Schortens - Man kennt das: In den sozialen Medien kocht die Empörung schneller hoch als jeder Topf Milch. Fakten spielen da häufig keine Rolle. Aktuelles Beispiel: Vergangene Woche Freitag ist ein Notarztwagen auf Einsatzfahrt vor den Pollern in der oberen Menkestraße „hängen geblieben“. Der Fahrer hat dann gewendet und den Einsatzort, der südlich der Bahnlinie lag, über die Oldenburger Straße, die Alte Ladestraße und weiter über die Menkestraße angesteuert.
Auf Facebook hat dieser Fall große Empörung ausgelöst. Wertvolle Minuten gingen verloren, heißt es dort. Und es wird angedeutet, Menschenleben würden durch die Abbindung der oberen Menkestraße mit Pollern gefährdet.
Schwere Vorwürfe
In diesem Zusammenhang werden auch Vorwürfe gegen die Stadt Schortens und gegen den Stadtrat erhoben. Dabei wird auch die CDU/Grüne-Mehrheitsgruppe genannt, die die Abbindung beschlossen hat. Es sollen sogar schwerste Vorwürfe gegen einzelne Politiker laut geworden sein.
Um es vorweg zu nehmen: Die Empörung ist unbegründet, die Vorwürfe sind haltlos.
Fakt ist: Der Notarzt war nach Angaben des Rettungsdienstes Friesland rechtzeitig und innerhalb der vorgegebenen Hilfsfrist, nämlich acht Minuten nach Alarmmeldung, vor Ort, sagt Ann-Kathrin Bonow vom Rettungsdienst Friesland. Zuvor war bereits ein Rettungswagen mit einem Notfallsanitäter eingetroffen, um den Patienten zu versorgen. Der Einsatz konnte erfolgreich abgeschlossen werden.
Regelung für Rettungsfahrzeuge
Aber: Stellen die Poller in der oberen Menkestraße nun eine Behinderung für Rettungsfahrzeuge dar? Und: Wie ist die Anfahrt des Rettungsdienstes zu Einsatzorten im Bereich südliche Menkestraße geregelt?
Unsere Redaktion hat nachgefragt. Rettungsfahrzeuge und Notarztwagen im Einsatz, also mit Blaulicht und Martinshorn, sollen grundsätzlich über die Alte Bundesstraße und den Straßenzug Bahnhofstraße/Alte Ladestraße fahren, „weil das nach aller Erfahrung am schnellsten geht“, erläutert Ann-Kathrin Bonow. Aber: Je nach Verkehrssituation können die Fahrer von Rettungs- und Notarztfahrzeugen von dieser Empfehlung abweichen.
Wenn etwa auf der Alten Bundesstraße hohes Verkehrsaufkommen herrscht oder abbiegende Lastzüge die Einsatzfahrt verzögern könnten, dann können die Fahrer andere Routen wählen. Ausschlaggebend ist nach Bonows Worten die Einschätzung der Verkehrssituation durch die Fahrer. Im Falle Heidmühle/Schortens würden die Fahrer den Zielort dann unter Umständen über die Oldenburger Straße oder die Heinrich-Tönjes-Straße anfahren.
„Situativ schnellste Lösung“
Im jetzt diskutierten Fall ist der Notarztwagenfahrer in die obere Menkestraße eingefahren und hat vor den Pollern umgehend gewendet, weil sich das „als situativ schnellste Lösung angeboten hat“, so Bonow. Er hätte auch die Poller absenken können. Der Rettungsdienst hat nach Bonows Worten die Funktelefonnummer, mit der sich die Poller absenken lassen.
Man könnte vielleicht sagen: Der Fahrer des Notarztwagens hätte gleich außen herum fahren sollen. Aber vielleicht war ihm die neue Situation mit den Pollern noch nicht bewusst. Das Wendemanöver hat ein paar Sekunden gekostet, aber die Behauptung, die Poller gefährdeten die Rettung von Menschenleben, entbehrt jeder Grundlage: Ann-Kathrin Bonow formuliert es so: „Wir sehen die Poller völlig emotionslos.“
Zugang zu den Pollern
Wer hat Zugang zu der Mobilfunknummer zum Absenken der Poller? Nach Auskunft der Stadt sind das neben Rettungsdienst auch die Feuerwehr und die Müllabfuhr, außerdem der Kiosk „KiKo“ in der oberen Menkestraße, um Lieferfahrzeugen die Durchfahrt zu ermöglichen. Ob auch die Polizei die Mobilfunknummer hat, ließ sich am Freitag nicht klären. Für Einsätze dürfte es ohnehin keine Rolle spielen.
