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Informationsabend zur Flüchtlingsunterkunft Bei Einwohnern schwingen Sorge und Zweifel mit

Jörg Stutz
Fast 300 Besucher waren zur Informationsveranstaltung zum Thema Flüchtlingsunterkunft im Dorf Wangerland bei Hohenkirchen gekommen.

Fast 300 Besucher waren zur Informationsveranstaltung zum Thema Flüchtlingsunterkunft im Dorf Wangerland bei Hohenkirchen gekommen.

Jörg Stutz

Hohenkirchen - Kinderbetreuung, ärztliche Versorgung, Kontaktlotsen, runder Tisch – die Liste der Maßnahmen, die einen reibungslosen Betrieb der geplanten Flüchtlingsunterkunft im „Dorf Wangerland“ garantieren sollen, ist lang und hat vielleicht einige Kritiker besänftigen können.  Das wurde am Freitagabend auf einer Informationsveranstaltung im „Dorf Wangerland“ in Hohenkirchen deutlich. Eingeladen hatte die Gemeinde Wangerland. Unter anderem nahmen die Landesaufnahmebehörde Niedersachsen (LAB), die Polizei und auch der Investor Stellung.

Doch nicht bei allen Kritikpunkten konnten die Verantwortlichen die Skepsis nehmen. Halten Land und „Dorf Wangerland“-Eigentümer den für den 31. März 2025 vereinbarten Schließungstermin ein? Bleibt es bei der geplanten Auslastung von 400 Plätzen? Und wie wirkt sich der Betrieb der Unterkunft auf die Sicherheit und auf die Wirtschaft aus? Dass diese Sorgen nicht ganz unberechtigt sind, berichtete der Vermieter einer Ferienwohnung. Bei dem Hohenkirchener habe demnach schon ein Gast eine Stornierung für den Fall angekündigt, sollte der Ort tatsächlich „400 Asylbewerber aufnehmen“. Dass es bei den angepeilten 400 Personen nicht bleiben muss, deutete indes Klaus Dierker an: Diese Zahl, so der LAB-Chef, könne jedoch „nur höher gefahren werden, wenn die Flüchtlingszahlen steigen“. Das Gelächter des Publikums konterte Dierker mit der Feststellung: „Wir wissen alle nicht, wie sich die Fluchtbewegungen entwickeln.“

Die Sicherheit

Heiko von Deetzen erwartet „keine dramatische Änderung der Sicherheitslage“ durch die Flüchtlinge. Der Leiter der Polizeiinspektion Wilhelmshaven/Friesland verwies auf gute Erfahrungswerte, die die Polizei gesammelt habe. Auch gehe er davon aus, dass die Aufnahme der Asylsuchenden weitgehend geräuschlos vonstatten gehe. Die Polizei werde präventiv arbeiten, um möglichst früh reagieren zu können. Gleichzeitig versprach von Deetzen: „Wenn es zu Sachverhalten kommt, sind wir da.“ „Ich kann das Unbehagen nachvollziehen“, versicherte Klaus Dierker. Nach Angaben des LAB-Leiters habe es bisher jedoch an keinem niedersächsischen Standort Probleme mit religiös oder politisch motivierter Gewalt gegeben. Der Behördenchef sprach zwar von Auffälligkeiten, Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz gebe es jedoch „in keinem Umfeld“. Das belegen auch die Zahlen, die Sven Wietusch präsentierte: Demnach leben am LAB-Standort Oldenburg 660 Menschen aus 34 Nationen, was aus seiner Sicht „funktioniert“.

Auf dem Gelände des ehemaligen Klosters Blankenburg an der Hunte außerhalb von Oldenburg habe es laut Wietusch in den vergangenen zwei Jahren zehn „Vorfälle“ gegeben. Das „Dorf Wangerland“ gilt übrigens als Außenstelle des LAB-Standorts Oldenburg, womit Wietusch auch für die Hohenkirchener Flüchtlingsunterkunft zuständig sein wird.

Kommentar
Jörg Stutz

FLÜCHTLINGSUNTERKUNFT HOHENKIRCHEN Versprechen müssen gehalten werden

Jörg Stutz

Die Kritiker

Ein Neu-Hohenkirchener aus Baden-Württemberg zeichnete hingegen ein ganz anderes Bild. Er beschrieb aus seiner Sicht die Situation rund um Flüchtlingsunterkünfte, die in ehemaligen US-Kasernen am Rande von Heidelberg betrieben werden. Hier habe es durchaus „Reibereien“ wegen unterschiedlicher religiöser und politischer Auffassungen gegeben. Immobilien im Umfeld seien aufgrund der Situation „nicht verkauf- oder vermietbar“, auch sei der Kleinhandel mit Drogen „fest in der Hand von Asylanten“. Dazu Wangerlands Bürgermeister Mario Szlezak: „Das Wangerland ist nicht Heidelberg.“

