Bockhorn - Herr Sandersfeld besorgte eine Gartenbank, eine siebte Klasse wurde mit säckeweise Kieselsteinen versorgt und Jiu-Jitsu-Lehrer Uwe Plois war zu Gast: So einen Tag erlebte die Oberschule Bockhorn selten. Die Lehrerschaft stand am Donnerstag geschlossen hinter einem selbst organisierten Projekttag anlässlich des „Orange Day“ – dem internationalen Tag zur Beendigung der Gewalt gegen Frauen und Mädchen vom 25. November bis zum 10. Dezember, dem Tag der Menschenrechte.
Diverse Projekte
Die gesamte Oberschule hat mitgemacht, denn in allen Klassen gab es unterschiedliche Projekte. „Die Jüngeren knüpfen orange Armbänder, eine Bank wird orange angepinselt und auf dem Schulhof aufgestellt, Plakate werden gebastelt und Kieselsteine orange angemalt und in den Straßen von Bockhorn verteilt“, erzählt Jasmin Wittkowski. Sie ist an der OBS Schulsozialarbeiterin und kam mit der Idee eines kompletten Schultags im Zeichen des „Orange Day“ auf ihre Kollegen zu. Mit unbeschreiblicher Resonanz: „Viele Lehrer engagierten sich in den letzten Tagen und Wochen über ihre Arbeitszeit hinaus.
Sie erstellten Präsentationen, besorgten Materialien im Baumarkt und kauften bei Ebay-Kleinanzeigen ein“, beschreibt Wittkowski – „ich bin einfach nur begeistert.“
Steine verteilt
Malte Sandersfeld ist Klassenlehrer der 7c und brachte eine Gartenbank mit in den Unterricht. Die Aufgabe seiner Schüler war es, diese abzuschleifen, mit oranger Farbe zu bemalen und einen Slogan darauf zu verewigen. Am Ende suchten die Schüler einen passenden Platz auf dem Schulgelände, wo die Bank noch lange stehen soll.
Das Gleiche gilt auch für die vielen erstellten Plakate. „Im Eingangsbereich stellen wir diese aus, damit man sich auch noch in ein paar Wochen an diesen einzigartigen Tag erinnert“, so Wittkowski. Eine andere Klasse gestaltete handgroße Kieselsteine, indem sie diese orange bemalten und Sprüche wie „Kein Platz für Gewalt“ auf die Steine schrieben. In den letzten beiden Schulstunden machte die Klasse einen Ausflug durch die Straßen von Bockhorn, wo sie die Steine an öffentlichen Wegen und Orten verteilt haben.
Die Klasse 7c schliff eine Gartenbank und bemalte diese orange. (Bild: Jan-Ole Smidt)
Emotionale Momente
Jasmin Wittkowski liegt das Wohl ihrer Schützlinge besonders am Herzen und so machte sie an diesem Tag immer wieder darauf aufmerksam, dass sich Schüler trauen dürfen, ihre Probleme und Ängste anzusprechen. Im Klassenverband gab es daher viele Sitzkreise „und dabei flossen manchmal auch Tränen“, erzählt sie.
Die Berichte zum Thema Gewalt an Frauen und Mädchen mit den entsprechenden Statistiken – Alle vier Minuten erlebt eine Frau in Deutschland Gewalt durch ihren Partner oder Ex und jeden dritten Tag wird eine Frau sogar getötet – gingen an die Substanz der Schüler. Ihre Lehrer nahmen sich deshalb besonders viel Zeit, um mit ihnen zu reden und auch persönliche Probleme anzusprechen. Vor allem wichtig war ihnen die Botschaft, wo sich betroffene Schüler melden können – nämlich bei vertrauensvollen Erwachsenen in ihrer Umgebung. Seien es Lehrer, Angehörige oder auch das Hilfetelefon unter 116/016.
Im Sportunterricht lernten nicht nur die Mädchen, sondern auch die Jungen, wie sie sich aus den Fängen Übergriffiger befreien können. (Bild: Jan-Ole Smidt)
Lautes „Stopp“
Durch Selbstbehauptungskurse, die in den Morgenstunden von Uwe Plois angeboten wurden, wurde vor allem den Mädchen der siebten Klassen beigebracht, wie sie sich gegen Übergriffe wehren können. Der Jiu-Jitsu-Lehrer aus Bockhorn ermunterte die Schüler, laut „Stopp“ zu rufen, sich zu trauen, lautstark auf sich aufmerksam zu machen und ihre eigenen Grenzen wahrzunehmen.
Später übernahmen die Lehrer im Sportunterricht. Auch sie brachten den Schülern bei, sich aus den Fängen von übergriffigen Menschen zu befreien. „Es ist so schön mit anzusehen, wie die Sechstklässler ihre Lehrer anschreien und ihnen damit verständlich machen, dass sie sie nicht anfassen sollen – natürlich alles in der Übung“, sagt Jasmin Wittkowski, als sie die Situation beobachtet.
