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NWZonline.de Region Friesland Politik

Nicht von Heimweh geplagt

15.02.2019

Jever Frau Antje bringt Käse aus Holland und sie ist seit mehr als 50 Jahren das Klischee der ländlich-traditionellen Holländer. Doch das Image verkörpern René Pijl und seine Familien nicht. Vor 30 Jahren wanderte er von Arnheim nach Deutschland aus und berichtete jetzt beim Jeverländischen Altertums- und Heimatverein über sein Leben als Neubürger. Und der Vortrag war trotz zwei weiterer großer Veranstaltungen in Jever gut besucht. Für viele Niederländer ist Deutschland zum gelobten Land geworden: 150 000 leben in Deutschland, gut 70 000 in Nordrhein-Westfalen, die meisten in Grenznähe.

Höfliche Deutsche

Haben Sie Heimweh Herr Pijl? - „Heb ik niet – Nee – ik wil hier niet meer weg und so bleiben er und seine Kinder in Deutschland und verlassen Jever nicht. Früher war es üblich, dass sich vornehmlich die landwirtschaftlich orientierten Niederländer im Jeverland auf den Höfen trafen – „aber das wird auch immer weniger“, sagt Pijl. Die erste Generation stirbt und die nächsten Generationen haben sich etabliert.

Die Deutschen sind höflich, die Niederländer ein bisschen „plump“, findet Pijl. Auch in den Niederlanden laufe es trotz optimaler Infrastruktur nicht richtig, sagt er. Die Provinzen Noord-Holland und Zuid-Holland sind übrigens nur zwei der insgesamt zwölf Provinzen, die zusammen die Niederlande bilden. Dennoch wird der Begriff „Holland“ häufig verwendet, wenn die gesamten Niederlande gemeint sind.

„Die holländische Sprache ist schwer – die deutsche aber auch“, erklärt Pijl in seinem putzigen Akzent in charmanter Offenheit und verhehlt nicht, dass in seinem Haus in Fischershäuser Zweisprachigkeit herrscht. Unterstützt von seiner Tochter Inge und Sohn Ewout berichteten er von den Erlebnissen mit dem deutschen Amtsschimmel, der in Holland nicht so wiehert und wie gut sich die Familie hier eingelebt haben. Ihre holländische Staatsbürgerschaft haben die Pijls (in Holland sagt man „ei“ zu den Buchstaben ij), behalten, weil es zu viele bürokratische Hürden für eine doppelte Staatsbürgerschaft gab.

Das bestätigt auch seine Tochter Inge, die nach einer Ausbildung in den Frieslandkliniken zur Weiterbeschäftigung eine Arbeitserlaubnis benötigte. Auch die Eheschließung war ein langwieriger Prozess über das holländische Konsulat in Berlin, weil dem Konsulat in Emden laut Pijl die nötige Kompetenz fehlte.

In ihrer Schulzeit war Inge Pijl nur drei Jahre Buskind und fuhr dann, so wie in Holland üblich, mit dem Rad. Ein Schulweg in Holland mit acht Kilometern Fahrradfahrt ist normal. Als Erstklässlerin hörte sie „Käserollerin“ und auch ihr Bruder kann sich noch an „Hänseleien“ erinnern.

Bei der Klauenpflege auf dem Carlshof in Gödens, den sein Schwager Schorlemmer bewirtschaftet, lernte René Pijl den verstorbenen Tiermediziner Dr. Carl Tammen kennen. „Sie müssen hierher kommen, Sie werden gebraucht“, forderte er Pijl auf. Tammen erkannte die Fachkompetenz Pijls in der Klauenpflege, die der Landwirtschaftsmeister 1971 von dem renommierten Tierarzt Dr. Egbert Toussaint Raven, erwarb. In der Klauenpflegetechnik hat er sich Anerkennung erworben, hat zahlreiche Publikationen veröffentlicht und begleitet sogar Dissertationen.

Zum Jahreswechsel 1988/89 wanderte er nach Deutschland mit dem damals noch aus zolltechnischem Grund verplombten Umzugswagen aus, passierte einfach ohne Abfertigung die Grenze, weil die Zollbeamten arbeitsfrei hatten. Probleme gab es nur mit der Aufnahme in eine Sozialversicherung als Selbstständiger, weil seine Frau schwanger war, eine Krankheit zählte nicht. Über Deutschland und seine Bürger zu „schimpfen“ liegt ihm fern, lediglich die Altersversorgung und die Rente ist in Holland finanziell besser geregelt, meint er. Ohne sich weiter politisch zu äußern.

„Viele Niederländer machen Urlaub in Deutschland, haben oft dieselben Interessen wie der große Nachbar und ,fallen‘ mit ihrem Wohnwagen auf Deutschlands Straßen ein“, sagte er mit einem Augenzwinkern. Meinungs- und Denkunterschiede sind ihm nicht bewusst.

Starker Wille

Dennoch bleibt ein Niederländer ein Niederländer, passt sich an und behält seinen starken Willen mit dem er sich „durchboxt“, eine Tugend, die er bei Deutschen vermisst, der viel zu schnell aufgebe: „Ich gehe nicht durch die Tür, sondern durch diese Tür“, so Pijl. Auch das Reden um „den heißen Brei kennen die Holländer nicht und das Obrigkeitsdenken ist ihnen fremd. Der akademische Titel ist in Holland kein Türöffner, jeder muss beweisen was er kann, erzählt Pijl.

Die Mär von den Bauern die auswandern und eine Prämie erhalten, widerlegte er. Subventionen für landwirtschaftliche Betriebsaufgaben gibt es in Holland in beachtlicher Höhe und mit diesem Kapitalvorteil, wanderten die Bauern zur Existenzsicherung nach Deutschland aus. Als Klauenpfleger berichtete er auch von den Sorgen und Nöten der Landwirte durch die Überregulierung wie auch die vielen Anfeindungen, die sie seelisch zermürbe.

Kritik übte er an der Landwirtschaft: Die Kühe werden für immer mehr Milchleistung gezüchtet, doch der Unterbau passt nicht mehr: Doch das sichert eben die Existenz als Klauenpfleger, die sein Sohn nicht weiterführt.

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