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Abriss nach fast 100 Jahren Landgasthof Junker in Bockhorn ist endgültig Geschichte

Bockhorn - Der Bagger hat schon ganze Arbeit geleistet: Seit Freitag läuft der Abriss des Landgasthofes Junker an der Kranenkamper Straße. Seit Jahren verfiel das historische Gebäude – jetzt wird es endgültig beseitigt. Damit verschwindet ein Stück Bockhorner Geschichte. Unzählige Menschen haben bei „Junkers“ Hochzeiten und Geburtstage gefeiert, haben in dem Saal geturnt, als es noch keine Sporthalle in Bockhorn gab, und haben mit ihren Vereinen im Gasthof getagt und gefeiert.

Platz für Wohnhäuser

Jahrhundertelang trafen sich die Bockhorner Hier zum Bier

Die erste Schanklizenz für einen Gasthof „auf dem Prophetenhörn“ gab es schon im 17. Jahrhundert. Damals war die Familie Hornbostel, später Hornbüssel, in den Wirren des 30-jährigen Krieges aus der Lüneburger Heide nach Bockhorn verschlagen worden. Sie erhielt die „Kruggerechtigkeit“ für den Ausschank auf dem späteren Junker-Anwesen.

Schon bald entstand die Verbindung mit dem Namen Junker: Sarah Hornbüssel, geborene Junker, führte als Witwe den Krug weiter. Aus dieser Familie stammte auch ein Verwalter des einst der Dynastie Lauw gehörenden heutigen „Hotels Hornbüssel“ und der Gründer der Tischlerei Hornbüssel.

Im Jahr 1908 übernahm die in Kranenkamp lebende Familie Junker den Krug, Johann Hermann Reinhard Junker hieß der neue Wirt. Ein Jahr später ließ er den großen Saal bauen, denn gegenüber vom Gasthof wurde immer das Bockhorner Volksfest gefeiert, und die Jugend wollte gern unterm Dach tanzen. Auch Reinhard Junkers Frau, eine geborene Osterloh, verstand sich sehr gut aufs Wirtschaften.

1941 übernahm Sohn Rudolf Junker zusammen mit seiner Frau Alma den Gasthof, damals gehörte zum Anwesen noch eine Landwirtschaft und eine Viehwaage dazu.

1970 übernahm Sohn Reiner Junker zusammen mit seiner Frau Lisa den Betrieb. Sie machten den Landgasthof Junker aus dem Krug und gaben 1981 die Landwirtschaft auf.

1997 gab die Familie Junker die Gastwirtschaft auf und verkaufte den Landgasthof. Zunächst war nach dem Verkauf Jutta Eilers Wirtin, im Jahr 2003 folgte Bärbel Kathaus, ehe Joachim von Hammel die Regie in Küche und Gaststube übernahm. Der Name „Landgasthof Junker“ blieb immer bestehen.

2005 gab auch Joachim von Hammel den Betrieb auf. Einige Jahre später erwarb Kaufmann Johannes Beekmann aus Varel das Gebäude.

2020 war das Gebäude längst verfallen und abbruchreif. Am Freitag, 16. Oktober, begann der Abriss des historischen Hauses. Archiv: Kai Hippen, Helmut Stöhr, Gaststättenchronik von Robert Meyer

Seit 2005 ist der Gasthof geschlossen. Seitdem steht das Haus, das fast 100 Jahre lang von der Familie Junker bewirtschaftet wurde, verlassen an der Straße. Vor einigen Jahren erwarb der Vareler Kaufmann Johannes Beekmann den Gasthof. Eine Sanierung sei aber nie vorgesehen gewesen, sagt Beekmann auf Nachfrage unserer Redaktion. Nun werde die Gastronomie abgerissen, der Saal im hinteren Bereich bleibe zunächst stehen.

Auf dem Grundstück wolle er unmittelbar nach dem Abriss nichts bauen, sagt Beekmann. Aber: „Es ist da mal eine Bauvoranfrage gestellt worden, die ergab, dass dort drei Zweifamilienhäuser gebaut werden können.“ Das sei „eventuell über kurz oder lang“ geplant, sagt der Kaufmann.

Dass der Gasthof nun abgerissen wird, bewegt die Bockhorner – nicht nur die Nachbarn. Im sozialen Netzwerk Facebook war schon kurz nach Beginn das erste Foto der Abrissarbeiten im Umlauf. Auch die ehemaligen Gastwirte, Reiner und Lisa Junker, haben sich am Freitag angesehen, wie der Bagger begann, das Gebäude einzureißen. Das Wirtepaar lebt auf dem Nachbargrundstück an der Weißenmoorstraße, hat die Gastwirtschaft aber bereits 1997 eingestellt und das Gebäude verkauft.

60 Jahre seines Lebens hat Reiner Junker in dem Haus verbracht. Er ist dort aufgewachsen und hat in der Landwirtschaft seiner Eltern gelernt und im Gasthof geholfen. Den Krug hat er mit seiner Frau Lisa 1970 nach der Hochzeit übernommen, dann ist das Paar auch gemeinsam in das Haus mit eingezogen: 15 Jahre lebten die beiden in einer kleinen, bescheidenen Wohnung auf dem Boden, dort, wo früher das Getreide gelagert wurde. 1984 bauten die Junkers dann ihr Haus auf dem Nachbargrundstück, in dem sie noch heute leben.


„Das Leben mit der Gastwirtschaft war hart, vor allem, als wir die Landwirtschaft noch hatten“, sagt Lisa Junker (79). „Wenn die Bälle am frühen Morgen vorbei waren, sind wir direkt rüber zum Melken in den Stall.“ 1981 schaffte das Paar die Landwirtschaft ab. Reiner Junker absolvierte nach der Hochzeit noch eine Ausbildung zum Maschinenschlosser und arbeitete dann tagsüber bei einem Industriebetrieb in Varel, abends und nachts in der Gastwirtschaft.

Turnen im Saal

27 Jahre lang richtete das Paar in dritter Generation Feiern aus, in den besten Jahren jede Woche ein bis zwei Hochzeiten. Außerdem feierten und tagten viele Vereine in dem Haus, darunter der Boßelverein, die Feuerwehr, die Marinekameradschaft, der Spielmannszug, Sozialverbände und der Turnverein, bei dem auch Reiner Junker, der am Sonntag seinen 77. Geburtstag feierte, immer im eigenen Saal mitgeturnt hat.

Mit dem Abriss des Gasthofes geht ein Kapitel Bockhorner Geschichte zu Ende. Lisa Junker aber sagt: „Wenn wir zurückblicken, freuen wir uns über alles, was wir damals geschafft haben.“

Haben auch Sie besondere Erinnerungen an Feiern und Veranstaltungen im ehemaligen Landgasthof Junker? Berichten Sie uns, was Sie mit dem Landgasthof verbinden. So lassen wir den Krug noch einmal in der Zeitung aufleben. Schreiben Sie uns Ihre Geschichte per E-Mail an red.varel@nwzmedien.de oder per Post an Schlossstraße 7 in 26316 Varel. Telefonisch erreichen Sie uns unter 04451/99882500.

Sandra Binkenstein
Sandra Binkenstein Thementeam Soziales
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