Jever - Die Teenager von damals sind heute Mitte Vierzig. Ihre Kinder sind es, um die sich Kerstin Land aus Jever als Pädagogische Mitarbeiterin im Mariengymnasium kümmert. Großenteils wissen die Jungen und Mädchen vom Ereignis des Mauerfalls nur aus dem Geschichtsunterricht. Vor 30 Jahren soll sich zugetragen haben, was das Ende der Existenz zweier deutscher Staaten eingeleitet hat?
Das Wenige, was die Schüler über den Alltag in der DDR wissen, „das ist für sie so lange her wie irgendein Ereignis in der fernen Vergangenheit“, sagt Kerstin Land. Für sie selbst ist es ganz nah. Sie hat ihre Kindheit und Jugend in der DDR verbracht und als junge Erwachsene versucht, ihre Zukunft dort zu gestalten.
Es ist klug, vom Leben im östlichen der beiden deutschen Staaten in zwei Ebenen zu berichten. Dem linearen Bericht schaltet Kerstin Land ihre Methodik bei den Auftritten vor Schülern vor. Sie selbst ist der Beweis dafür, dass es diesen Staat DDR gab und dass sie in ihm gelebt hat. Ihre Flucht vor 40 Jahren über die deutsch-deutsche Grenze ist nur ein Kapitel ihrer Geschichte. Aber nicht das wichtigste. „Ich möchte nicht, dass das im Mittelpunkt steht“, sagt sie.
Als beim Zeitzeugenbüro des Bundes registrierte DDR-Zeitzeugin wird sie von Schulen eingeladen. Sie bringt dann einen alten Koffer mit, der gefüllt ist mit den Jahren vor der Flucht, mit Erinnerungen an eine vergangene Welt. Vor den Jugendlichen heftet sie Folien an die Tafel mit Begriffen, „die man heute nicht mehr kennt“, für die es aber auf der Rückseite Übersetzungen gibt: Kombinat (Fabrik), Kollektiv (Team), Brigade (Abteilung). „Ich möchte sie in diese Zeit hineinbeamen, in ihrem Alter gab es für mich kein Telefon oder Familienauto, kein Bad, keine moderne Heizung, dabei lebten wir in einem Mietshaus in einer Großstadt.“
Die Lebensumstände im Jahr 1957, als Kerstin Land in Leipzig geboren wurde, und in den folgenden 1960er-Jahren sind geradezu exotisch fremd für ihre jungen Zuhörer. Der Kühlschrank war ein Schrank ohne Stromanschluss, für den ein Pferdefuhrwerk einmal in der Woche Eisblöcke zum Kühlen brachte. Zum Heizen mussten Kohlen in den Keller und dann in den Ofen geschaufelt werden.
Zu diesem Zeitpunkt ihres Berichts hat die Zeitzeugin ihre jungen Zuhörer schon abgeholt, sie lauschen gebannt. Kinder waren ihr immer wichtig, deshalb wollte sie Lehrerin werden. Mit ihrem Ehemann Wolfgang hat sie zwei Söhne, und sie betreut nicht zufällig Kinder und Jugendliche im Mariengymnasium.
Kerstin Land ist die älteste von drei Geschwistern. Sie besuchte die Gemeinschaftsschule. Schüler sein in der DDR – das dokumentiert sie mit einem Griff in den Koffer. Schulbücher, Fotos und Zeugnisse fischt sie heraus, zeigt das Hemd der Jungen Pioniere mit dem blauen Halstuch, von denen man zu den Thälmann-Pionieren (rotes Tuch) wechselte und schließlich in die Freie Deutsche Jugend (FDJ). Gemeinschaftsgefühl, Stolz auf das rote Halstuch und das Gelübde der Pioniere, auch das gehört zur Wahrheit dazu. Aber das Schulwesen sah außerdem die vormilitärische Ausbildung in der Gesellschaft für Sport und Technik (GST) vor. Und wie der Staat seinen Erwachsenen misstraute, misstraute er auch seiner Jugend.
Die DDR hat in der Erinnerung der Zeitzeugin auch gute Errungenschaften hervorgebracht, dazu gehören Ferienlager, Krippen, die Mütterberatung. „Die Gleichberechtigung ist auf allen Ebenen gelebt worden, außer beim Militär, in der NVA“, erinnert sich Kerstin Land. Die Kehrseite des sozialistischen Alltags: das Ministerium für Staatssicherheit, Spitzeleien der IMs (Informelle Mitarbeiter der Stasi), der Abschnittsbevollmächtigte (ABV), der jederzeit im Mietshaus Papiere kontrollieren durfte, und das Hausbuch, in dem vermerkt werden musste, wer zu Gast war.
Ob Jugendliche nach der 8. Klasse zum Abitur an der Erweiterten Oberschule (EOS) delegiert wurden, hing von den schulischen Leistungen ab und davon, ob man sich mit kritischen Fragen zurückhielt. Genau das wurde für die Zeitzeugin zum Problem. „Kriterien waren Leistung, Verhalten, gesellschaftliches Engagement und Herkunft.“ Kerstin Land hatte Einserzeugnisse, aber ihr Vater war selbst ehemaliger Lehrer und nicht Mitglied in der SED, das sprach gegen eine Empfehlung. „Ich war engagiert, aber ich kam aus einem kritischen Elternhaus und hatte ein kritisches Bewusstsein und stellte zu viele Fragen“, erklärt sie.
