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NWZonline.de Region Friesland Politik

Als die Realschüler in den Krieg zogen

21.06.2016

Varel Im Jahre 1912 kündigte der „Gemeinnützige“, der Vorgänger der NWZ , seinen Vareler Lesern „Hohen Besuch“ an: „Seine Königliche Hoheit der Großherzog Friedrich August von Oldenburg wird am Dienstag, den 11. Juni, auf einer Fahrt durch das Amt Varel auch unserer Stadt einen Besuch abstatten.“ Ganz oben stand auf dem Programm, dass „die höchsten Herrschaften“ die im Entstehen begriffene hochmoderne „Eigenheimkolonie der Hansa“ in der Koppenstraße „in Augenschein nehmen“ wollten.

1911 offiziell anerkannt

Gleich danach sollte es weitergehen in die Moltke­straße, um die seit zwei Jahren nunmehr vollständige und seit 1911 offiziell anerkannte Realschule in ihrem vergrößerten Gebäude zu besichtigen. Schon ein Jahr später begann erneut eine Diskussion über die Frage, ob die Realschule nicht zu einer Oberrealschule ausgebaut werden sollte.

„Ein Vareler Bürger“ ist nicht grundsätzlich dagegen, verweist aber in seinem Leserbrief am 25. Juni 1913 auf noch immer viel zu große „Klassen mit 40 bis 50 Schülern“ und auf die absehbaren Kosten einer Erweiterung. Dabei sieht er „die finanziellen Kräfte der Stadt (…) durch den Bau der Wasserleitung, Kanalisationen, Neupflasterung der Straßen (…) schon stark angespannt.“

Wiederum ein Jahr danach sorgte der Ausbruch des Ersten Weltkriegs für ganz andere Prioritäten. Paul Henk, Redakteur des „Gemeinnützigen“, schildert im Anhang seiner „Geschichte der Stadt Varel“, wie die Stadtverwaltung im Rahmen der Kriegswirtschaft immer mehr Aufgaben bei der finanziellen Unterstützung der Familien von einberufenen Männern und der Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln und Dingen des täglichen Bedarfs übernehmen musste.

Satzung wurde geändert

Der Widerspruch zwischen den Möglichkeiten der städtischen Behörden, zu denen ja auch die Realschule gehörte, und den Anforderungen, die sie – nach den Erwartungen des Staates und der Bürger – erfüllen sollten, wurde mit jedem Kriegsjahr größer. Selbst solche Kleinigkeiten wie die Satzung der Realschule mussten 1915 geändert werden, um die Beschlussfähigkeit des Vorstandes im Kriege zu sichern.

Auch an der Realschule wurden Lehrer eingezogen und in der Folge Klassen zusammengelegt, die damit zwangsläufig noch größer wurden als 1913 beklagt. Deshalb durfte sogar der „jüdische Lehrer Bernheim“ aushilfsweise einspringen.

Hoher Besuch

Am 11. Juni 1912 besuchte der Großherzog Friedrich August von Oldenburg Varel. Er besichtigte unter anderem die Realschule an der Moltkestraße. Bei dieser Gelegenheit ist wohl das historische Bild entstanden. Es zeigt, wie der Großherzog die Schule wieder verlässt (links neben dem linken Fahnenmast und dem Mädchen in dem weißen Kleid und mit Hut).

Den Um- und Ausbau der Realschule betreute übrigens der selbe Architekt Schellenberger, der auch für die Arbeiterwohnungen der Hansa zuständig war.

Bei seinem Besuch besichtigte Friedrich August auch die „Eigenheimkolonie der Hansa“ in der Koppenstraße, ein Projekt, das der autobegeisterte Großherzog ideell und sein oldenburgischer Staat finanziell unterstützte.

Dennoch fiel viel Unterricht aus – nicht zuletzt, weil von Jahr zu Jahr der „Appell an die städtische Schuljugend zur Mitarbeit in landwirtschaftlichen und gärtnerischen Betrieben“ immer stärker wurde. Es gab zudem patriotische Vorträge und Feiern, die Aufgaben und Aufsätze dienten der Stärkung der vaterländischen Gesinnung. Und die Lehrer wurden zunehmend dringlicher aufgefordert, mit ihrer Glaubwürdigkeit für die Zeichnung von Kriegsanleihen zu werben.

Aber soweit sich das den überlieferten Akten und Schuljahresberichten der Realschule entnehmen lässt, behält der Historiker Krumeich recht, wenn er schreibt, dass in Deutschland – anders als in Frankreich – die Schulbehörden bemüht waren, „den Krieg nicht zu nahe an die Kinder herankommen zu lassen und jegliche ‚Brutalisierung‘ zu verhindern. Hass auf den Feind wurde ihnen nicht vermittelt, sie bekamen lediglich zu hören, dass die deutschen Soldaten stets siegreich voranstürmen. Umso größer muss für die Kriegskindergeneration das Entsetzen gewesen sein, als es dann plötzlich hieß, der Krieg sei verloren und Deutschland schuldig.“

222 Mitbürger gefallen

Nach der Liste, die Henk 1920 vorlegt, sind aus Varel „222 Mitbürger vor dem Feinde geblieben oder an den Folgen von Verwundungen und Krankheiten gestorben“. Dr. Reiche führt im Schuljahresbericht 1918/19 einen Lehrer und 18 Schüler der Realschule als „im Weltkriege gefallen“ auf. Nur zum Teil sind die Namen deckungsgleich; vielleicht, weil viele Schüler aus dem Umland kamen.

So waren die Erwartungen, die zu Beginn des Krieges geschürt wurden, und seine tatsächlichen Ergebnisse nicht in Deckung zu bringen. Dass sich am 11. November 1918, gut sechs Jahre nach seinem Besuch in Varel, der Großherzog von Oldenburg „durch die Umwälzungen der letzten Tage veranlasst [sieht], die Regierung des Großherzogtums niederzulegen, um Unheil von den oldenburgischen Landen fernzuhalten“, erwies sich als frommer Wunsch.

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