Was Land, Kreis, Gemeinde und Betreiber vereinbart haben

Der Betrieb ist auf zwei Jahre befristet (bis zum 31. März 2025)

Nicht mehr als 400 Asylsuchende sollen möglichst aufgenommen werden

Die Kinderbetreuung erfolgt ausschließlich im Dorf Wangerland. Es werden keine Kita-Plätze der Gemeinde benötigt

Die Beschulung erfolgt wegen der kurzen Verweildauer der Flüchtlinge nicht in den öffentlichen Schulen, angepeilt ist eine Vereinbarung mit der VHS, die eine „sinnvolle Beschulung“ gewährleisten soll

Ein runder Tisch soll die Kommunikation aller Beteiligten gewährleisten

Kontaktlotsen sollen das Gespräch mit der Bevölkerung suchen und bei Problemen deeskalierend wirken

Ein Shuttlebus soll Flüchtlingen den Besuch in Jever ermöglichen

Die Situation in Niedersachsen

2022 hat das Land rund 22.500 Asylsuchende aufgenommen. Hinzu kommen 110.000 Ukrainer, die jedoch nicht unter das Asylrecht fallen, sondern ein direktes Aufenthaltsrecht haben. Bis Mitte 2023 muss Niedersachsen rund 20.000 zusätzliche Plätze schaffen.

Der Landkreis Friesland bekommt am 1. April eine neue Aufnahmequote zugewiesen. Von der Schaffung der Hohenkirchener Flüchtlingsunterkunft profitieren laut Sven Ambrosy nun die sechs anderen Festlandskommunden des Kreises. Diese, so der Landrat, müssten nun zwar „die übrige Aufnahme schultern“ – aber „wegen des ‘Dorfes Wangerland‘ weniger“.

Zum Hintergrund: Ins „Dorf Wangerland“ werden keine ukrainischen Flüchtlinge einziehen, sondern Asylsuchende vor allem aus Syrien, der Türkei, Afghanistan und Kolumbien. Wo die Fachkräfte für den Betrieb der Unterkunft herkommen, wollte eine Hohenkirchenerin wissen. Bei der Personalgewinnung setzt Dierker auf Dienstleister wie den Arbeiter-Samariterbund und die Johanniter. Was den angekündigten Betrieb eines Pendelbusses zwischen der Flüchtlingseinrichtung und Jever angeht, fragte die Frau nach: „Und wo ist der Shuttlebus, der unsere Rentner zum Arzt bringt?“ Dazu der LAB-Chef: „Fahren Sie doch einfach mit – wir werden uns nicht sperren.“ „Die Wirtschaft wird kaputt gemacht“, ist Harald Koch überzeugt. Der ehemalige „Dorf Wangerland“-Chef mahnte Entschädigungen für Unternehmen an, die möglicherweise unter dem Betrieb der Flüchtlingsunterkunft leiden könnten. Aus Sicht eines Hohenkircheners könnten das vor allem „die Vermieter drumherum“ sein. „Wenn wir sehen, dass andere Branchen leiden, gibt es Hilfe“, versprach Landrat Sven Ambrosy.

Die Befürworter

„Wir sollten daran denken, dass die Leute aus Ländern kommen, in denen sie bedroht und verfolgt werden“, warb Johann Wilhelm Peters für die Aufnahme von Flüchtlingen. „Wir Wangerländer sind ordentliche Menschen“, so der SPD-Ratsherr. „Das sind Menschen wie Sie und ich“, wandte sich Heide Grünefeld an die Aufnahme-Kritiker. Die Leiterin der Migrationsberatung des Diakonischen Werks im Landkreis Friesland gab zu bedenken, dass schon „eine ganze Menge Migranten“ im Wangerland wohnen und zum Teil auch arbeiten. „Viele sind mittlerweile zu Freunden geworden“, sagte auch Grete Gilliam-Hill. Die Hohenkircherin forderte dazu auf, „mal eine Familie“ zu sich nach Hause einzuladen. Denn, so weiß sie aus der Arbeit als Intergrations-Lotsin: „Langeweile kann richtig gefährlich werden.“ „Hier hat keiner was gegen Flüchtlinge“, so auch eine Wangerländerin, die jedoch kritisch auf das bevorstehende Flüchtlinge-zu-Einwohner-Zahlenverhältnis von eins zu vier in Hohenkirchen hinwies. Das dieses Verhältnis „ein Stück weit grenzwertig“ sei, räumte Dierker ein – ergänzte aber: „Es ist aber auf zwei Jahre begrenzt.“

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