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NWZonline.de Region Friesland Politik

„Anderen mit Respekt begegnen“

31.01.2015

Wangerooge Er ist ein liebenswürdiger Mensch, lächelt viel und plaudert gerne: Dennoch ist Samad Tahamtan besorgt. Ihm fällt auf, dass immer mehr Deutsche Angst vor einer angeblichen Überfremdung haben. „Aber Flüchtlinge sollten hierher kommen dürfen, sie sind doch auch Menschen.“ Der 61-Jährige versteht gut, wie sich Flüchtlinge fühlen: Er stammt aus dem Iran. Schon als junger Mann wollte er dort weg. Nach dem Abitur 1973 kam er nach Deutschland.

Für ein Studium musste er allerdings das deutsche Abitur nachholen und Deutsch lernen. „Ich finde, wenn man ein Volk verstehen und bei ihm leben will, muss man als erstes die Sprache beherrschen.“ An der Fachhochschule Bremen studierte Tahamtan Architektur. Eine Rückkehr in den Iran kam für ihn nicht in Frage.

Leicht war es für Tahamtan nicht, in Deutschland Fuß zu fassen. Zwar bot man ihm eine Stelle in einem Architekturbüro an, doch er bekam keine Arbeitserlaubnis. Die Begründung des Arbeitsamts: Es gebe genügend deutsche Bewerber. „Ich wollte den Deutschen doch keine Arbeitsstelle wegnehmen, ich wollte einfach nur dazugehören“, sagt Tahamtan.

Bis heute hat er nicht verstanden, warum er die Stelle nicht bekam. „Schließlich habe ich hier studiert, beherrsche die Sprache und mir wurde der Arbeitsplatz sogar angeboten.“

Tahamtan wurde vor eine Entscheidung gestellt: „Man sagte mir, dass ich entweder Deutschland verlassen soll oder zusehen müsse, wo ich bleibe.“ Doch für Tahamtan stand fest: Das Land verlassen wollte er nicht. Zweieinhalb Jahre lang bekam er keine Sozialhilfe, durfte keiner festen Arbeit nachgehen. Erst nach fünf Jahren bekam er eine Arbeitserlaubnis, versuchte, sich mit Jobs in der Gastronomie über Wasser zu halten. „Ich wollte einfach nur irgendwie meine Familie ernähren.“

Seit 2008 lebt Tahamtan nun auf Wangerooge. Sein Sohn Sahand betreibt dort die „Fischbar“ und Samad Tahamtan hilft ihm dabei. „Wir halten immer zusammen“, meint er.

Ereignisse wie den Anschlag auf die Redaktion des Satiremagazins „Charlie Hebdo“ in Paris kann Tahamtan – selbst Muslim – nicht nachvollziehen. „Mein Glaube gehört doch mir ganz allein und geht nur mich etwas an“, sagt er. „Das muss man nicht anderen aufzwingen, schon gar nicht mit Gewalt“.

Obwohl sein Sohn Sahand in Deutschland geboren und aufgewachsen ist, haben beide Sorge, ob sie hier bleiben können. „Mein Sohn sagte zu mir: Wenn das so weiter geht, müssen wir uns in ein paar Jahren eine neue Heimat suchen – aber unsere Heimat ist doch Deutschland!“, sagt Tahamtan. „Wir sind fleißig und nett zu unseren Mitmenschen. Es würde mir in der Seele wehtun, wenn wir hier weg müssten.“

Tahamtan irritiert, dass er regelmäßig mit seiner Herkunft konfrontiert wird. „Gäste fragen ständig, woher ich komme, manchmal versuchen sie sogar, von vornherein mit Händen und Füßen ihre Bestellung aufzugeben. Dabei spreche ich doch gutes Deutsch“, meint er. Meist reagiere er mit einem Lächeln, auf große Erklärungen hat er keine Lust. Die ständige Konfrontation fällt ihm schwer. „Irgendwann reicht es auch mal. Ich kann mein Aussehen nicht verstecken.“ Er fühle sich deutsch und wohne schließlich seit etwa 40 Jahren hier.

Auch sein Sohn wird regelmäßig nach seiner Herkunft gefragt – sogar schon im Kindergarten. „Einmal kam er nach Hause und fragte mich, ob er seine Haare blond färben dürfe: Er war der einzige mit dunklen Haaren. Und das bekam er auch zu spüren“, erinnert sich Tahamtan.

Tahamtan findet, es sei Aufgabe der Eltern, Kindern zu zeigen, wie man respektvoll mit anderen Menschen umgeht. „Dabei ist es egal, wie jemand aussieht und woher er kommt – wir sind doch alle gleich.“

Inzwischen hat Tahamtan Freunde auf Wangerooge gefunden. Er nimmt am Inselleben teil, geht ins Theater und zu anderen Veranstaltungen. Wangerooge sei eine an sich friedliche Insel, findet Tahamtan. „Aber trotzdem bekommt man von einigen immer wieder zu spüren, dass man nicht so richtig dazugehört – das tut weh.“ Tahamtan schweigt einen Augenblick, dann fügt er hinzu: „Ich finde, man sollte andere respektvoll behandeln – egal, woher sie kommen.“

Antje Brüggerhoff
Agentur Hanz
Redaktion Jever
Tel:
04461 965312

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