Jever/Be’er Schewa - Seit Sommer 2014, als Israel sich gegen anhaltenden Raketenbeschuss durch die Hamas wehren musste, sage ich, dass diese 50 Tage mein längster Krieg im Land waren und ich eigentlich nicht mehr die Kraft für einen weiteren Krieg habe. Inzwischen steuern wir auf einen 70-Tage-Krieg zu. Von den Kampfhandlungen bekommt man in Be’er Schewa wenig mit, hier sind es eher die Kampfjets, die für Geräuschkulisse sorgen. Im Kinderheim in Kiryat Gat hört man jedoch jeden Bumm, die sind sehr viel näher am Gazastreifen als ich in Be’er Schewa.
Verletzte in den Hubschraubern
Mich berühren eher die Hubschrauber, die das Soroka-Klinikum in Be’er Schewa anfliegen. Jeder Hubschrauber verheißt Verwundete. Vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass wir seit dem 7. Oktober insgesamt 10.000 Verletzte und Verwundete haben. Fast 1500 der Verletzten sind Männer und Frauen in Uniform, oftmals gar nicht so jung. Bei uns führen nämlich höhere Ränge die Truppen an, sodass Israelis im Kampf fallen, die bereits Familien gegründet haben. Ich muss dabei an die Kriegsverletzung meines Vaters denken. Er war Jahrgang 1926 und wurde als Minderjähriger eingezogen, ohne Ausbildung an die Front geschickt und im August 1944 in der Normandie verletzt. Er lag lange verletzt und ganz allein am Wegesrand, ohne Hilfe, die deutschen Offiziere sind alle einfach so vorbeigefahren …
In den Hubschraubern, die ich jetzt höre, sitzen auch Kinder meiner Freunde, die im Wehrdienst sind oder zum Reservedienst mobilisiert wurden und ihr Leben riskieren, um unter Beschuss mitten aus den Kampfzonen, Soldaten und Soldatinnen zu retten.
Bestattung der Opfer betrifft alle
Mit der Bodenoffensive stehen auch Beerdigungen an. Dabei beerdigen wir immer noch zivile Opfer des Pogroms vom 7. Oktober, deren Leichen weiterhin identifiziert werden. Es wäre übertrieben zu sagen, dass in diesem kleinen Land jeder jeden kennt, aber die Menschen hier stehen sehr viel intensiver als Sie in Deutschland miteinander in Kontakt. Um drei Ecken kennt man dann doch irgendwie jeden. Als ich beispielsweise hörte, dass ein junger Mann aus dem Dorf Rishpon gefallen war, war mir sofort klar, dass ich Freunden, auch wenn es kein Verwandter von ihnen ist, mein Beileid aussprechen möchte. In dem Dorf Rishpon im nördlichen Großraum Tel Aviv leben 1500 Einwohner. Es ist ein kooperatives Dorf, die Menschen wachsen zusammen auf, gehen gemeinsam zur Schule, feiern zusammen, engagieren sich als Gemeinschaft und trauern auch gemeinschaftlich.
Und tatsächlich, als ich mein Beileid aussprach, war die gesamte Familie von Noa Cahaner gerade von der Beerdigung zurück. Mit Noa und anderen aus ihrer Familie stehe ich in engem Kontakt, denn sie sind Nachfahren von Max Biberfeld, der in der Neuen Straße 14 in Jever, gegenüber meinem Elternhaus Neue Straße 13, aufgewachsen ist. Er ist 1936 nach Palästina geflohen, weil er während seiner Schulzeit massiven antisemitischen Attacken ausgesetzt war. Als ich Max und seine Frau Ora 1986 in Rishpon besuchte, betonte er, dass er nie wieder deutschen Boden betreten werde … erst kürzlich waren mehrere seiner Nachfahren, darunter auch seine Enkelinnen Noa und Adi, unter den Besuchern des Gröschler-Hauses.
Ausreisen aus Israel oder bleiben und helfen
Viele, die einen deutschen Herkunftshintergrund haben und in Israel leben, sind geblieben. Das Land verlassen mehrheitlich Ausländer, die hier zeitweise leben. Wer hier länger lebt, hat Familie, Freunde, ein Zuhause und Arbeit im Land. Doch da ist sehr viel mehr: In solchen Zeiten der Not, haben wir alle das Bedürfnis, zudem ehrenamtlich etwas beizutragen. Wir sitzen alle im gleichen Boot.
