• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Tickets
  • nordbuzz
  • Fußball
  • Werben
  • Kontakt
 
NWZonline.de Region Friesland Kultur

Geschichte: Hier sorgten die „Dilettanten“ für Furore

04.04.2020

Varel Um 1800 entstanden in vielen Städten Deutschlands die ersten Singvereine. Im Oldenburger Land war der vor 200 Jahren gegründete Vareler „Singverein von 1820“ der älteste. Heute fast vergessen, war er über ein Jahrhundert lang eine kulturelle Visitenkarte der aufstrebenden Hafen- und Industriestadt am Jadebusen.

Der Vareler Verein wies charakteristische Merkmale dieser damals neuartigen Chorform auf: Die Mitglieder legten Wert auf finanzielle und organisatorische Selbstständigkeit, und das hieß vor allem Unabhängigkeit von Kirche und Fürstenhöfen. Die Sängerinnen und Sänger waren ganz überwiegend „Dilettanten“, wie damals mit Respekt, manchmal mit Bewunderung, musikalische Amateure mit künstlerischem Anspruch genannt wurden.

Sozial gehörten sie in aller Regel dem Bürgertum an, so dass Singvereine kulturgeschichtlich im Kontext der Emanzipationsbewegung des Bürgertums im 19. Jahrhundert stehen. Von Anfang an bildeten die Sängerinnen zahlenmäßig die Mehrheit in dem über lange Zeit patriarchalisch geprägten Singverein. Die bürgerlichen Ehefrauen, Töchter und „Fräuleins“ waren auch im Hinblick auf Zuverlässigkeit und gesangliches Können das Fundament, das dem Chor in Zeiten mit geringer Mitgliederzahl das Überleben sicherte. Und es waren überwiegend Frauen aus den eigenen Reihen, die solistisch hervortraten wie etwa Elli Oltmanns, die Frau des Bürgermeisters Wilhelm Oltmanns, deren virtuose Gesangskunst im „Gemeinnützigen“ gerühmt wurde.

Einwilligung und Werberichtlinie

Ja, ich möchte den täglichen NWZonline-Newsletter erhalten. Meine E-Mailadresse wird ausschließlich für den Versand des Newsletters verwendet. Ich kann diese Einwilligung jederzeit widerrufen, indem ich mich vom Newsletter abmelde (Hinweise zur Abmeldung sind in jeder E-Mail enthalten). Nähere Informationen zur Verarbeitung meiner Daten finde ich in der Datenschutzerklärung, die ich zur Kenntnis genommen habe.

Viele jüdische Mitglieder

Die aus der bekannten Kaufmannsfamilie stammende Elisabeth Schwabe zum Beispiel engagierte sich im Vereinsvorstand und war als solistisch brillante, mit Lorbeerkranz geehrte Sopranistin eine Größe im Vareler Musikleben. Mit Blick auf das breite Engagement auch in anderen Vereinen – wie etwa dem Verein für Kunst und Wissenschaft – ist festzustellen, dass jüdische Familien im 19. Jahrhundert und im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts zu den wichtigen Trägern bürgerlicher Kultur in Varel gehörten.

Anspruchsvolle Konzerte

Wer die Programmblätter liest, die aus der gut 100-jährigen Geschichte des Laienchors überliefert sind, kommt aus dem Staunen nicht heraus. Die großen Chorwerke aus Barock und Klassik wie der „Messias“ von Händel, Haydns „Schöpfung“ und „Jahreszeiten“ sowie Mozarts Requiem waren mehrmals in den Konzerten zu hören. Das 19. Jahrhundert ist mit bedeutenden Vokalwerken u. a. von Schumann, Weber und Brahms vertreten. Besonderer Beliebtheit erfreuten sich Mendelssohns Chorwerke, vor allem das Oratorium „Paulus“, das allein zwischen 1855 und 1896 achtmal in Varel zu hören war. Sogar Opern und – in der Spätzeit des Vereins – Operetten wurden aufgeführt.

Vareler „Konzerthäuser“

In den ersten Jahren fanden die Übungsabende und Aufführungen in der Börse (Ecke Drostenstraße/Nebbsallee) statt, damals das Clubhaus der städtischen Kaufleute und Versammlungsort der Vareler Freimaurerloge. Der Vareler Singverein war in seinen Anfangsjahren eine „geschlossene Gesellschaft“. Bei den Konzerten waren in aller Regel nur die aktiven und passiven Vereinsmitglieder sowie geladene Gäste anwesend. Dieser exklusive Charakter veränderte sich schon bald und die Aufführungen wurden öffentlich. Bevorzugte Konzerträume waren von nun an die großen Säle der Vareler Hotels, bevorzugt im Ebolé, im einst legendären, inzwischen abgerissenen Hotel zum Schütting und im Butjadinger Hof (Central-Hotel).

