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NWZonline.de Region Friesland Kultur

Töne wenden sich dem Publikum zu

01.09.2018

Bockhorn Optisch kehren sich Musiker und Publikum den Rücken zu. So ist die St.-Cosmas-und-Damian-Kirche in Bockhorn angelegt. Die Hörer sitzen mit Blickrichtung zum Altar. Organist Jörg-Andreas Bötticher wendet sich auf der Empore entgegensetzt ab. Nur die Geigerin Leila Schayegh platziert sich dort oben irgendwie dazwischen. Doch vermitteln muss sie nicht. Hörer und Künstler sind sich innerlich sowieso innig zugewandt, wie der rauschende Schlussbeifall im voll besetzten Schiff bekundet.

„In die Orgel gespielet“ hat die Schweizer Violinistin in diesem Konzert des ins Musikfest Bremen integrierten Arp-Schnitger-Festivals. Der Begriff weist ans Ende des 16. Jahrhunderts. Damals kam es in Mode, dass Solo-Instrumentalisten mit dem Organisten musizierten. Bötticher an der klangästhetisch reichen Orgel des Schnitger-Schülers Christian Vater und Schayegh auf ihrer tiefer gestimmten Barockvioline spielen sich dabei überaus anregend zu.

Die Werke zeigen, welche Vielfalt sich damals entwickelte, wie sich der Horizont für die Zeitgenossen nach vorn erweiterte – und wie sich die Sicht heutiger Hörer wieder weit nach hinten öffnet. Da gibt sich Heinrich Ignaz Franz Biber nicht nur als damaliger Hexenmeister auf der Geige zu erkennen. Nein, seine Variations-Sonate von 1681 verrät eine Lust an der Virtuosität, eine Freude am Experimentieren und trotzdem ein strenges Denken in bestehenden Formen. Dahinter offenbart sich dann eine komplexe geistige Tiefe.

Dieterich Buxtehude gestaltet das in seiner Ciacona ex e für Orgel ähnlich intensiv, wenn er über Bass-Variationen ein komprimiertes Werk schafft, das auch ohne immer direktes Erkennen der ausgeklügelten Formen einfach mitreißt. Auch Carlo Farinas an Affekten reiche Sonate eines „Despearata“ (Verzweifelten) von 1628 packt unmittelbar. Spontan hätte man sich durch eine dezente Moderation unmittelbar noch mehr Einblicke gewünscht. Lockerer genießt man zudem eine Vivaldi-Sonate oder die Eloquenz einer Sonate von Corelli. In der Triosonate d-Moll BWV 527 von Johann Sebastian Bach verschiebt die Übertragung auf zwei Stimmen etwas die Proportionen.

Bei Schayegh und Bötticher klingt die Musik über alle filigranen Ausfeilungen hinaus impulsiv. Tempo, Klangbalance, Dynamik und Artikulation modellieren sie pointiert aus.

Gerade die Geigerin verblüfft mit ihren breit ausgemalten Farbflächen und dem Schillern ihres Klanges, auch, wenn die heikle untere Stimmung nicht immer alle Sätze durchhält. Zusammen verleihen sie einer über 300 Jahre alten Musik eine faszinierend bizarre Note.

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Musikfest Bremen | Arp-Schnitger-Festival

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