Der „Platz der Geiseln“ vor dem Museum von Tel Aviv, wo sich Angehörige der von Hamas verschleppten Israelis treffen und gemeinsam an Regierung und Militär appellieren, die geliebten Menschen nach Hause zu bringen. (Foto: Antje C. Naujoks)
Lassen Sie mich zwei Tage meiner letzten Woche schildern. An dem einen Tag fuhr ich mittags nach Rahat, einer Stadt mit rund 80.000 ausschließlich beduinisch-muslimischen Einwohnern kaum 25 Kilometer nördlich von Be’er Schewa. Ich habe dort einen Bekannten getroffen, dessen Cousin mit drei seiner Kinder in den Gazastreifen entführt wurde. Nebenbei sei angemerkt, die Familie al Ziadne hat zudem Tote infolge des Hamas-Überfalls zu beklagen und blickt auch auf einen Helden aus ihren Reihen. Er hat als Minibusfahrer mehr als 30 junge Menschen vor dem Massaker des Musikfestivals gerettet, bei dem 350 Israelis von den Hamas-Terroristen abgeschlachtet wurden. Foad al Ziadne wollte mir für einen Artikel berichten, wie es Aisha und Bilal geht, die als 17- und 18-Jährige bei der letzten Geiselfreilassung nach Israel zurückkehrten. Letztlich sprach er viel darüber, dass sein Cousin Yousef (49) und dessen Sohn Hamza (21) immer noch in Geiselhaft seien und die Hoffnung schwinde, sie wieder lebend in die Arme schließen zu können.
Hanna Sternlicht hat Auschwitz überlebt
Von dort ging es für mich weiter nach Kiryat Gat, um eine besondere Aktivität im Kinderheim zu begleiten, die unseren ohnehin und jetzt noch mehr traumatisierten Kindern eine Freude bereiten sollte. Doch in solchen Zeiten habe ich in Kiryat Gat noch einen anderen Anlaufpunkt. Zum Kaffee besuchte ich Hanna Sternlicht, eine 96-jährige Dame, die Auschwitz überlebt hat.
Hanna und ich sind seit vielen Jahren eng befreundet und im Allgemeinen kümmern sich auch die Freiwilligen des Kinderheimes, die aus Deutschland für ein Dienstjahr zu uns kommen, um sie. Die deutschen Freiwilligen sind aber zurück in Deutschland. Bei Hanna ist es stiller geworden, also stand Kaffeeklatsch an. Ich habe es sehr genossen, mit dieser hellwachen Dame zusammenzusitzen, mich aber die ganze Zeit über gefragt: Wie kommt sie damit klar, dass sie keinen Schutzraum hat und der Weg in den öffentlichen Bunker viel zu weit ist? Hanna setzt sich bei Raketenalarm einfach in den Lehnstuhl. Sie sagte: „Was soll ich denn sonst machen?“
Große Sorge um die Hamas-Geiseln
Am nächsten Morgen musste ich früh nach Tel Aviv fahren. So eine Bahnfahrt ist recht anstrengend. Nach meinem beruflichen Treffen habe ich mir die Zeit genommen, am „Platz der Geiseln“ vorbeizuschauen. Tel Aviv ist eine lebendige und laute Stadt. An diesem Platz ist alles merkwürdig still – und doch schreit alles zum Himmel. Ich wollte auch meine Solidarität zeigen; ganz allgemein, aber auch besonders mit der Familie Haiman. Inbar Haiman ist 27 Jahre alt und immer noch in Geiselhaft im Gazastreifen. Sie ist die beste Freundin der ältesten Tochter einer meiner langjährigen Freundinnen. Die Tochter meiner Freundin habe ich im Arm gehalten als sie drei Tage alt war und seither begleitet. Das ist über 25 Jahre her und diese junge Frau kommt in keiner Weise damit klar, dass ihre Freundin eine der weiterhin im Gazastreifen festgehaltenen Geiseln ist.
Ende einer Taxifahrt unter Beschuss
Ich war froh, als ich, zurück in Be’er Schewa, im Taxi nach Hause saß. Mir ging durch den Kopf, dass es der zweite Tag unterwegs ohne Raketenalarm war. Doch plötzlich ertönten Sirenen – ein Angriff mit einer Salve von Raketen.
