Jeverland - Das Gaststätten- und Beherbergungsgewerbe gleicht nach Ansicht von Mario Krar in Zeiten der Coronakrise einem Patienten, der unter akutem Blutverlust leidet. „Wir brauchen dringend eine Transfusion“, so der Hotelbetriebswirt, der als „Blutspender“ den Staat in der Pflicht sieht. „Das muss aus dem Steuersäckel kommen“, so der Hotelbetriebswirt, der damit die Meinung seiner Berufskollegen im Jeverland auf den Punkt bringt.
Das sieht auch der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) so, der „effektive, unbürokratische Regelungen“ fordert – und das nicht in Form von Krediten, sondern durch einen Nothilfefonds. Auch muss nach Ansicht von Carsten Neumann diese Hilfe schnell kommen. Der jeverländische Dehoga-Kreisvorsitzende befürchtet, dass die Zahlungen angesichts der zu erwartenden Antragsflut auf sich warten lassen. Auf jeden Fall werde die Dehoga ihre Mitglieder über die beschlossenen Förderinstrumente auf dem Laufenden halten, versprach Neumann, der im Wangerland das „Minser Seewiefken“ betreibt.
Unsere Redaktion hat nachgefragt, wie das jeverländische Beherbergungsgewerbe mit dem Verbot touristischer Übernachtungen klar kommt. Hier einige Beispiele: Der Schützenhof in Jever (220 Betten / 54 Mitarbeiter):
Wirt Stephan Eden hat alle geplanten Investitionen „auf den Herbst geschoben“ sowie Mini-Jobber entlassen und feste Mitarbeiter in die Kurzarbeit geschickt. Weil Geschäftskunden das Gros der Übernachtungen ausmachen, hat der Clevernser den Hotelbetrieb nicht geschlossen – um Gäste und Mitarbeiter vor einer Corona-Ansteckung zu schützen, jedoch ohne Zimmerservice und Frühstücksbüffet (dafür gibt es ein Lunch-Packet). Das Zimmer wird zwei Tage nach Auszug des Gastes gereinigt.
„Eine direkte Finanzhilfe wird kommen“, ist sich Eden sicher. „Die oft kritisierte schwarze Null im Bundeshaushalt rettet uns jetzt.“ Zudem meint er, dass bisher gesund aufgestellte Betriebe von ihren Banken einen Aufschub bei den Zins- und Tilgungszahlungen aushandeln können. Eden selbst hat schon durchgerechnet, dass sein Betrieb die Krise „rund ein Viertel Jahr überleben“ könnte. Dabei vertraut er jedoch „voll und ganz auf die Politik“. Denn: „Es geht nicht anders.“ Das Hotel-Restaurant Leuchtfeuer in Horumersiel (80 Betten / 50 Mitarbeiter):
„Wie in einem schlechten Film“, fühlt sich zurzeit Mario Krar, der den Betrieb gemeinsam mit Ehefrau Imke führt. Weil die Gäste der Krars „zu hundert Prozent Touristen“ sind, haben die Eheleute den Betrieb komplett geschlossen und die Mitarbeiter in die Kurzarbeit geschickt.
Zurzeit ist Mario Krar dabei, die Stornierungen zu verschicken. Bei Gesprächen mit den Gästen spielt er dabei mit offenen Karten und weist auf die prekäre Situation seiner Branche hin. Die meisten Gäste verzichten deshalb auf eine Rückerstattung der Anzahlung des Übernachtungspreises und erhalten dafür Gutscheine, die bei späteren Aufenthalten eingelöst werden können. Angesichts der Bedeutung des Fremdenverkehrs für die Gemeinde appelliert der Gastronom: Die Politik müsse dafür sorgen, „dass das Wangerland bei Hilfen wahrgenommen wird“. Der Friesland-Stern in Horum (200 Betten / 20 Mitarbeiter):
Vor Kurzem erst hat Ute Eden ihren Betrieb umstrukturiert und dabei mehr als 200 000 Euro investiert. Dass sie dabei viel Eigenmittel verwendet hat, bezeichnet sie im Nachhinein als „blöd“. Denn: „Das Geld könnte ich nun gut gebrauchen.“ Um die Kosten niedrig zu halten, hat auch die Wangerländerin das Personal „nahezu auf null“ reduziert. Dabei ist die Gastronomin froh, dass nicht alle Gäste auf die Rückzahlung von Anzahlungen bestehen, sondern diese Beträge „als Guthaben stehen lassen“. Was schnelle staatliche Hilfe angeht, ist Ute Eden skeptisch, denn: „Zigtausende Betriebe brauchen Unterstützung.“ Nun hofft sie, dass das Beherbergungsverbot nach dem 18. April nicht verlängert wird. Und wenn doch? „Wenn wir den Juli und den August verlieren, dann ist es aus“, so die Wangerländerin, die ohnehin für die „Nach-Corona-Zeit“ befürchtet: „Urlaub ist das Erste, was die Leute streichen.“ Der Hotel-Gasthof Zum Deichgrafen in Förrien (44 Betten / 24 Mitarbeiter):
„Es ist wie es ist“, so Jörg Scherf, der die Traditionsgaststätte mit seinem Bruder Johannes betreibt. 19 Mitarbeiter befinden sich in Kurzarbeit. Ansonsten gilt auch für die Scherfs: die Kosten bis zur Überwindung der Corona-Krise niedrig halten. Auch die beiden Brüder setzen nun auf „Direkthilfen, die nicht zurückgezahlt werden müssen.“ Kredithilfen (auch zinslos und / oder mit späterem Tilgungsbeginn) sehen sie skeptisch: „Die Quittung kommt dann nach dem Ende der Krise.“
Wer im kleinen Stil Ferienwohnungen vermietet, ist nach Ansicht von Erwin Abels „nicht so schlimm betroffen“ wie die Betreiber von Hotels und großen Appartementanlagen. Der Hooksieler Seebadevereinsvorsitzende, der selbst ein Appartement und zwei Ferienwohnungen besitzt, weiß aus eigener Erfahrung: Dabei handelt es sich oft um einen „Zusatzverdienst“, Personalkosten fallen kaum an.
Auch ist Abels zuversichtlich, dass es nach dem Ende des Beherbergungsverbots einen regelrechten „Run“ auf das Wangerland geben wird, weil die Urlauber Ziele in Italien und Spanien meiden. Trotzdem müssen auch nach Abels’ Ansicht Direkthilfen für die Branche sein („Kredite muss man zurückzahlen“). Außerdem macht sich der Hooksieler dafür stark, dass zumindest für die Zeit des Beherbergungsverbots kein Fremdenverkehrsbeitrag gezahlt wird. Denn: „Es findet zurzeit ja auch kein Fremdenverkehr statt.“
In einem waren sich die Betriebe einig: Wenn die Corona-Krise vorbei ist, wollen sie das Personal wieder einstellen. Um die Beschäftigten an den Betrieb zu binden, zahlen laut Carsten Neumann einige Gastronomen und Hoteliers einen Zuschlag zum Kurzarbeitergeld.
Ansonsten verweist der Dehoga-Ortsvorsitzende auf die Bedeutung des Fremdenverkehrs im Wangerland für die Wirtschaft insgesamt. Investitionen und Neuanschaffungen würden verschoben oder gar nicht getätigt. Neumann sieht deshalb auch eine „Gefahr für die anderen Branchen“.
