Jever/Hohenkirchen - Anni Grade aus Jever ist nicht wie der 100-Jährige, der aus dem Fenster steigt, um die Geburtstagsfeier zu umgehen. Sie hat mit ihren Kindern alles vorbereitet für ihre große Feier am 3. November im Dorfgemeinschaftshaus in Middoge. Wenn eine Frau noch mit 90 Jahren bei „Hol di ran“ Oldorf boßelte, bis zum 90. Lebensjahr Fahrrad und Auto fuhr, immer noch gern Skat spielt und zu den Stammgästen von Bernhard Edens Klönsnack gehört – dann kann man getrost sagen: An Unternehmungslust fehlt es ihr nicht.

Der 100. Geburtstag ist ein besonders glückliches Ereignis, das es angemessen zu feiern gilt, sagt Anni Grade. Nicht vielen Menschen ist solch ein langes Leben vergönnt und so ist sie dankbar für all die vielen erfüllten Lebensjahre. „Wir haben aus dem Nichts etwas gemacht“, sagt sie, und: „Wi sünd de Arbeit nalopen und heppt’ to wat brocht “, sagt Anni Grade. Boßeln und Arbeit waren ihr Lebenselixier – auch heute noch gilt für sie: Ohne Anni keine Feier – so schwelgt sie dann in den Oldorfer Kittelball-Erinnerungen.

Lebensfroh und rüstig ist sie, die 100-Jährige, die außer ihrer Lesebrille noch keine Hörhilfe benötigt. Rollator und Gehstock stehen zwar im Haus, werden aber kaum benötigt. „Daarför bün ik to egen“, sagt sie und fällt im Gespräch immer wieder in ein wohlklingendes jeverländisches Platt. Ihren Blumengarten möchte sie am liebsten noch selbst in Ordnung halten, doch die Fürsorge ihrer Familie verbietet dies. Ihr volles schneeweißes Haar verrät sie, wenn sie es mal wieder nicht lassen kann: „Oma war schon wieder im Garten!“

„Makt wat ji willt, so word dat“: Das ist noch heute ihre Marschrichtung für ihre Familie. Für sie ist es unverständlich, wie heute mit den Lebensmitteln umgegangen wird – „Reste auf dem Teller gab es zu meiner Zeit nicht“. Denn als sie am 3. November 1919 in der alten Pastorei, einer kleinen Landstelle ihrer Eltern, in Hohenkirchen als viertes von zehn Kindern geboren wurde, waren nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg die Lebensmittel knapp.

Gleich nach der achtjährigen Volksschule ging sie, wie es damals üblich war, in Stellung und traf, bis auf zwei halbjährliche Ausnahmen, eine gute Arbeitsstelle. Das Kriegsende erlebte sie als Dorfhelferin in Varel, fuhr mit einem Lastwagen bis Wilhelmshaven und lief dann zu den Eltern nach St. Joost.


1949 heiratete sie Fritz Grade, ein Pommer, der als Soldat vor den Russen über Schleswig Holstein ins Jeverland geflüchtet war.

Durch einen Verkehrsunfall verlor sie ihren ältesten Sohn Horst schon mit 26 Jahren, Sohn Werner wohnt in Schüttorf. Ihre Töchter Marianne Werl (Jever) und Elke Schoof (Middoge) umsorgen die rüstige Jubilarin, der man die 100 Jahre nicht ansieht. Im Jahr des Euros, 2002, zogen die Grades von Siebetshaus nach Jever, wo ihr Mann 2016 starb. Lebensmut und Frohsinn sind ihre Wegbegleiter – und sie freut sich über sieben Enkel und fünf Urenkel und vielleicht erlebt sie noch die Geburt der Ururenkel.