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NWZonline.de Region Friesland Politik

Studienreise: Endstation Vernichtungslager

03.08.2019

Jever /Oswiecim Begriffen hat Manfred Folkers damals nicht, was er sah: Im Schrank seiner Oma hing die Wehrmachtsuniform seines Opas, der im Zweiten Weltkrieg gefallen war. Manfred Folkers war noch ein kleiner Junge, als er mit kindlicher Neugier im Haus der Oma stöberte.

So wie bei der Oma gab es viele Haushalte im Landkreis Friesland und in ganz Deutschland, in denen sich noch Spuren der NS-Zeit finden ließen: Papiere mit Reichsadler und Hakenkreuz, ein paar Scheine Reichsmark, Uniformen oder Teile davon, Orden und Auszeichnungen, manchmal auch eine Ausgabe von Hitlers Manifest „Mein Kampf“ – Relikte aus einer Zeit, die in Manfred Folkers Kindheit erst kurz zurücklag.

„Der Oma hat nichts an den Nazis gelegen, es ging um den Opa, später hat sie alles weggegeben“, sagt Folkers. Erst später realisierte der heute 66-Jährige, was er damals im Kleiderschrank der Oma gesehen hatte. „Tatsächlich war das meine erste Begegnung mit dem NS-Regime und mein Interesse wurde geweckt und in den kommenden Jahren verstärkt“, sagt er.

Die Gedenkstätten


 Das heutige Oswiecim (Auschwitz) ist eine etwa 60 Kilometer südwestlich von Krakau gelegene Kleinstadt mit ca. 40 000 Einwohnern. Die Stadt lebt von einem großen Chemiewerk. Zur NS-Zeit arbeiteten dort Zwangsarbeiter aus den Lagern.


 Etwa 2,5 Millionen Menschen besuchen heute die Gedenkstätten Auschwitz und Birkenau. Gut 750 Menschen arbeiten in den Ausstellungen und Museen. Die meisten Besucher kommen aus Polen, Israel, den USA, Großbritannien und Frankreich. Deutschland steht mit gut 3,5 Prozent der Besucher an sechster Stelle.

Inzwischen ist Folkers, der bis zur Pensionierung zuletzt als Niederlassungsleiter bei Weser-Ems-Bus gearbeitet und seine berufliche Laufbahn 1968 bei der Deutschen Bahn begonnen hat, tief im Thema. Er hat zahlreiche Gedenkstätten und ehemalige Konzentrations- und Arbeitslager in Deutschland und europäischen Nachbarländern besucht.

Jetzt konnte er sein Interesse für die Eisenbahn und das NS-Regime miteinander verbinden: Denn die einstige Reichsbahn, aus der später die Deutsche Bahn hervorging, spielte in der NS-Zeit eine bedeutende Rolle. Gemeinsam mit seinem Kollegen Thomas Hoheisel besuchte Folkers nun ein Seminar mit dem Titel „Züge in den Tod – Endstation Auschwitz“ der Eisenbahngewerkschaft EVG.

Dafür reisten die beiden mit Flugzeug und Bahn in die Nähe des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz nach Polen. Dort wurden sie in verschiedenen Arbeitsgruppen inhaltlich und emotional auf den Besuch der Gedenkstätte vorbereitet. „Die Eisenbahner und die Lokführer, die die Deportationszüge fuhren, wussten, was mit den Menschen in den Waggons passiert“, sagt Manfred Folkers.

Vielleicht seien die Machenschaften der Nazis nicht jedem kleinen Schrankenwärter bewusst gewesen – „aber die Höheren bei der Reichsbahn, die haben das gewusst“, betont er. Zumal die Nazis zu Beginn ihres Regimes auch keinen Hehl aus den Lagern gemacht hätten.

„Mit Beginn der Nationalsozialistischen Herrschaft setzte auch die schrittweise ,Gleichschaltung‘ der Reichsbahn ein“, erklärt Folkers. „Die Eisenbahnergewerkschaften wurden verboten, jüdische Reichsbahnbeamte verloren aufgrund der Nürnberger Rassengesetze und nach dem Erlass des ,Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums‘ ihre Arbeit“, sagt er. Die Gleichschaltung der Reichsbahn bedeutete laut Folkers auch, dass jede vom Regime geforderte Transportleistung erbracht wurde – auch die Deportationstransporte in die Konzentrations- und Vernichtungslager.

„Und wie im Beamtentum üblich, bewegte sich die Reichsbahn damit im Rahmen von Recht und Gesetz“, sagt Folkers. „Zu Beginn der Deportationszüge brauchte sogar noch jeder eine Fahrkarte, der dort mitfahren musste – unglaublich perfide.“

Im Seminar begaben sich die Teilnehmer auf die Spuren dieser Vernichtungszüge nach Auschwitz. „Es war eine harte und emotionale Konfrontation mit dem Thema, die ich noch sacken lassen muss“, sagt Folkers. Er sei in Auschwitz und im Vernichtungslager Birkenau den Opfern des NS-Regimes sehr nahe gekommen. „Das hat mich tief bewegt“, sagt er. Haarberge hinter Glas, ein Hügel aus Asche, leere Kartuschen des Vernichtungsgases Zyclon B, das letzte Gespräch einer jüdischen Mutter mit ihrer achtjährigen Tochter kurz vor der Vernichtung der beiden – vieles von dem, was er in Auschwitz und Birkenau gesehen und gehört hat, hallt noch in ihm nach.

Beim Besuch des Vernichtungslagers Birkenau beobachteten die Seminarteilnehmer gut 150 israelische Soldatinnen und Soldaten mit ihrer Nationalfahne, die unter den Klängen einer Trompeterin durch das Tor gingen und im Lager ihre Nationalhymne sangen. „Da konnte keiner mehr seine Emotionen zurückhalten“, sagt Folkers.

Allein im Stammlager Auschwitz und im Vernichtungslager Birkenau, das mit 180 Hektar riesengroß war, wurden 2,5 Millionen Menschen ermordet. Insgesamt wurden 6,3 Millionen europäische Juden in den Lagern ermordet. „Aus Respekt vor diesen Menschen haben wir in Auschwitz jeder eine Rose bekommen, die wir dort niederlegen sollten, wo wir der Menschen gedenken“, sagt Folkers.

Er sieht auch Parallelen zu heutigen rechtsextremistischen Ideologien und Strömungen. „Es ist erschreckend, wenn man sich das mal genauer ansieht und mit Reden aus der NS-Zeit vergleicht“, sagt er. Einig ist er sich mit den Seminarteilnehmern darüber, „dass die rechtsextremen Strömungen erkannt und eingedämmt werden müssen“. Unsere Geschichte habe uns schließlich gelehrt, wohin dieses Gedankengut führen kann.

Rahel Wolf Agentur Hanz / Redaktion Jever
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