Bürgermeister dirigiert

An drei Namen aus der langen Reihe der musikalischen Leiter soll erinnert werden: Ein Glücksfall in der Frühzeit des Vereins war Wilhelm Grundmann, der von 1823 bis 1836 am Dirigentenpult stand. Er hatte in Oldenburg Musik studiert, komponierte selbst, war Organist an der Schlosskirche und Schullehrer. Unter seiner Leitung trat der Chor zu besonderen Anlässen erstmals auch öffentlich auf, so etwa im November 1835 bei der Beisetzung von Graf Wilhelm Gustav Friedrich von Bentinck in der Gruft der Schlosskirche.

Anders als Grundmann war der aus Oldenburg stammende Dietrich Klävemann kein Berufsmusiker, sondern Jurist. Seine große Leidenschaft galt der Musik. Der Singverein, an dessen Spitze Klävemann viele Jahre lang stand, profitierte von seinen Kontakten in die regionale Musikhochburg Oldenburg. In Varel dirigierte der musische Bürgermeister bis zu sieben abendfüllende Konzerte im Jahr.

Ein herausragender Dirigent war Rudolf Schauder, den der „Gemeinnützige“ in einem Nachruf (1930) zu den „genial veranlagten Menschen“ zählte. Aus Breslau stammend, kam er 1899 nach Varel, wo er als Organist an der Schlosskirche, als Pianist, Komponist und Musikpädagoge wirkte. Neben dem Singverein leitete er einen Männergesangverein und einen von ihm gegründeten Kirchenchor. Erstaunlich ist die Vielseitigkeit Schauders. Wie die Dirigenten vor ihm führte auch er hauptsächlich die großen weltlichen und geistlichen Chorwerke auf.

Das Ende des Vereins

Rudolf Schauder war der letzte Dirigent des Vareler Singvereins. Eine schwere Erkrankung, die ihn schon 1928, zwei Jahre vor seinem Tod, zur Aufgabe seiner musikalischen Aktivitäten zwang, ist sicher einer der Gründe für das Aus des Traditionsvereins. Das Ende hatte sich jedoch schon vorher abgezeichnet. Eine Hauptursache war die vierjährige Zwangspause durch den Ersten Weltkrieg, von deren Folgen für den Mitgliederbestand und die Organisation sich der Singverein nie mehr richtig erholen konnte. Hinzu kamen soziale und kulturelle Veränderungen im Lebensstil des Bürgertums, die den Typus Singverein, wie er sich nach 1800 entwickelt hatte, nicht mehr zeitgemäß erscheinen ließen.

Der Name „Singverein“ lebte jedoch in Varel weiter, denn nach dem Ende des gemischten Chores bildeten Sängerinnen im Oktober 1929 den „Frauenchor des Vareler Singvereins von 1820“. Dirigent des neuen Chors wurde der aus dem Jeverland stammende Lehrer Gerhard Müller. Der Nachfolger Rudolf Schauders als Organist an der Schlosskirche dirigierte nicht nur den Frauenchor, sondern auch den ebenfalls sehr angesehenen „Männergesangverein von 1893“. In einer Reihe von gefeierten Aufführungen großer Oratorien traten die beiden Chöre unter Kantor Müllers Leitung gemeinsam auf, nach dem Zweiten Weltkrieg unter dem Namen „Singgemeinschaft Varel“.

Als die „Singgemeinschaft Varel“ Ende der 1970er Jahre ihre Aktivitäten einstellte, gab es bereits seit mehr als zehn Jahren mit der 1966 von Kantor Hans-Reinhard Aukschun gegründeten, seit 2002 von Thomas Meyer-Bauer geleiteten „Kantorei an der Schlosskirche“ einen Chor, der die vom Singverein begründete Tradition großer geistlicher Vokalwerke in Varel fortsetzt.

Die Ära der Singvereine im Oldenburger Land ist Geschichte. Mit einer Ausnahme: Der 1821 gegründete Oldenburger Singverein ist noch aktiv und feiert im Sommer 2021 an zwei Tagen im Oldenburger Schloss und im Staatstheater sein 200-jähriges Bestehen.

Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.