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NWZonline.de Region Friesland Politik

Vom Jungen, der nie mitspielen durfte

18.08.2015

Wangerooge Er lächelt viel – und das, obwohl er so viel Schlimmes erlebt hat: Max ist ein sehr herzlicher Mensch, dem Tina von Pentz und viele andere Wangerooger helfen möchten. Sein Traum ist, Elektriker zu werden. Doch das ist leider nicht so einfach: Max lebt im so genannten Kirchenasyl auf Wangerooge. Ob er bleiben darf und sogar arbeiten, ist noch offen.

Max ist ein so genannter Dublin II-Fall: Da er über Italien nach Europa gekommen ist, ist laut Verordnung der Europäischen Union auch Italien für seinen Asylantrag zuständig. Deshalb droht dem 20-Jährigen die Abschiebung dorthin. Wangerooges Pastor Günther Raschen hatte von Max’ Schicksal gehört und ihn nach Wangerooge geholt.

Legaler Status nötig

Die evangelische Kirchengemeinde hat Max vor einem Jahr aufgenommen. Seitdem bemühen sich Pastor Raschen, Diakonin Tina von Pentz und viele weitere, mit Hilfe der Oldenburger Rechtsanwältin Mareike Kaempf für Max einen legalen Status zu erwirken. Auch arbeiten dürfen soll er – dazu sammelt die Gemeinde Unterschriften für eine Petition an den Niedersächsischen Landtag. 3600 Menschen haben bereits unterschrieben und zeigen damit, dass sie Max unterstützen (die NWZ  berichtete).

Max heißt eigentlich Maxamed Ibrahim Maxamoud und stammt aus Somalia, aus Jalalaqsi, einer kleinen Stadt mit etwa 15 000 Einwohnern rund 150 Kilometer nördlich der Hauptstadt Mogadischu. Seit einem Jahr lebt der 20-Jährige auf Wangerooge.

Schon als Junge spielte er gerne Fußball und wollte mit anderen Kindern kicken – aber er durfte nicht. Wie er der NWZ  erzählte, begriff er erst später, warum: „Ich bin ein Madhibaan“, sagt Max. „Madhibaan gelten traditionell als ‚unberührbar‘, sie dürfen nur ‚unreine, schmutzige‘ Berufe ausüben“, erklärt Tina von Pentz. Sie hat sich lange mit Max und seiner Geschichte auseinandergesetzt: „Kein anderes Kind wollte deswegen mit ihm spielen.“

Eigentlich gehen die Madhibaan auch nicht zur Schule – angeblich sind sie nur zum Arbeiten gut. Trotzdem wollte die Mutter von Max, dass ihr ältester Sohn die Schule besucht – sie merkte, dass er klug ist. Und auch sie selbst ist zur Schule gegangen, erzählt Max. Sein Vater war aber dagegen – er war der Meinung, in der Familie sollte gearbeitet werden. Er selbst arbeitete auf dem Land.

Aber Max ging zur Schule. Einfach war das allerdings nicht – auch dort spürte er, dass er „unberührbar“ ist. „Meine Klassenkameraden und meine Lehrer waren nicht nett. In der großen Pause saßen alle zusammen, aber ich war alleine“, erinnert er sich. Im Unterricht wurde er nicht drangenommen. Trotzdem lernte er und las viel. „Besonders gern mag ich das Fach Geschichte“, sagt Max.

Auch in seiner Freizeit las er. Andere Dinge, – bei uns selbstverständlich – sind in Somalia verboten. Zum Beispiel Radio hören. „Musik verbietet die Al-Shabaab-Miliz“, erzählt Max. Erst spät bekam seine Familie elektrisches Licht, weil seine Mutter wollte, dass er vernünftig lernen kann. Vorher gab es bei im zu Hause nur Gaslampen.

Dann, als Max elf Jahre alt war, standen Kämpfer der Al-Shabaab-Miliz vor seiner Tür. „Sie wollten, dass ich Soldat werde. Ich bin aber nicht mitgegangen“, erzählt Max.

Die islamistische Al-Shabaab-Miliz kontrolliert Teile Südsomalias und setzt dort die Scharia, das islamische Recht, in strenger Form durch. Ziel der Gruppierung ist ein islamischer Staat am Horn von Afrika.

Später kamen die Milizionäre erneut. Sie verprügelten Max mit Bambusstöcken. „Weil ich nicht erwachsen war, ließen sie mich am Leben. Erwachsene werden totgeschlagen“, erzählt Max.

Anvertraut hat er sich nur seiner Mutter. „Ich erzählte ihr: Mama, ich mag dieses Leben nicht.“ Seine Mutter habe ihm zwei Möglichkeiten aufgezeigt: „Entweder tust du das, was Al-Shabaab sagt. Oder du gehst weg.“ Aber weg wollte Max auch nicht. „Ich sagte ihr, dass ich bei ihr zu Hause bleiben wollte. Aber sie fand, dass das nicht gut für meine Zukunft war.“

Zwei Jahre auf der Flucht

Gemeinsam verbrachten sie einen letzten Abend. Seinen Geschwistern erzählten sie, dass Max Verwandte besuchen werde. Bei der Al-Shabaab-Miliz gaben sie an, Max müsse einen kranken Onkel besuchen. Dann ging Max weg, mit einem kleinen Koffer und etwa 80 Dollar – rund 65 Euro. Damals war er 15 Jahre alt.

Zwei Jahre lang war Max auf der Flucht, erlebte viele schreckliche Dinge. Leicht fällt es ihm nicht, darüber zu reden. „Das kann man gar nicht erzählen“, sagt er. Noch heute hat er furchtbare Alpträume, obwohl er auf Wangerooge vorerst in Sicherheit ist.

Bei der Verarbeitung des Erlebten hilft ihm Diakonin Tina von Pentz. Sie nahm Max sofort herzlich auf, lernte mit ihm Deutsch, nahm ihn dafür mit in den Kindergarten und in die Schule. Max wohnt im Gemeindehaus, er versorgt sich selbst und kocht auch für sich. „Am liebsten Kartoffeln“, erzählt er. Freunde hat er ebenfalls gefunden. Außerdem hat er schwimmen gelernt und spielt sogar Fußball. Er geht gerne spazieren oder am Wochenende in die Disco. „Tanzen“, sagt er nur und lächelt.

Antje Brüggerhoff
Agentur Hanz
Redaktion Jever
Tel:
04461 965312

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