NEU-FRIEDERIKENGRODEN - Wäre der Groden vollgelaufen ich glaube nicht, dass wir unser Vieh hätten retten können. Karl Heissenbüttel war 21 Jahre alt und bewirtschaftete mit seinen Eltern einen Hof in Neu-Friederikengroden, als der Elisabethgroden bei der Sturmflut am 16./17. Februar 1962 volllief. Auch er gehörte zu den Männern, die das Deichschart im Groden gegen den Blanken Hans verteidigten.
Damals war Vollmond, der Sturm war erst aus Südwest gekommen und später auf Nordwest gedreht, erinnert er sich. Die Heissenbüttels hatten damals einen Zimmermann auf dem Hof, der einen neuen Unterzug ins Stalldach einzog. Er sagte zu mir, schau mal raus, wenn da mal nichts passiert, erinnert sich Heissenbüttel. Ich sagte, Du bist ja verrückt.
Doch später am Abend kam das Wasser tatsächlich. Ich hatte nochmals nach dem Vieh gesehen und war besorgt, weil die Freileitungen im Sturm gefährlich aneinanderrieben. Um die Leitungen herum flackerte ein Feuerschweif und ich hatte Sorge, dass es einen Brand geben könnte. Den Verkehr, der am Hof vorbei Richtung Sommerdeich ging, habe er gar nicht beachtet.
Doch gerade, als er ins Bett gehen wollte, polterte es an der Tür. Da standen Hermann Janssen aus Friederikensiel und sein Vetter Jakob Köster, die Vater und mich zum Deichschart riefen, erinnert sich Heissenbüttel.
Als die Männer ans Schart kamen, schlug die See schon auf den Deich. Die Heuschober der Kleinkuhhalter im Groden schwammen auf und gingen ihrer Wege, erzählt er. Mit Sandsäcken befestigten die Männer das Scharttor. Doch dann kam ein Brecher und die Säcke waren weg.
Als gegen Mitternacht die Tide ihren Höhepunkt erreichte, trafen die Heissenbüttels Vorbereitungen für den Ernstfall. Mein Vater fuhr das Nötigste, was wir retten wollten, zu unserem Pachtherrn nach Jever dort glaubte ihm keiner, dass das Wasser am Deich steht. Karl und seine Mutter machten derweil das Vieh von den Ketten los und banden die Kühe mit Pressballenkordel zusammen Hermann Janssens Kuhstall stand leer, er sagte, wir dürften unser Vieh bringen, wenn der Deich nicht hält.
Doch der Ernstfall trat glücklicherweise nicht ein. Das Wasser ist schnell gekommen und war schnell wieder weg, sagt Heissenbüttel. Was blieb, war der überflutete Elisabethgroden an zehn Stellen war der Seedeich gebrochen. Das war hart für die Kleinkuhhalter, denn sie hatten nun keine Futterreserven mehr, sagt Heissenbüttel. Um zu helfen, erklärten sich die Bauern bereit, Tiere der geschädigten Halter in Futter zu nehmen.
Auch der überschwemmte Groden regenerierte sich schnell: Entwässert wurde er über einen Ringschlot nach Harlesiel hin, im April/Mai wurde dann Gips auf die Wiesen gestreut das hatte die Landwirtschaftskammer empfohlen, so Heissenbüttel. Der Gips sollte das Salz binden.
Die durchs Salzwasser brackig gewordenen Süßwasserkuhlen, die als Viehtränken dienten, wurden leergepumpt, so dass sie sich im Frühjahr wieder füllen konnten. Das Vieh mochte das nach der Sturmflut etwas salzhaltigere Gras gerne nur wir Bauern hatten Bammel, ob es das verträgt, erinnert sich Heissenbüttel.
Im Frühjahr trafen sich alle Helfer der Sturmnacht nochmals am Deichschart: Deichbandvorsteher Enno Ennen hatte eine Gedenktafel gießen lassen, die am Deichschart eingelassen wurde, berichtet Heissenbüttel. Diese Tafel ist irgendwann im Lauf der Jahre gestohlen worden. Das finde ich sehr schade!
Heissenbüttel regt an, zum 50. Jahrestag der Sturmflut eine neue Tafel anfertigen zu lassen und wieder am Deichschart anzubringen. Ich bin sicher, viele Helfer von damals und viele andere Wangerländer würden ihren Obolus dazugeben, sagt er.
