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NWZonline.de Region Friesland Kultur

Ein Foto kehrt zurück nach Varel

15.08.2018

Varel Eine über 100 Jahre alte und in dieser Qualität eher seltene historische Aufnahme eines Vareler Gebäudes fand jetzt den Weg zurück von Südamerika an seinen Entstehungsort.

Das Foto zeigt das Eckhaus Drostenstraße / Schlossplatz in seinem ursprünglichen Zustand. Das zunächst zweistöckige Wohngebäude mit Geschäftsräumen im Erdgeschoss war 1874/75 vom Baumeister und Architekten Menkens errichtet worden. Die Adressbezeichnung für dieses Haus wechselte im Laufe der Zeit: Schlossplatz 14, dann Schlossplatz 7, zuletzt bis heute Drostenstraße 2.

In der langen Geschichte des Hauses und seiner Bewohner spiegelt sich auch ein Teil der Geschichte der vernichteten jüdischen Gemeinde in Varel wider.

Zunächst war es 1880 der jüdische Kaufmann Emanuel Heynemann, der im Eckhaus ein Geschäft für Manufakturen, Tuch- und Modewaren eröffnete. Er stammte aus Vlotho und hatte die in Varel geborene Mathilde Cohn geheiratet. Nach einem Vierteljahrhundert verkaufte das Ehepaar Heynemann das Haus und lebte zuletzt in der Neumühlenstraße. Emanuel Heynemann starb 1922, Mathilde im Jahr 1931. Beide Eheleute wurden auf dem jüdischen Friedhof in Varel-Hohenberge bestattet, ihr Grabstein ist bis heute erhalten.

Zwei der drei in Varel geborenen Kinder – der Sohn Leopold und die Tochter Eliza (Ella) – wurden während der Nazi-Zeit aus Deutschland vertrieben, ihre Wege führten in die USA und nach Brasilien. Was aus dem Sohn Moritz wurde, ist bisher noch unbekannt. Die Namenstafel auf dem Grabstein der Eltern in Hohenberge fiel während der Nazi-Zeit einer „Metallsammelaktion“ zum Opfer. 1954 wurde sie auf Veranlassung des Sohnes Leopold erneuert.

Das Wohn- und Geschäftshaus ging von 1906 bis 1912 in den Besitz der jüdischen Familie Benjamin und Eva Lewin über, die sich kurz zuvor in Varel niedergelassen hatte. Aus diesem Zeitraum stammt auch die Aufnahme, wie aus dem Firmenschild zu ersehen ist. Da im Schaufenster bereits ein „Ausverkauf“ angekündigt ist, dürfte das genaue Entstehungsdatum etwa um 1912 sein. Auf dem Bild kann man noch die alte Postadresse „Schlossplatz 7“ lesen. Unter dem Firmennamen „Gebrüder Lewin“ betrieben Benjamin Lewin und sein Bruder Moses neben dem Kaufhaus in Varel auch eine Filiale in Delmenhorst.

Das Ehepaar Lewin hatte drei Kinder und verließ 1912 Varel, um fortan in Straßburg zu leben. Weitere Einzelheiten über ihren weiteren Lebensweg und auch das weitere Schicksal ihrer Kinder sind bisher nicht bekannt.

1912 übernahm ein Angestellter der Lewins, Lesser (Leo) Neumann, ebenfalls jüdischer Konfession, das Wohn- und Geschäftshaus und betrieb dort mit Hilfe seiner Ehefrau Rosi, die aus Dornum in Ostfriesland stammte, ein gut gehendes und beliebtes Schuhfachgeschäft.

1933 begann der wirtschaftliche Boykott jüdischer Geschäfte und die Verfolgung durch die Nationalsozialisten. Beim Pogrom im November 1938 demolierten Vareler SA-Angehörige das Geschäft. Alle Fensterscheiben im Erdgeschoss wurden zertrümmert, die Einrichtung teils geplündert und teils auf die Straße geworfen. Noch lange danach konnte man in der Stadt so manche brave Vareler Bürger mit neuem Schuhwerk bewundern, wie Pastor Rudolf Brahms später berichtete.

Die Nazis sperrten die Eheleute Neumann – wie alle übrigen Vareler Juden – in jener Nacht ins Polizeigefängnis beim Amtsgericht. Die Gestapo verschleppte Leo Neumann weiter in das Konzentrationslager Sachsenhausen.

Nach seiner Entlassung erfolgte die zwangsweise Liquidierung des Geschäftes und der Zwangsverkauf der Immobilie („Arisierung“) an einen nichtjüdischen Erwerber, den Vareler Rechtsanwalt Friedrich von Cölln. Dieser hatte nach 1945 dafür eine „Ausgleichszahlung“ zu leisten.

Das kinderlose Ehepaar Neumann musste Varel verlassen und siedelte zunächst nach Berlin über. Von dort gelang ihnen 1941 über die Stationen Spanien, Portugal, Bermudas und Kuba die rechtzeitige Flucht in die USA.

Nach 1945 verdrängten die Vareler viele Geschehnisse der NS-Zeit. Die vertriebenen, deportierten und ermordeten jüdischen Mitbürger gerieten zunächst in Vergessenheit.

Aber auch die vormals ansehnliche Fassade des Gebäudes fiel durch Umbaumaßnahmen nach 1945 dem zeitgenössischen Geschmack zum Opfer. Auf die Bewahrung historischer Bausubstanz legte man wenig Wert. Heute präsentiert sich das Haus in eher tristem Zustand.

Bis 1988 war an der zum Schlossplatz hin gelegenen Seitenwand des Gebäudes noch der Schriftzug „Kaufhaus Lewin“ zu lesen. Eine Vareler Gewerkschaftsinitiative regte anlässlich des 40. Jahrestages der „Reichspogromnacht“ an, diese Inschrift als eine der wenigen Spuren der vernichteten jüdischen Gemeinde in Varel zu erhalten. Der Eigentümer ließ daraufhin aber umgehend die Seitenwand einrüsten und den Schriftzug entfernen.

Der Arbeitskreis „Juden in Varel“ bemüht sich, Kontakte zu Nachkommen der ehemaligen jüdischen Vareler Bürger herzustellen. Diese leben zumeist in Israel und in den USA, aber auch Australien, Brasilien und anderen Ländern. So kam es auch zum Austausch mit Deborah Alexander in Rio de Janeiro. Sie ist eine Urenkelin von Emanuel und Mathilde Heynemann. Deren in Varel geborene Tochter Eliza (Ella) Heynemann hatte den Gelsenkirchener Kaufmann Jacob Alexander geheiratet und war mit ihrer Familie 1939 nach Brasilien emigriert. Mit nach Südamerika gelangte dabei auch das Foto des Hauses Drostenstraße 2, das nun wieder den Weg zurück nach Varel fand.

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