Zum 75. Geburtstag des meistgelesenen deutschen Lyrikers im kommenden Jahr hat Rezitator Lutz Görner die Gesamtausgabe des Lyrikers und eine Lesereise auf den Weg gebracht. Von Stefan Sell auf der Gitarre begleitet, eröffnete Görner den Abend mit den Anfängen des Poeten, der in der DDR vom Hilfsarbeiter und Traktoristen zum Meisterschüler Brechts und auflagenstärksten Lyriker Gesamtdeutschlands aufstieg.

Dabei war Kahlaus Start ins Leben nicht gerade erfolgversprechend: 1931 in Drewitz bei Potsdam geboren, entstammt er dem „Lumpenproletariat“, leidet unter seinen lieblosen Eltern und kämpft mit 19 Jahren wegen Mangelernährung im Lungensanatorium mit dem Tod. Die Gedichte von Ringelnatz sind es, die ihn retten und zum Dichter werden lassen.

In Versform ist er der Liebe auf der Spur, lebt seine Subjektivität aus in einer Sprache, die die Menschen verstehen. Von Brecht lernt er das dialektische Denken, kritisiert „An Kleinbürgergräbern“ die Raffgier, besingt den „alten Maurer“ und wird fast von der Stasi verhaftet, als er in der Humboldt-Universität das Gedicht vom „Sittich“ zum Besten gibt, dem „der Käfig zu eng ist, der will, dass Tür und Tor offen ist“. Ähnlich geht es dem „Kasper“, der sich anbietet, auf seiner Waage Lüge und Wahrheit anzuzeigen.

Trotz der Kritik am Sozialismus ist Kahlau jedoch niemals ein politischer Lyriker gewesen, stand sein Name nicht auf den Protestlisten gegen Biermanns Ausbürgerung.

„Ich bin ein Stein, der in keine Mauer passt“, sagt er. Nicht der Kommunismus oder der Kapitalismus haben ihn interessiert, sondern das, was die Menschen im Innersten bewegt. „Alles was wahr ist, kann leise sein“, lautet das Fazit des 74-Jährigen.


Allein auf der Bühne sitzend und vom Lebensalter gebeugt, wendet er sich an das Publikum mit einem letzten Gedicht, das er bei der Geburt seiner Tochter Christine schrieb. Er hält ihren Kopf in seinen warmen Händen und weiß, dass er nicht erklären kann, was das Leben ist. Nur eines ist klar: „Das Leben ist das Schönste, und wenn es auch dreimal so schwer wäre, ich würde es immer wieder leben.“