Jever - Natürlich sind Ernte, Wetter und Preise die Standardthemen der Landwirtschaft, zumal dann, wenn das Erntejahr so gut wie abgeschlossen ist. Aber am Dienstag, bei der traditionellen Übergabe der Erntekrone des Landvolks an den Landkreis, brauchte Kreislandwirt Lars Kaper nur wenige Minuten für dieses Themenfeld. Bei dem Treffen ging es vor allem darum, dass „die Kulturlandschaft in Friesland im Zuge der Energiewende dramatisch ihr Gesicht verändert“, wie Landrat Sven Ambrosy es formulierte.

Die ostfriesische Halbinsel zwischen Jade und Ems wird nach Ambrosys Worten zur Energiedrehscheibe für die ganze Nation: Elektrolyse-Anlagen in Wilhelmshaven, Gödens und Emden; LNG-Terminals in Wilhelmshaven; der geplante Bau von 25 Wasserstoff-Kavernen im Raum Berdum-Wiefels durch die Storag Etzel GmbH; der Ausbau der Photovoltaik und vor allem der Windenergie – auf See und an Land; der parallele Bau von Wasserstoff- und Stromleitungen mit den entsprechenden großtechnischen Betriebsanlagen.

„Wir müssen das Gute bewahren und dennoch die Zukunft im Blick behalten“, sagte Ambrosy. Der skizzierte Transformationsprozess müsse gemeinsam mit allen Beteiligten und einer guten Raumordnung mit Augenmaß gestaltet werden, „sonst verlieren wir die Akzeptanz“.

Wie schwierig das konkret sein kann, zeigt sich nach Ambrosys Worten in Bockhorn: Über einen Korridor von 500 Metern Breite sollen mehrere Leitungsprojekte geführt werden. Wie das rein platztechnisch gehen soll, sei offen. Der Landrat erwähnte es nicht, aber vor Ort formiert sich Widerstand: Eine Bürgerinitiative wehrt sich gegen den Bau einer 380-kV-Hochspannungsfreileitung durch den Netzbetreiber Tennet.

Landrat Ambrosy sieht bundesweit den bedenklichen Trend, dass der ländliche Raum immer stärker als Dienstleister für Städte und Ballungsräume gesehen wird: Stromproduktion, Energiespeicherung und Leitungsbau fänden im ländlichen Raum statt. Für die Akzeptanz von Energiewende-Projekten entscheidend sei aber, dass Landwirtschaft und Tourismus erhalten blieben – und vor allem, dass „die Region auch handfeste Vorteile“ von dieser Entwicklung hat, betonte Ambrosy. Und er hat auch eine Reihe von Vorschlägen, wie die Region profitieren könnte.

Jörg Grabhorn
Jörg Grabhorn Lokalredaktion, Jeversches Wochenblatt