. Es ist mir jetzt wichtig, zu entschleunigen, zu reflektieren, einen kühlen Kopf zu bewahren. Und ich kann mich auch ein paar Stunden lang in meinem Studio einsperren und an meiner Musik arbeiten.“ Musik ist sein Leben: Am 23. März hat er seine neue Single „Spinner“ veröffentlicht und der Radiosender BigFM hat ihn zum Newcomer Januar/Februar gewählt. Musik machen, Zeit mit der Familie verbringen – all das ist gut, aber: „Ich habe schon Angst davor, dass diese Krise noch lange anhält. Zwei Wochen ist eine Zeit, die geht schnell rum. Aber wenn ich daran denke, dass das noch Monate so weitergehen könnte und ich vielleicht ein ganzes Jahr lang dieses Leben führen müsste, erschreckt mich das. Ich kann mir kaum vorstellen, was das mit der Psyche und dem Körper macht. Zu viel Routine ist nie gut.“

Doch es gibt auch Gutes in der Krise, erzählt Marco Prünstner. Eines Abends, er war im Tonstudio, hörte er, wie die Leute draußen auf ihren Balkonen klatschen und jubeln. „Das war eine wahnsinnige Geräuschkulisse, wie im Stadion. Ich habe erfahren, dass die Menschen den Ärzten und Pflegekräften applaudieren und allen, die den Laden am Laufen halten. Das hallte durch die Straßen, das war episch. Das machen die Leute jetzt jeden Abend, sie stehen um 21 Uhr auf ihren Balkonen, applaudieren und singen. Das ist superschön und ich hoffe, dass die Gesellschaft diese Wertschätzung auch nach der Krise noch beibehält.“

Sandra Binkenstein
Sandra Binkenstein Thementeam Soziales