Eine spontane Bemerkung in der Schule wurde dem Mädchen dann zum Verhängnis. Sie sollte ihre Empfehlung erst nach der 10. Klasse und nach unzähligen Eingaben des Vaters bekommen. Ihre Mitschülerinnen konnten da schon Latein und Englisch. „Ich dachte, ich schaff’ das Abitur nie.“ Aber dann kümmerten sich zwei Mitschülerinnen um sie, halfen beim Lernen und luden sie zur Teestunde „bei Günther“ ein. Kerstin Land wurde Mitglied der Jungen Gemeinde, einem Netzwerk junger Christen in Ost und West, sie lebte auf. Die jungen Christen hatten Kontakte nach Dresden und Berlin, „wir glaubten an eine friedliche Revolution“. Die Junge Gemeinde prägte sie: „Wir träumten von einer Zukunft, in der jeder seine Meinung offen äußern kann und jeder angenommen wird, so wie er ist.“ Es bildete sich eine konspirative Zelle.
Inzwischen hatten sich Kerstin und der etwas ältere Günther, ein Informatiker, verliebt, waren ein Paar und wohnten zusammen. Sie hörten verbotene Musik (Joan Baez und die Beatles) und lasen verbotene Literatur. An der Uni signalisierte man der Lehramtsstudentin, dass Junge Gemeinde und Lehrerberuf in der DDR unvereinbar seien.
Als 1976 der Schriftsteller und Sänger Wolf Biermann ausgebürgert wurde, solidarisierten sich die Jugendlichen mit ihm. Drei aus der Gruppe sprühten ein Graffiti am Bahnhof – die Stasi schlug zu. Verhaftungen, Vernehmungen, „wir standen alle unter Beobachtung“. Schließlich drohte man ihr mit dem Rauswurf aus der Uni und Günther mit Verhaftung unter leicht zu konstruierenden Vorwänden, wenn sie nicht aufhörten, sich um Jugendliche mit Problemen zu kümmern. Heimlich wurde ihre Wohnung durchsucht. „Wir bemerkten das“, erinnert sich Kerstin Land. „Die Angst, dass wir abends einfach abgeholt würden, war fortan da.“ Beiden war klar, dass es in der DDR für sie keine Zukunft gab, sie dachten über Flucht nach.
Das Paar entwickelte Pläne und verwarf sie. Absolutes Stillschweigen gegenüber Freunden und der Familie darüber hatte Priorität. Die Idee, mit Westpässen die Grenze zu passieren – keine Option, denn die Einreisestempel fehlten. Schließlich weihten sie einen Studenten aus Bonn ein, den sie in der Jungen Gemeinde kennengelernt hatten. Noch einmal dauerte es ein Jahr, bis sich etwas tat. Ihre Vorbereitungen, das Packen des Koffers mit Kleidung („das Wertvollste, das wir hatten“), das Beseitigen von Spuren – wie aus einem Agenten-Thriller.
Als es 1979 endlich einen Treffpunkt in Berlin mit einem Auto von Fluchthelfern gab, durften Günther und Kerstin doch nur eine Tüte mit persönlichen Papieren mitnehmen, den Koffer mussten sie bei einem Freund in Ost-Berlin lassen. Ihn erhielt Kerstin Land erst zehn Jahre später nach dem Fall der Mauer zurück, ihre Mutter hatte ihn kurz nach der Flucht bei dem Freund abgeholt.
Die Flucht selbst erlebte das Paar im Kofferraum des Autos eines schweigsamen farbigen Mannes. Kerstin und Günther fühlten sich ausgeliefert, am Grenzübergang bellten Hunde vor dem Kofferraum. „Ich wusste, es war die Grenzkontrolle, und ich hielt die Luft an. Mein Herz schlug so schnell und stark, dass ich glaubte, es sei draußen zu hören. Bloß nicht husten, nicht niesen, kein Schluckauf, dachte ich.“
Sie erreichten West-Berlin unbehelligt und unversehrt. Ein neues Leben erwartete sie. Wer die beauftragten Fluchthelfer waren, ist bis heute unklar. Gleich nach der Wende beantragte sie Einsicht in ihre Stasi-Akte. Sie sah dort zum ersten Mal den Haftbefehl, diverse Aufzeichnungen von Briefen und Telefonaten. Auszüge aus ihrer Stasi-Akte zeigt sie auch den Schülern.
Ihr Lehramtsstudium konnte sie im Westen wegen hoher Fluchtschulden nicht beenden. Günther starb einige Jahre nach der Flucht. Sie machte eine Umschulung zur examinierten Krankenschwester, nach dem Fall der Mauer studierte sie Sozialpädagogik.
Nach einigen Berichten vor Jugendlichen fragten in den vergangenen Jahren Schulen aus der Region an. Die Erzählungen rund um einen alten Koffer kamen an. Eine Freundin gab ihr den Tipp, sich beim Zeitzeugenbüro des Bundes zu melden – dort können Schulen sich ihren Besuch auch finanzieren lassen, Unterrichtsmaterialien erhalten und Lehrerfortbildungen organisieren. „Das wissen viel zu wenige Bildungseinrichtungen, ich hoffe sehr, dass es sich nun herumspricht“, findet Kerstin Land.Konkrete Informationen über ihre Einsätze als DDR-Zeitzeugin gibt Kerstin Land gerne auch persönlich unter