Wir waren ausgerechnet auf einem Straßenabschnitt ohne Häuser rechts und links, also das Übliche: Auf den Boden legen, Hände über den Kopf verschränken und abwarten. Rund 20 Personen, die aus ihren Autos gesprungen waren, lagen dort mit mir. Ich musste mich umdrehen, um in den Himmel sehen zu können, um zu verfolgen, was sich über mir abspielte. Die erste oder zweite Rakete, ich weiß es nicht mehr, war ein Einschlag, was auch alle mit mir im Gras Liegenden sofort anmerkten. Dann sah ich über mir Raketen und Abwehrraketen zugleich. Nach der vierten Rakete begann ich die Abschüsse zu zählen. Bei 13 angekommen fügte ich recht laut, vielleicht auch panisch hinzu: „Alles direkt über uns!“ Ein Mann brüllte: „Dann weg hier, sofort, schnell!“ Das haben wir dann auch getan. Nicht die Raketen waren in der Situation gefährlich, sondern die Metallteile, die manchmal bis zu einem Meter Länge haben und glühend zu Boden fallen. Es war nicht das erste Mal, dass ich so etwas schutzlos erlebt habe, es ist ein sehr bescheidenes Gefühl.
Welche Parallelen es zur Shoa gibt
Mich haben am Tag danach die Parallelen beschäftigt, die der 7. Oktober dieses Jahres zur Shoa hat, unter anderem für einen meiner nächsten Artikel. Welche Parallelen? Kinder verstecken sich unter Betten und in Schränken, um am Leben zu bleiben. Väter haben so ihre Kinder versteckt und sind dann aus den Schutzräumen gekommen, um der Hamas vorzugaukeln, sie seien allein, und auf die Weise ihre Lieben zu retten. Sie selbst wurden ermordet oder entführt, manchmal überlebten ihre Kinder. Im Vergleich zu Szenarien aus dem NS-besetzten Europa betrachtet.
Und dann ist da auch noch folgender Aspekt: Menschen, die die Massaker überlebt haben, sprechen davon, dass sie sich schuldig fühlen, überlebt zu haben; darunter ist auch eine Freundin von mir, die ich kürzlich für einen Artikel interviewt habe. Überlebensschuld ist ein von dem US-amerikanischen Psychoanalytiker William G. Niederland erstmals 1953 geprägter Begriff. Niederland legte als medizinischer Gutachter vor den deutschen Gerichten die Akten der jüdischen Shoa-Überlebenden dar. Eine Überlebende die ich persönlich kenne sagte kürzlich, dass sie überlebt habe, um Zeugnis ablegen zu können. Damit die Welt erfahre, was hier geschehen sei.
All das sind Themen, die mich während meines Studiums und meiner beruflichen Laufbahn seit mehr als 40 Jahren begleiten und eng mit den Auswirkungen des NS-Massenmordes am jüdischen Volk in Verbindung stehen. Und jetzt hat sich das auf israelischem Hoheitsgebiet abgespielt, in dem Land, das der sichere Hafen für Juden in Not aus aller Welt sein will. Was hier am 7. Oktober passiert ist, ist mehr als Terror, es ist ein Zivilisationsbruch. Uns allen, allen Israelis, ist das widerfahren, wir alle ringen mit einem Trauma und einem Déjà-vu, das kaum zu erfassen ist.
Hamas rühmt sich des Massenmords
Doch zugleich möchte ich eins sehr deutlich sagen: Immer wieder wurden die Hamas-Terroristen als „neue Nazis“ bezeichnet. Die Nazis haben den Massenmord am jüdischen Volk zu kaschieren versucht. Es gab NS-Sadisten, die gerne gefoltert und gemordet haben, aber ohne die Bühne, die die Hamas mit selbstgedrehten Videos in den sozialen Medien ausgiebig genutzt hat. Es haben sich nur wenige Nazis öffentlich damit gebrüstet, dass „das Judenblut vom Messer spritzt“, hier jedoch haben Hamas-Terroristen ihren Freudentaumel über die Gräuel und die Gräuel selbst unverhohlen sogar filmisch dokumentiert.
Gerne würde ich etwas Ruhe und winterliches Klima in Deutschland genießen, doch wenn ich 1987 Deutschland den Rücken gekehrt habe, weil mir an allen Ecken und Enden zu viel Antisemitismus entgegenschlug, wie könnte ich in dieser Situation den Menschen meiner Wahlheimat, die seit fast 40 Jahren mein Zuhause sind, den Rücken zukehren? Heimat ist kein Ort, sondern ein Gefühl, das mit Menschen in Verbindung steht.
Die Portale, für die Antje C. Naujoks schreibt:
