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NWZonline.de Region Friesland Politik

Diese Inschrift sorgte für Streit

14.07.2018

Bockhorn Im deutsch-französischen Krieg 1870-71 waren sie „die braven Söhne“ Bockhorns, in den beiden Weltkriegen 1914-18 und 1939-45 „Helden, denen die Gemeinde dankbar ist“: jene Soldaten, die aus den Schlachten nicht wieder zurückgekehrt sind und denen die Ehrenmale auf dem Friedhof an der Grabsteder Straße gewidmet sind. Und genau diese Formulierung rief vor 30 Jahren zwei Bockhorner Bürger auf den Plan, die heftige Kritik an der Inschrift übten und damit den Ort polarisierten.

Soldaten als Verbrecher?

„Ihren Helden – die dankbare Gemeinde“ ziert in großen Lettern das aus Klinkern gemauerte, große Ehrenmal. „Seit Ende des Zweiten Weltkrieges werden die beiden Kriege von der ganzen Welt, vom Deutschen Volk, von den Kirchen und von uns als Verbrechen erkannt und verurteilt. Es kann doch nicht sein, daß die politische und die beiden Kirchengemeinden in Bockhorn das Handeln zu Heldentaten erklären, für die sie dankbar sind und wir als Christen und Bürger dankbar sein sollen“, schrieben der damalige Berufssoldat Bernd Lerdon und der Berater für Kriegsdienstverweigerer, Peter Tobiassen.

Der damalige Bürgermeister Gerhard Hanken sprach von „hart formuliert“, sah im Ehrenmal ein Mahnmal („Es kommt doch auf die Betrachtungsweise an“) – und wies darauf hin, dass „noch nie zuvor jemand an diesem Schriftzug Anstoß genommen hat“. Noch deutlicher wurde der damalige SPD-Fraktionschef Otto Schütz: „Eine Beleidigung für alle Angehörigen“, schimpfte er. Von einer „Schmutzigkeit ohnegleichen“ sprach Ewald Spiekermann, damals Unabhängige Wählergemeinschaft, später Bürgermeister in Bockhorn. Heute würde man das Wort Helden wohl nicht mehr schreiben, „aber man kann doch die Vergangenheit nicht einfach wegradieren“. Zwei Dinge störten den Kommunalpolitiker besonders in dem offenen Brief der Ehrenmal-Gegner: „Dass die Gefallenen zu Kriegsverbrechern degradiert werden und die Forderung aufgestellt wurde, das Ehrenmal nicht zu sanieren – dann verfällt es zur Ruine, ich verstehe nicht, dass man so etwas verlangen kann.“

„Schlag ins Gesicht“

Dagegen stand die Ratsfrau der Grünen Wählergruppe, Roswitha Schweichel, „voll und ganz“ hinter dem Brief. Als Kriegsverbrecher sah sie die gefallenen Soldaten und auch Zivilisten nicht, „und so war das in dem Brief auch nicht gemeint“. Dass die Menschen in den Krieg ziehen mussten, sei traurig, „aber mit Heldentum hat das nichts zu tun“. Sie hoffte, dass es „nun einen Denkprozess gibt“, sagte Schweichel.

Den gab es auch unter im „Heimatring“ zusammengeschlossenen Bockhorner Vereinen – mit Protesten: „Ein Schlag ins Gesicht“, kommentierte die Marinejugend. Und: „Wir verbessern die Geschichte nicht, wenn wir den Schriftzug verändern.“

Die Verfasser des Briefes dementierten wenig später in einem Leserbrief, das Ehrenmal verfallen lassen zu wollen. Vielmehr wollten sie dazu anregen, vor allem die Jugend aufzurufen, über das Ehrenmal und seine Inschrift nachzudenken und darüber zu beraten, das Denkmal umzugestalten. Wenn nun unterstellt werde, „dass wir versuchen, alle Soldaten zu Verbrechern abzustempeln, können wir das nur als Boshaftigkeit sehen“.

Die Diskussion um das Ehrenmal zog noch weitere Kreise: Der damalige Bürgermeister hatte das Bundesverteidigungsministerium darüber informiert, „dass der Berater für Wehrdienstverweigerer regelmäßig an Seminaren in Ostberlin teilnimmt“. So denunziert, nahm Tobiassen öffentlich Stellung, erklärte die Bedeutung der „Zentralstelle für Recht und Schutz der Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen“, einem Verein, der aus katholischen und evangelischen Jugendverbänden, der Gewerkschaft und auch Kirchen gegründet worden sei. Bei den Seminaren in Ost-Berlin habe es sich um Begegnungstagungen evangelischer Jugendgruppen gehandelt – mit Themen rund um Kriegsdienstverweigerung und Zivildienst in Ost und West.

Erinnerung verblasst

Das Ehrenmal mit der umstrittenen Inschrift gibt es unverändert noch heute, die Erinnerung an die Diskussion darüber verblasst. Vielleicht hat auch die Andacht des damaligen Pfarres Harro Kawaletz am Volkstrauertag 1988 – besser besucht als je zuvor – etwas bewirkt: In seiner Ansprache mahnte er zum Frieden und zur Versöhnung und riet eindringlich, Feindbilder abzubauen.


Alles zum Jubiläum unter   www.nwzonline.de/gemeinnuetziger200 

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