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NWZonline.de Region Friesland Lokalsport

„Die Angst kann man zu Hause lassen“

22.02.2018

Zetel Ann-Kathrin Gerdes steht auf der sandigen Startbahn in ihrer Startrille. Angespannt, konzentriert, die Kupplung an ihrem Speedway-Motorrad ist gezogen. Der Puls steigt – in jeder Sekunde kann es jetzt losgehen. Es ist ihr Hobby, ihr großer Traum: Während andere nur ängstlich am Streckenrand stehen bleiben, ist sie seit nun schon sechs Jahren auf ihrer Maschine mittendrin, im Kampf um wichtige Sekunden und den nächsten Sieg. Mit acht Jahren entdeckte sie ihre Leidenschaft für Speedway, einen Motorradrennsport, der auf einer ovalen Rennbahn stattfindet und die Zuschauer begeistert.

Bevor sie an der Startlinie stand, hat Ann-Kathrin alles erledigt, damit sie sich jetzt auch voll und ganz auf ihre Maschine verlassen kann. Die Kupplung wurde gespannt, der Tank gecheckt und der Benzinhahn aufgedreht. Um nicht disqualifiziert zu werden, musste sie innerhalb von zwei Minuten an ihre Startposition fahren. Hier hat sie sich im Sand noch die kleine Startrille gefahren – um noch schneller zu starten.

In insgesamt drei Vereinen fährt sie aktuell und geht abwechselnd auf den Strecken in Dohren (Emsland), Brokstedt (Schleswig-Holstein) und Parchim (Mecklenburg-Vorpommern) an den Start. Wenn das Wetter gut ist, dann nutzt sie die Wochenenden fürs Training. „Morgens machen wir uns auf den Weg, dann wird den Tag über trainiert und am Abend geht es dann zurück“, erzählt Mutter Melanie Gerdes. Auf dem Trainingsgelände wird immer geübt, was das Zeug hält. „Wir versuchen bei den Trainings immer, echte Wettkampftage zu simulieren“, sagt Melanie Gerdes.

Die Lampe schaltet auf Grün, das Startband fährt nach oben. Im Bruchteil einer Sekunde lässt Ann-Kathrin die Kupplung los, beschleunigt, erhöht das Tempo und gibt bis zum Ende der langen Geraden Vollgas.

Ein Mädchen auf dem Speedway-Motorrad – das ist in Deutschland noch eine große Seltenheit. „Ich kenne in Nord- und Süddeutschland nur etwa vier bis fünf andere Mädchen in meinem Alter“, sagt Ann-Kathrin. Die Wettkämpfe bestreitet sie somit auch gegen Jungs – und fährt denen fast allen davon. 32 Rennen in nur einem Jahr – das ist Ann-Kathrins Rekord. „Damals bin ich aber noch in zwei verschiedenen Klassen gefahren“, berichtet sie. Für die Saison 2018 sind etwa zwölf Rennen in ganz Norddeutschland geplant.

Auch Lieblingsstrecken hat die 14-Jährige schon. „In Güstrow kann ich immer sehr gut fahren – und an Parchim habe ich sehr gute Erinnerungen“, sagt sie. Dort belegte Ann-Kathrin den vierten Platz bei den Deutschen Meisterschaften.

Die Höchstgeschwindigkeit ist erreicht, die Konzentration liegt auf der ersten Kurve. Tempo drosseln und den Körper lang machen ist wichtig, damit Ann-Kathrin genügend Schwung für die Kurve hat, in der die Fahrtrichtung jetzt um 180 Grad gewechselt wird. Die Gegengerade wartet – die Geschwindigkeit wird wieder bis zum Anschlag erhöht.

Ihre Freundinnen unterstützen sie bei ihrem Geschwindigkeits-Hobby. „Einige finden das richtig cool und wollen auch gerne fahren“, sagt sie. Bei einem Rennen kann sie Geschwindigkeiten von bis zu 120 km/h erreichen. Trotz des hohen Tempos: Angst hat die Zetelerin keine. Und auch gefährlich ist es für sie in den sechs Jahren noch nicht geworden. „Ich habe bisher noch keinen Knochenbruch“, sagt Ann-Kathrin erleichtert. Damit das auch so bleibt, beherzigt sie einige Tipps. „Man muss mit Sinn und Verstand fahren, darf es nicht übertreiben. Und man darf gar nicht erst über einen möglichen Sturz nachdenken“, sagt sie. Zumal sie gut gesichert ist. Unter ihrem Hemd trägt sie Protektoren, Knieschützer, eine Protektoren-Hose, einen Airbag-Umhang, spezielle Rennstiefel, Handschuhe und einen Helm mit Brille. Die Speedway-Motorräder haben keine Bremsen, nur einen Gang, kein Getriebe, nur eine Fußraste rechts, und es wird mit ihnen ausschließlich links herum gefahren. „Wenn man fährt, muss man das mit Mut machen. Die Angst kann man zu Hause lassen.“

Die zweite langgezogene Kurve. Ann-Kathrin konzentriert sich, hat die Konkurrenz im Blick. Gibt es eine Lücke, die sie nutzen kann? Die Zetelerin ist mutig und wagt einen Versuch – mit Erfolg!

Gleich zwei Vorbilder hat die 14-Jährige. Tobias Kroner war ihr erster „Held“, kurz nachdem sie mit dem Sport begonnen hat. Der Deutsche Speedwaymeister von 2012 hat seine Karriere aber beendet, ist heute TV-Experte. Seitdem steht bei ihr der Däne Mads Hansen ganz hoch im Kurs. Von ihm hat sie ihre beiden Bikes, auf denen sie in dieser Saison ihre Rennen bestreiten wird. Trainiert wird Ann-Kathrin von ihrem Vater Christian Gerdes. „Er hat extra den Trainerschein gemacht und gibt mir ganz viele Tipps“, sagt die 14-Jährige. Dazu wird jeder Lauf, auch im Training, gefilmt und später zur Videoanalyse verwendet.

Die Zuschauer rauschen an Ann-Kathrin nur so vorbei. Auch ihre Eltern stehen gespannt am Streckenrand und drücken ihr die Daumen.

Erst Mitte Februar hat Ann-Kathrin ihren 14. Geburtstag gefeiert – doch Ziele hat sie auch in jungen Jahren schon. In diesem Jahr möchte sie wieder möglichst gute Platzierungen schaffen und sich für die Deutschen Meisterschaften qualifizieren. „Ganz wichtig ist mir dabei aber, dass ich eine unfallfreie Saison fahre“, sagte sie.

Auch die dritte Runde hat sie fast hinter sich gebracht. Noch einmal holt Ann-Kathrin alles aus der Maschine heraus. Die letzten Meter bis zur Ziellinie. Geschafft. Die Zetelerin drosselt die Geschwindigkeit und bringt die Maschine zum Stehen. Jetzt schnell den Tank wieder füllen, Kleinigkeiten reparieren, Kraft tanken. Und dann geht es schon wieder auf die Strecke – auf zum nächsten Rennen.

Sönke Spille Volontär, 2. Ausbildungsjahr / NWZ-Redaktion
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