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Holocaust-Überlebende Berichten in Jever Schrecken darf nicht vergessen werden

Berichten vom Schrecken des Holocaust: Ivar und Dagmar Buterfas-Frankenthal in der Elisa-Kauffeld-Oberschule Jever.

Berichten vom Schrecken des Holocaust: Ivar und Dagmar Buterfas-Frankenthal in der Elisa-Kauffeld-Oberschule Jever.

Fabian Steffens

Jever - „Das was sich in Deutschland tut, ist eine absolute Schande“, sagt Ivar Buterfas-Frankenthal. Er spricht von der Zunahme antisemitischer Straftaten und den jüngsten Landtagswahlergebnissen in Hessen und Bayern. „Das ist das schlimmste, was Deutschland passieren kann.“ Mehrere Hundert Schülerinnen und Schüler der Elisa-Kauffeld-Oberschule und des Mariengymnasiums Jever hören dem Holocaust-Überlebenden und seiner Frau Dagmar am Dienstagvormittag gebannt zu. Zum letzten Mal hat sich das Ehepaar aus Hamburg auf den Weg nach Jever gemacht, um mit Schülerinnen und Schülern über die NS-Zeit zu sprechen und aufzuklären. Die Gefahr des Vergessens der vergangenen Gräueltaten treibt das Ehepaar seit 30 Jahren um.

Immer noch Alpträume

Ivar Buterfas-Frankenthal wurde 1933 als jüngstes von acht Kindern in Hamburg geboren. Sein jüdischer Vater wurde bereits 1934 im Konzentrationslager (KZ) Esterwegen inhaftiert. Mit einiger Bestürzung hörten die Schülerinnen und Schüler in Jever dem 90-Jährigen zu, wie er von seiner nur sehr kurzen Schulzeit berichtet. „Eines Tages rief mich der Nazi-Rektor beim morgendlichen Appell nach vorne“, erzählte Buterfas-Frankenthal. „Er sagte zu mir: Du bist Jude und darfst unsere Luft nicht weiter verpesten. Pack deine Sachen und lass dich hier nie wieder blicken.“ Er habe als Sechsjähriger nicht richtig begriffen, was passiert. Auch Verfolgungen auf dem Heimweg habe es gegeben, so Buterfas-Frankenthal. Mitglieder der Hitlerjugend (HJ) und dem Bund Deutscher Mädel (BDM) seien ihm gefolgt: „Sie haben Papier in einen Schacht geworfen und angezündet. Dann haben sie das Gitter darübergelegt, mich gepackt und daraufgestellt. Dazu riefen sie ,Jetzt werden wir die Judensau rösten’.“ Noch heute wache er jede Nacht von Alpträumen auf.

Das Ehepaar forderte die Schüler auf „Schluss mit dem Schlussstrich“ zu machen. Zu viele wollten nichts mehr von den Verbrechen der Nationalsozialisten wissen, so Buterfas-Frankenthal. Deshalb berichten sie nicht nur von ihrer eigenen Geschichte und den Schrecken der Konzentrationslager, sondern erinnern auch an Massaker im Ausland: „Überall wo Hitler mit seinen Horden in andere Länder eingefallen ist, haben der Sicherheitsdienst (SD) und die Wehrmacht getötet.“ Ein besonders schreckliches Massaker geschah im ukrainischen Babyn Jar. „Dort wurden in drei Tagen 34 000 Juden getötete. Zwei Polizeibattaillone aus Hamburg haben sich dafür freiwillig gemeldet, um Zigaretten, Schnaps und Urlaub zu bekommen“, berichtet Buterfas-Frankenthal.

Durch eine zwischenzeitliche Flucht nach Polen und späterem verstecken in Kellerräumen in Hamburg, konnte seine Familie die Schrecken des Nationalsozialismus überleben. „Am 3. Mai 1945 hatten wir ein unglaubliches Gefühl der Freude. Der Krieg war für uns vorbei, Hamburg war von den Alliierten befreit worden“, erinnert sich der Zeitzeuge. Die Demütigungen und Bedrohungen endeten jedoch keinesfalls mit Kriegsende. In Folge der 1935 erlassenen Nürnberger Rassengesetze wurde ihnen die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. Es dauerte bis 1965, ehe Buterfas-Frankenthal nicht mehr als staatenlos galt, und die deutsche Staatsbürgerschaft wieder erlangte. „Als ich 1950 den Antrag stellte, fragte mich der Beamte nur ,Sie sind doch Jude, warum sind Sie noch in Deutschland?’“

Gehören zu den letzten lebenden Zeitzeugen des Holocausts: Ivar und Dagmar Buterfas-Frankenthal.

EHEPAAR BUTERFAS-FRANKENTHAL IN JEVER Zukunft ohne Zeitzeugen verändert Erinnerungskultur

Fabian Steffens
Jever

Bis heute haben Morddrohungen an das Ehepaar nicht aufgehört. Ihr Haus mussten sie deshalb mit extra schusssicheren Fenstern und anderen Sicherheitsmaßnahmen ausrüsten, erzählen sie in der Elisa-Kauffeld-Oberschule. Dennoch empfänden sie keinen Hass, sondern haben die Hoffnung, dass sich ein solches Terrorregime in Deutschland nicht wiederholt. Ivar Buterfas-Frankenthal machte deutlich: „Ich habe längst verziehen, aber vergessen werde ich nie.“

Fabian Steffens
Fabian Steffens Volontär, 1. Ausbildungsjahr
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