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NWZonline.de Region Friesland Kultur

Eine Windmaschine an der Küste

22.06.2019

Dangast Johann Sebastian Bach würde es bei diesen Böen die Locken der Perücke zausen. „Hier wird nicht gegeigt oder gestreichelt“, sagt Asya Fateyeva, „hier machen wir alles mit großer Luft.“ Gut gesagt von der auf der Krim geborenen Saxofonistin. Das Motto der „Gezeitenkonzerte“ der Ostfriesischen Landschaft im Allgemeinen und an diesem Abend im Alten Kurhaus in Dangast im Besonderen lautet schließlich „Frischer Wind.“

Gut gesagt – aber vor allem brillant interpretiert. Solistisch nimmt sich Fateyeva auf dem Altsaxofon vier Sätze aus Bachs Partita d-Moll vor (ohne die Chaconne), im Original für Violine solo gesetzt. Da erfährt das Werk gerade in den Passagen, in denen Akkorde stünden, eine belebende rhythmische Zuspitzung. Und wenn sie mit ihrer Pianistin Lilit Grigoryan später noch den Säbeltanz von Aram Khatchaturian durch den ausverkauften Saal fetzt, würde wohl jede Kopfbedeckung irgendwo weit entfernt landen.

Just diese Zugabe stellt das Bild von diesem faszinierenden Duo- und Soloabend auf den Kopf. Nicht Hits oder leicht verdauliche Häppchen prägen das Programm. Es gibt vielmehr einen ernsthaften Überblick über die Möglichkeiten und Grenzen des Blasinstruments. Schon dessen Einordnung wirkt verquer. Trotz seines Korpus’ aus Messing zählt es zu den Holzbläsern, weil es im Ansatz wie eine Klarinette gespielt wird. Es lassen sich aber auch mit nach außen gewölbter Unterlippe härtere Klangfarben hervorbringen.

Das Repertoire stößt an Grenzen, zumindest rückwärts gewendet. Der Belgier Adolphe Sax hat das Instrument erst 1840 entwickelt. Da nehmen Bearbeitungen breiten Raum ein. Nicht nur Bachs Partita ist eine Adaption. Im Original erklingt hier nur die Sonatine bucolique a-Moll von Henri Sauguet von 1964 mit ihren ländlichen Stimmungen. Die Bratschen-Sonate F-Dur von Paul Hindemith ist eine Transkription. Sie wirkt in ihrer verbreiterten Dynamik und ihren krasser schillernden Farben ebenso mitreißend gelungen wie Lied-Bearbeitungen nach Richard Strauss und Gustav Mahler. Am tiefsten beeindruckt die Szene „Romeo und Julia vor dem Abschied“ aus der Ballettsuite von Sergej Prokofjew. Natürlich beherrscht Fateyeva den aggressiven und schreienden Sound des Instruments. Aber ihre phänomenale Begabung liegt in der Verfeinerung der Zwischentöne und in der grenzenlos scheinenden Kultivierung des Leisen bis zum Hauchen und Verhauchen.

Lilit Grigoyan als Begleiterin kann dezent stützen. Sie scheut es aber auch nicht, entschieden die Führung zu ergreifen. In Claude Debussys Suite bergamasque zeigt sie solistisch ihr Vermögen, einem impressionistischen Klaviersatz mit einem analytischen Profil die Kante zu geben. Doch sperrig oder spröde wirkt dieser kernige Ansatz nie. Ihr Zugriff erlaubt ihr mit Herz und Augenzwinkern, im Hintergrund die alte Salon-Kultur des „Clair de lune“ oder des „Passepied“ schimmern zu lassen. Hinter der spielerischen Entschiedenheit der Armenierin treibt der Zauber feine Blüten in vielen Facetten.

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