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NWZonline.de Region Friesland Kultur

Menschen: Steckrüben mag er bis heute nicht

22.10.2015

Wangerooge Es war wohl der 13. April 1946, als eine Gruppe Polen im kleinen Friedrichshain in Niederschlesien, einem Teil der Gemeinde Steinseifersdorf (heute bei Pieszyce in Polen), von Haus zu Haus ging und Namen auf einer Liste abhakte. Wer auf der Liste stand, musste per Ausweisungstransport seine Heimat umgehend verlassen.

Auch Familie Maiwald, Vater, Mutter, sechs Töchter und zwei Söhne, stand auf der Liste. Günther Maiwald, der heute auf Wangerooge lebt, war damals elf Jahre alt. Die Familie wohnte in einem Haus am Wald, erst unter russischer dann unter polnischer Besatzung. Im Haus der Maiwalds lebten bereits seit einiger Zeit Fremde. Sie waren eines Tages auf einem Lastwagen ins Dorf gekommen und hatten sich für das Haus der Maiwalds entschieden.

50 Pfund Gepäck

Am 14. April 1946 wurde ein letzter Gottesdienst im Nachbarort gefeiert, dann musste in aller Eile gepackt werden: „Jeder durfte nur 50 Pfund Gepäck mitnehmen“, erinnert sich der 81-Jährige. Seine Erinnerungen an die Ereignisse vor fast 70 Jahren sind bis heute nicht verblasst.

„Ich weiß noch, dass wir unsere Skier in die hintereste Ecke des Kriechbodens geschoben haben, um sie bei unserer Rückkehr wiederzufinden“, erzählt er. „Wir glaubten ja damals alle, dass wir bald wieder zurückkehren könnten.“

Am nächsten Morgen um 6 Uhr begann der Abtransport. „Wir zogen so viel Kleidung übereinander, wie es nur ging“, sagt Maiwald. Elf Kilometer ging es in einer langen Kolonne zu Fuß nach Reichenbach. Günther Maiwalds jüngste Schwester war damals zwei Jahre alt. In Reichenbach wurde das Gepäck durchsucht – „und manches Stück wechselte den Besitzer“.

Am nächsten Morgen, die Familie hatte mit vielen anderen in einem leeren Klassenraum übernachtet, wurden 1400 Menschen von der polnischen Miliz zum Bahnhof gebracht. Dort standen die Güterzüge für den Abtransport bereit.

„Wir achteten sehr darauf, in welche Richtung sich die Züge in Bewegung setzten, denn so ganz sicher waren wir uns nicht, dass sie uns nicht doch nach Sibirien schicken“, erinnert sich Maiwald. „Zeitungen gab es ja nicht und Radios waren für uns Deutsche verboten – wir hatten auch keins“, sagt Maiwald. So musste die Familie Geschichten und Gerüchten glauben, die sich oft widersprachen. „Wie erleichtert waren wir, als wir merkten, dass es doch Richtung Westen ging“, sagt Maiwald.

Auf dem langen Weg in den Westen hielten die Züge oft im Nirgendwo – „niemand wusste warum oder wie lange die Züge dort stehen würden“, erinnert sich Maiwald. Die Männer stiegen aus und erkundeten die Umgebung. „Einmal fuhr der Zug wieder an und mein Vater schaffte es nur ganz knapp, aufzuspringen.“

An den Bahnhöfen fanden so genannte „Entlausungen“ statt. „Meistens mussten wir durch eine Sperre, dann bekamen wir in die Kleideröffnungen der Arme und Beine sowie in den Hosenbund und in die Jacke, Frauen und Mädchen unter den Rock, ein weißes Pulver geblasen“, sagt Maiwald. „Das war sehr unangenehm, aber die haben wohl geglaubt, dass wir in Schlesien im Urwald gelebt haben.“

Irgendwann überquerte der Zug die Elbe und hielt schließlich in Marienbronn. „Dort wurden wir registriert und mussten den Güterzug verlassen, für uns stand ein Personenzug bereit“, erinnert sich Maiwald. „Der war aber eng und nicht selten kamen die kleineren Kinder aus Platzmangel ins Gepäcknetz.“

Der Familie Maiwald wurden endlich ihre Reiseziele genannt: „Jever-Heidmühle“. „Wir wussten nicht, wo diese Orte lagen, also wälzten wir unseren Taschenatlas und entschieden uns für Jever, weil wir glaubten, es handle sich um die größere Stadt“, sagt Maiwald.

Am Karsamstag 1946 kam Familie Maiwald am Bahnhof Jever an. Eine Unterkunft für die zehnköpfige Familie zu finden war schwierig. „Die Unterkünfte waren Zimmer in Wohnungen, die die Inhaber im Zuge der Wohnungs-Zwangsbewirtschaftung abtreten mussten“, sagt Maiwald. „Willkommen waren wir dort nicht immer.“

Wohnen in Baracke

Schließlich wurde die Familie zu je zwei Personen auf fünf Wohnungen an der Anton-Günther-Straße verteilt. Essen bekamen sie am Alten Markt. Nach gut zwei Wochen hörte die Familie, dass in einer Baracke ein Zimmer frei geworden war. Es befand sich im Barackenlager Dünkagel am Ortsausgang. „Das Zimmer war etwa sechs mal sechs Meter groß und hatte zwei Fenster“, berichtet Maiwald.

In der ersten Zeit schlief die Familie auf Stroh, nach und nach kamen ein paar Möbelstücke dazu. Gekocht wurde erst mit einer Brennhexe und später mit einem alten Küchenherd. „In den ersten Jahren ging es uns finanziell und auch sonst nicht besonders“, erzählt Maiwald. Das Leben im Barackenlager war sehr schlicht, Lebensmittel waren rationiert, oft suchten die Kinder auf dem jeverschen Müllplatz nach angefaulten Steckrüben, die gesäubert und geschnitten wurden, so dass man Suppe daraus kochen konnte. „Bis heute kann ich dieses Gemüse nicht mehr sehen“, sagt Maiwald.

„Und weil wir so wenig zu essen hatten, sind wir auch betteln gegangen.“ An der Jeverschen Straße nach Addernhausen gibt es einige Bauernhöfe. „Dort klopfte ich an und fragte, ob ich ein paar Kartoffeln haben könnte“, erinnert sich Maiwald.

Die Lebenssituation verbesserte sich mit der Währungsreform am 20. Juni 1948. „Ab da gab es alles zu kaufen, mein Vater hatte inzwischen Arbeit und auch meine älteren Schwestern fanden Arbeit.“ 1955 ließ die Familie das Barackenleben hinter sich und zog in eine Wohnung an der Hammerschmidtstraße in Jever.

Günther Maiwald hatte inzwischen eine Lehre bei der Post begonnen und arbeitete im Postamt Jever. Die Sommer verbrachte er wegen der Arbeit auf der Insel Wangerooge. „Sie brauchten Verstärkung während des Bäderbetriebs“, erinnert er sich. Mitte der 1950er Jahre nahm er eine Stelle als Postboote auf der Insel an, zog in die Dienstwohnung und blieb der Liebe wegen. „Wenn ich nicht muss, dann gehe ich nicht mehr weg von der Insel“, sagt er. „Wangerooge ist meine Heimat.“

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